Der unglaubliche Fall Skripal wird immer rätselhafter - London schuldet Moskau eine Erklärung

Der unglaubliche Fall Skripal wird immer rätselhafter - London schuldet Moskau eine Erklärung
Archivbilder. Sergej und Julia Skripal
Seit der mutmaßlichen Vergiftung von Sergej und Julia Skripal auf britischem Boden, für die London den Kreml verantwortlich macht, sind beide Betroffenen nicht mehr gesehen worden. Russland zufolge werden die Skripals gegen ihren Willen festgehalten.

von Robert Bridge

Wenn die Welt jemals einen Sherlock Holmes brauchte, um ein Verbrechen zu lösen, dann ist es jetzt an der Zeit. Aber auch Londons legendärer Superdetektiv hätte Mühe, den Fall der vermissten Skripals – Sergej und seine Tochter Julia – zu lösen, und das nicht zuletzt, weil ihre Geschichte von politischen Intrigen und Schwindeleien geprägt ist.

Tatsächlich weigert sich die britische Regierung nicht nur, Informationen über den Fall mit Russland zu teilen – trotz der Tatsache, dass es sich um einen offensichtlichen Mordversuch an zwei russischen Bürgern handelt –, sie hat es sogar abgelehnt, Familienangehörigen den Besuch der Opfer in England zu gestatten. Eine entsprechende Bitte von Wiktoria Skripal, der Cousine von Julia Skripal, wurde gerade zum zweiten Mal ohne Erklärung zurückgewiesen.

Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, sagte gegenüber Sky News:

Wir haben den Verdacht, dass sie entführt und gegen ihren Willen festgehalten wurde.

Für diejenigen, die mit der Geschichte nicht vertraut sind: Sergej Skripal und seine Tochter Julia wurden Berichten zufolge am 4. März im englischen Salisbury dem tödlichen Nervengas A-234, auch bekannt als "Nowitschok", ausgesetzt.

Nur wenige Tage nach der angeblichen Vergiftung verbreitete die britische Premierministerin Theresa May eine Verschwörungstheorie, als sie ohne jegliche Beweise erklärte, es sei "sehr wahrscheinlich", dass die russische Regierung für den Vorfall verantwortlich ist. In der Folge setzte sie Moskau eine Frist von 24 Stunden, um reinen Tisch zu machen - worauf der russische Präsident Wladimir Putin trocken antwortete, dass man einer Atommacht normalerweise keine Ultimaten stelle.

Tatsache ist, dass sogar ein Amateurdetektiv einige gravierende Unstimmigkeiten in der offiziellen Geschichte feststellen konnte. Diese hätten die Mitglieder der britischen Regierung, wie Boris Johnson, davon abhalten sollen, auf den verrückten antirussischen Zug aufzuspringen. Denken Sie zum Beispiel daran, wie die Skripals dem Nervengas ausgesetzt gewesen sein sollen.

Ermittler, die den Fall untersuchen, "fanden die höchste Konzentration des Nervengases an der Haustür an der Adresse", so ein Bericht in The Guardian. So wird erwartet, dass wir glauben, dass Sergej und Julia Skripal, nachdem sie dem tödlichsten Nervengas ausgesetzt waren, das je aus einem Labor entkommen konnte, die nächsten Stunden damit verbrachten, in einem Restaurant in Salisbury zu essen und zu trinken, bevor die Polizei das Paar bewusstlos auf einer Parkbank entdeckte. Angeblich werden sich beide von den Geschehnisse erholen.

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Um zu verstehen, wie absurd das klingt, muss man etwas über diese Substanz namens Nowitschok wissen. Dieses Nervenmittel, das fünf- bis achtmal tödlicher als das VX-Nervenmittel sein soll, ruft bei seinen Opfern innerhalb von nur 30 Sekunden bis zwei Minuten nach der Exposition Symptome hervor. Ein sehr unangenehmer Tod - der ein entspanntes Abendessen unmöglich macht - würde in der Regel sehr bald erfolgen.

Wenn also wirklich ein militärisches Nervenmittel gegen die Skripals eingesetzt worden wäre, wie ist es dann möglich, dass die einzigen Todesfälle die der Meerschweinchen des Skripals waren, die angeblich an Dehydrierung – und nicht an einer Vergiftung – starben, nachdem sie viele Tage lang in seinem Haus vernachlässigt worden waren? Trägt diese eklatante Inkompetenz zudem die Merkmale eines "staatlich geförderten Angriffs", wie die britische Regierung behauptet?

Dekontaminationsarbeiten in Salisbury.

Unterdessen haben die Bemühungen, etwas Licht in das Mysterium zu bringen, nur noch mehr Verwirrung gestiftet. Im vergangenen Monat hat beispielsweise Alexander Jakowenko, der russische Botschafter in Großbritannien, eine von der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) durchgeführte Untersuchung kritisiert, von der er sagte, sie stehe "unter Kontrolle" der britischen Seite.

Wir haben festgestellt, dass die Arbeit der OPCW-Experten im Vereinigten Königreich nicht den CWC-Standardverfahren entsprach, sondern im bilateralen Format mit dem Vereinigten Königreich, dem es an Transparenz mangelt", so der Botschafter.

Jakowenko betonte, was Russland schon immer gesagt hat: dass die Formel des Nervenmittels A-234, auch bekannt als Nowitschok, "in jedem chemischen Labor hergestellt und erforscht werden kann". Langsam, aber sicher kommt diese Wahrheit ans Licht.

Anfang dieses Monats gab der tschechische Präsident Miloš Zeman zu, dass auch sein Land an der Produktion von Nowitschok beteiligt war. "Man muss feststellen, dass unser Land Nowitschok produziert und getestet hat, obwohl es nur in kleinen Mengen produziert und dann zerstört wurde", sagte der tschechische Staatschef dem Fernsehsender Barrandov. "Es gibt keinen Grund zu lügen."

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Unterdessen gaben einige deutsche Rundfunkanstalten und Tageszeitungen, darunter der NDR und die Zeit, einen Bericht heraus, der enthüllte, dass ein russischer Wissenschaftler bereits unmittelbar nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion den deutschen Geheimdienst mit Informationen über die Entwicklung von Nowitschok versorgt hatte. Er zitierte ungenannte Quellen innerhalb des BND.

Der Bericht enthüllte weiter, dass der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl dem BND angeordnet hatte, die Formel mit den "engsten Verbündeten" Berlins, einschließlich der Geheimdienste der USA und Großbritanniens, zu teilen.

So ist die chemische Zusammensetzung von Nowitschok vielen NATO-Ländern, darunter die USA und Großbritannien, seit langem bekannt. Diese unbequeme Wahrheit erhöht die Zahl der möglichen Verdächtigen, die aus irgendeinem Grund versucht sein könnten, die Skripals zu ermorden. Die Beschuldigung Russlands aber, die in den westlichen Hauptstädten in Mode ist, scheint ganz oben auf der Liste der möglichen Motivationsfaktoren zu stehen.

Was wusste Merkel?

Was auch immer der Fall sein mag, nichts davon verheißt besonders Gutes für das zukünftige Wohlergehen von Sergej und Julia Skripal - wo immer sie auch sein mögen. Zwei russische Staatsbürger, die in einer Zeit, in der das hysterisch betriebene Russland-Bashing in aller Munde ist, in ein Spiel mit hohen Einsätzen verwickelt zu sein scheinen.

Zu dem Zeitpunkt, als dieser Artikel entstand, erklärte die nationale Gesundheitsbehörde NHS England, dass Sergej Skripal aus dem Krankenhaus entlassen worden sei. Allerdings wird diese Ankündigung wahrscheinlich keine Einzelheiten über den Verbleib von Skripal und seiner Tochter, die im März freigelassen wurde, enthalten. Unter Berufung auf das Patientengeheimnis erklärte der NHS, dass er keine Angaben zu den Patienten machen könne.

Robert Bridge ist ein US-amerikanischer Schriftsteller und Journalist. Der ehemalige Chefredakteur von "The Moscow News" ist Autor des Buches "Midnight in the American Empire", das im Jahr 2013 veröffentlicht wurde.

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