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Kroatien im WM-Finale: Ein Rückblick auf den kroatischen Nationalismus

Kroatien im WM-Finale: Ein Rückblick auf den kroatischen Nationalismus
Nationalstolz ist weit verbreitet in Kroatien
Es ist die Sensation für das so sportverrückte Kroatien. Mit dem Einzug der Feurigen ins WM-Finale haben sie die große Chance, Fußballweltmeister zu werden. Doch mit dem Ruf "Slawa Ukraini" entbrannte auch eine Diskussion um den Nationalismus in Kroatien.

Von "Ustascha-Liedern in der kroatischen Kabine" sprechen trauernde Fans der russischen Nationalmannschaft, als ein Video auftauchte, in welchem der kroatische Innenverteidiger Domagoj Vida den Sieg über Russland mit dem Ruf "Slawa Ukraini" (Heil der Ukraine) der Ukraine widmete. Wie dumm, peinlich und unangebracht das war, wusste Vida spätestens im Halbfinale, als ein gellendes Pfeifkonzert seine Ballkontakte quittierte. Für viele kritische Stimmen reichte dieses Video als Beweis dafür, dass Kroatien ein faschistisches Land ist. Aber ist das wirklich so? Ein Rückblick.

Kroatiens Domagoj Vida feiert mit Vedran Corluka und Dejan Lovren sein zweites Tor gegen Russland.

Im Jahr 2017 besuchten 17,4 Millionen Touristen das kleine Land an der Adria. Sie erlebten zauberhafte Buchten, glasklares Wasser und eine gastfreundliche Nation, die sie mit Speis und Trank der Region empfing. Sie haben ein Kroatien erlebt, dass sich von seiner Sonnenseite präsentierte und das sie deshalb immer wieder gerne besuchen. Das zeigt sich nicht nur an den steigenden Übernachtungszahlen und im Schatten derer auch an den steigenden Preisen, sondern auch an extrem langen Staus, die sich vor der kroatischen Grenze und dann wieder bei Mautstellen bilden.

Die Besucher, die Land und Leute kennenlernen wollen, werden eine offene Bevölkerung erleben, die den Kontakt mit den "turisti" nicht scheut. Sie werden auch eine Bevölkerung erleben, die sehr stolz auf ihr Kroatien ist. Nicht, weil die vielen Regierungen in Zagreb seit der Unabhängigkeit 1991 Großes geleistet haben und es den Menschen deswegen gutginge. Ganz im Gegenteil. Aber dem Patriotismus der Kroaten hat das keinen Abbruch getan. Und dem Nationalismus, der seit der Unabhängigkeit von Jugoslawien von staatlicher Seite anfänglich gefördert und anschließend geduldet wurde, erst recht nicht.

Auch Kroatien erlebte bereits in den späten 1960er-Jahren eine politische Massenbewegung, die als "Kroatischer Frühling" in die Geschichte eingehen sollte. Von Titos "Brüderlichkeit und Einigkeit" (bratstvo i jedinstvo) enttäuscht, weil sich die Zentralregierung weigerte, ausländische Deviseneinnahmen gerechter zu verteilen (50 Prozent der Devisen wurden in Kroatien generiert, doch nur sieben Prozent davon blieben in der kroatischen Teilrepublik), wurde auch der Ruf nach einer erneuten Unabhängigkeit wieder lauter. Tito reagierte darauf vor Ort in Zagreb:

Ich bin sehr wütend […]. Kroatien ist das Schlüsselproblem in unserem Land, was die Raserei des Nationalismus anbelangt. Das gibt es in allen Republiken, aber bei Euch ist es jetzt am schlimmsten.

Wie groß seine Wut war, zeigte Tito, als er die Jugoslawische Volksarmee aus den Kasernen holte und dem "Kroatischen Frühling" ein jähes Ende bereitete. General Janko Bobetko, ein Weggefährte Titos im Partisanenkrieg gegen die Nazis und deren kroatischen Zöglinge, die Ustaschi, weigerte sich, seine Soldaten gegen Zivilisten einzusetzen, und wurde deshalb umgehend entlassen. Viele Jahre später sollte er zum Generalstabschef der Armee werden, aber der des neuen, unabhängigen Staates Kroatien. Ein weiterer Partisanenkämpfer und anschließender General der Volksarmee, Franjo Tuđman, setzte sich während des "Kroatischen Frühlings" für eine größere Autonomie und Eigenständigkeit der Sprache in Kroatien ein und wurde wegen "konterrevolutionärer Umtriebe" angeklagt. Wie Janko Bobetko erlebte auch Tuđman den Höhepunkt seiner politischen Karriere mit der Ausrufung eines unabhängigen Staates Kroatien, dessen erster Staatspräsident er werden sollte.

In den ehemaligen Einzelstaaten Jugoslawiens unterstützten noch viele Menschen die Ideen des sozialistischen Republikgründers Josip Broz Tito:

Einhergehend mit den kroatischen Unabhängigkeitsbestrebungen, fürchtete sich die serbische Minderheit auf dem Territorium des künftigen Staates vor dem Verlust ihrer Rechte und Privilegien, die sie durch die Zentralregierung in Belgrad garantiert sahen. Während sich die kroatische Seite auf ihre Unabhängigkeit vorbereitete und einen eigenen Sicherheitsapparat aufbaute, traf auch die serbische Seite Vorbereitungen, um genau diese Entwicklung zu stoppen. Am 31. März 1991 entlud sich diese Spannung zum ersten Mal in Gewalt, als serbische Nationalisten einen Bus mit kroatischen Polizeiangehörigen im weltberühmten Nationalpark Plitvicer Seen angriffen und dabei einen Mann töteten. Dieser Vorfall sollte als "Blutige Ostern" in die Annalen des bevorstehenden Krieges eingehen.

Die jugoslawische Regierung in Belgrad wollte die Unabhängigkeitsbestrebungen der Slowenen und Kroaten nicht akzeptieren und griff schließlich zu militärischen Mitteln. Die geplante Offensive sollte in relativ kurzer Zeit über Vukovar starten, eine strategisch wichtige Grenzstadt zwischen Kroatien und Serbien. Laut Veljko Kadijević, dem Architekten des Krieges und ehemaligem General der Jugoslawischen Volksarmee, der zu dem Zeitpunkt Verteidigungsminister Jugoslawiens war, war das Ziel der Offensive, über Vukovar schnell nach Zagreb vorzustoßen und die kroatische Regierung zu stürzen.

Zu diesem Zweck schickte Kadijević 30.000 Soldaten und Hunderte Panzer in Richtung Vukovar, die am 25. August 1991 das Feuer eröffneten. Mit einer großen serbischen Minderheit in der Stadt und wohlwissend, dass die Kroaten über keine nennenswerte Armee verfügten, rechnete der jugoslawische Verteidigungsminister mit einem schnellen Fall von Vukovar. Als aber trotz überlegener Feuerkraft am Boden und aus der Luft die Offensive auf unerwartet erbitterten Widerstand stieß, offenbarten sich plötzlich Kräfte, die lange Zeit für tot gehalten wurden: faschistische Nationalisten.

Obwohl Vukovar, damals eine Stadt mit über 44.000 Einwohnern (heute sind es rund 30.000), in nur drei Monaten dem Erdboden gleichgemacht wurde und die Jugoslawische Volksarmee nebst ihren eigenen Truppen noch Tausende serbische Extremisten für die Eroberung einbezog, standen ihnen anfänglich etwa 2.000 Kämpfer gegenüber. Viele von ihnen unterstanden nicht dem Kommando der Kroatischen Verteidigungskräfte, wie sich die Armee zu diesem Zeitpunkt noch nannte, sondern einer paramilitärischen Miliz, die das gleiche Kürzel trug wie die Ustascha-Armee während dem Zweiten Weltkrieg: HOS.

Im Februar 1990 gründete Dobroslav Paraga die faschistische Partei HSP (Hrvatska Stranka Prava / Kroatische Partei des Rechts) und organsierte einen eigenen bewaffneten Flügel, die "Kroatischen Verteidigungskräfte" HOS. Auch die Ustascha-Armee verwendete diese Abkürzung, allerdings stand es damals für die "Kroatischen bewaffneten Kräfte". Und wie schon die Ustaschi vor ihnen, unterhielten die HOS eine Art Spezialeinheit, die "Schwarze Legion". Die dreihundert Mann starke Truppe erntete in der kroatischen Bevölkerung große Bewunderung, da sie, völlig in schwarz gekleidet, in Vukovar fanatischen Widerstand leistete und ihre Mitglieder schließlich auch die Letzten waren, die sich aus der Stadt zurückzogen und sie den Serben überlassen mussten.

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Diese Bewunderung hatte aber nichts damit zu tun, dass sich nun plötzlich alle Kroaten als Faschisten fühlten und die nationalsozialistische Ideologie guthießen. Angesichts des Horrors, den sie im Fernsehen oder persönlich über Vukovar sahen und das gleichgültige Schulterzucken der internationalen Gemeinschaft erlebten, gaben ihnen diese Kämpfer der HOS das Gefühl, dass Widerstand gegen diese übermächtig erscheinende jugoslawische Armee möglich ist.

Ich selbst habe diese Bewunderung in Osijek erlebt, der viertgrößten Stadt Kroatiens mit über 100.000 Einwohnern. Osijek wurde nach dem Fall von Vukovar als nächste Stadt auf dem Weg nach Zagreb bombardiert und von drei Seiten eingekesselt. Mitten in diesem Beschuss saß auf dem Markt seelenruhig ein Kämpfer, völlig in schwarz gekleidet und mit zwei umgeschnallten Patronengurten. Dieses Bild hatte etwas von dem Film "Rambo". Ich erinnere mich noch genau, wie die wenigen Menschen, die während des Beschusses auf der Straße waren, diesen Mann mit an Ehrfurcht grenzender Bewunderung beobachteten. Eine ältere Dame sprach ihn schließlich an und meinte:

Vukovar ist gefallen, ich weiß. Und bis eben noch dachte ich, dass auch Osijek fallen wird. Aber jetzt habe ich dich gesehen, mein Sohn, Gott hat uns doch nicht verlassen.

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Sie wollte ihm noch etwas Geld geben, was er aber ablehnte und sich für ihre Worte bedankte.

Dieses Erlebnis steht stellvertretend für die vielen Erfahrungen, die sich während des gesamten Krieges in die kollektive Psyche der Bevölkerung eingebrannt haben. Der HSP-Führer Paraga wurde Ende 1991 verhaftet und die HOS in die offizielle kroatische Armee eingegliedert. Obwohl den Menschen die Gräueltaten der fanatischen HOS-Kämpfer bekannt waren, sie die nationalsozialistische Ideologie ablehnten und ihnen Verherrlichung von Gewalt generell fremd war, waren sie dennoch bereit, vieles davon im Namen des Patriotismus zu ignorieren.

Die kroatische Regierung versuchte, mit der Verhaftung von Dobroslav Paraga den faschistischen Charakter der HSP-Partei zu entschärfen, was aber nur zum Teil gelang. Auch das Verbot des Rufes "Za dom, spremni!" (Für die Heimat, bereit!) konnte nichts daran ändern, dass dieser Ruf von Patrioten und Nationalisten gleichermaßen übernommen wurde, die nichts mit der dunklen Vergangenheit dieses Rufes zu tun haben. Er wurde Teil der modernen kroatischen nationalistischen Kultur.

Während gegen Ende der 1990er-Jahre die Euphorie über einen möglichen Beitritt Kroatiens zur Europäischen Union immer größer wurde, nahm die Strahlkraft des Nationalismus – aber nicht des Patriotismus – ab. Erst als sich die von der Politik zuvor kräftig geschürten riesigen Erwartungen an den EU-Beitritt am Ende nicht erfüllten, erlebten die Nationalisten eine Art Renaissance. Ein Phänomen, das man in vielen anderen Ländern ebenfalls beobachten kann.

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