Causa Seppelt: ARD-“Dopingexperte” darf zur WM einreisen

Causa Seppelt: ARD-“Dopingexperte” darf zur WM einreisen
Der selbsternannte Dopingexperte Hajo Seppelt darf nun doch nach Russland einreisen und bei der Fußball-WM vor Ort kräftig mitfeiern. Von seinen Behauptungen über Staatsdoping bleibt indes wenig übrig, sein Kronzeuge hat seine Aussagen widerrufen.

von Gert-Ewen Ungar

Seppelt, darauf weist die Russische Botschaft in Berlin hin, gilt zwar nach wie vor als unerwünscht, aber er darf einreisen. Man kann sich jetzt schon ausrechnen, wer sich alles dieses Zugeständnis als Orden an die Brust hängen wird. Die Hinweise der Russischen Botschaft darauf, wer alles auf westlichen Sanktionslisten steht und bei uns nicht einreisen darf, wird man geflisssentlich überlesen.

Keinem geringeren als dem sich als investigativen Journalisten verstehenden Hajo Seppelt wird die Teilnahme an der großen Sause vor Ort verweigert.

Dennoch ist schön für Seppelt, denn die Fußball-WM wird garantiert eine ziemlich große Sause. Noch schöner ist freilich, wenn man dann von der Sorge befreit, den Umtrunk selbst bezahlen zu müssen, daran teilnehmen kann. Der GEZ sei Dank!

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es aber noch, denn Seppelts Expertentum ist auch in Russland gefragt - vor Gericht nämlich. Seppelt soll zu seinen Recherchen, vor allem aber zu seinem Kronzeugen, dem ehemaligen Leiter des Russischen Anti-Doping-Labors Rodtschenkow, aussagen.

Dieser Kronzeuge ist ihm inzwischen weitgehend weggebrochen. Rodtschenkow ist in die USA geflüchtet und hat seine früheren Aussagen in weiten Teilen widerrufen. Seppelts Vorwurf des Staatsdopings stützt sich aber genau auf diesen Zeugen. Auch der Internationale Sportgerichtshof hält die von Rodtschenkow vorgetragenen Beweise für nicht gerichtsfest und spricht russische Athleten vom Vorwurf des Dopings frei.

Das ist alles freilich mehr als ungünstig für die steilen These vom Doping in staatlichem Auftrag, die Seppelt dessen ungeachtet weiterhin verbreitet. Erschwerend kommt hinzu, dass Rodtschenkow bereits 2011 eine schwerwiegende psychologische Diagnose erhielt: Bei ihm wurde eine schizotypische Persönlichkeitsstörung diagnostiziert, die in der Regel chronisch verläuft. Auch wenn diese sich mit Medikamenten inzwischen gut regulieren lässt, völlig symptomfrei lebt man nicht. Der Glaubwürdigkeit seiner Behauptungen  über allumfassendes staatliches Doping, ausgeführt von einem unsichtbaren, jedoch machtvollen Netzwerk, ist diese Diagnose jedenfalls nicht zuträglich. 

Jetzt wäre für Seppelt genau der richtige Zeitpunkt, einzugestehen, dass an den wilden Behauptungen möglicherweise nicht alles stimmt. Dass man vielleicht noch ein paar andere Zeugen hätte auftreiben sollen, dass vielleicht noch ein paar zusätzliche Belege gut gewesen wären. Dass unter Umständen voreilige Schlüsse gezogen wurden, man vielleicht ein bisschen schlampig gearbeitet hat.

Jetzt könnte Seppelt beweisen, dass es ihm tatsächlich um Aufklärung und nicht um eine politische Agenda geht, deren Ziel es ist, Russland möglichst schlechtzumachen. Genau jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, mit Russland und der russischen Gerichtsbarkeit zusammenzuarbeiten, um den Sachverhalt möglichst restlos und unter Maßgabe eines unabhängigen, rechtsstaatlichen Verfahrens aufzuklären.

Vermutlich wird nach einer gründlichen gerichtlichen Untersuchung nicht viel übrig bleiben von Seppelts Behauptungen. Das ist nicht weiter schlimm. Jeder macht Fehler, jeder versteigt sich ab und zu in abstruse Theorien.

Jeder kennt das: Da sitzt man abends gemeinsam beim Bier, und plötzlich ist nach der vierten Runde allgemeiner Konsens, dass da irgendjemand in irgendeiner Angelegenheit im Hintergrund die Fäden zieht. Allen in der Runde kommt es vor, als habe man jetzt der Schlüssel zur Wahrheit gefunden. Am nächsten Tag fällt einem auf, was für einen Unsinn man doch geredet hat.

Man kann das entschuldigen. Vor allem aber kann man sich entschuldigen, wenn die steilen Thesen nicht in der Vertrautheit des Stammtischs blieben, sondern weitreichende Konsequenzen hatten. Man kann sich zumindest entschuldigen, wenn offensichtlich wird, dass man daneben lag.

Dazu braucht es allerdings auch ein gewisses Maß an Größe. Ob Seppelt und die ARD-Granden über diese Größe verfügen, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Falls das nicht der Fall sein sollte, dann bitte als Strafe das Höchstmaß für Seppelt. Er war ja auch nicht zimperlich in seinen Forderungen.

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