Meinung

Versöhnung ohne Unrechtsbewusstsein? Polen macht seinen Frieden mit der Bandera-Ukraine

Der 11. Juli ist in Polen Gedenktag für die Opfer der ukrainischen Massaker im Zweiten Weltkrieg. In diesem Jahr stellte die polnische Politik den Tag in das Zeichen der Versöhnung mit der Ukraine. Ob dies auf der Grundlage der ukrainischen Täterverehrung möglich ist?
Versöhnung ohne Unrechtsbewusstsein? Polen macht seinen Frieden mit der Bandera-UkraineQuelle: Sputnik © Alexei Witwizki/RIA Nowosti

von Anton Gentzen

Am 11. Juli gedenkt Polen traditionell der polnischen Opfer des Massakers von Wolhynien und Ostgalizien, das in den Jahren 1943 bis 1945 von ukrainischen Nationalisten in der heutigen Westukraine und einigen südöstlichen Regionen Polens begangen worden war. Dieses Jahr traf das Gedenken auf den Schulterschluss der amtierenden polnischen Regierung mit einer Ukraine, die seit einigen Jahren ebenjene Polen- und Judenmörder sowie ihren geistigen Wegbereiter Stepan Bandera zum festen Bestandteil des nationalen Heldenmythos erhoben hat. Verbale Verrenkungen waren da vorprogrammiert.

Der 11. Juli 1943 war nicht der erste Akt des über zwei Jahre dauernden, nach jeder Definition als Genozid an Polen zu fassenden Blutvergießens. Bereits am 9. Februar 1943 hatte die "Ukrainische Aufständischenarmee" (UPA) in dem Dorf Parośla etwa 150 Menschen ermordet.

In der Folgezeit ereigneten sich organisierte Pogrome ukrainischer Nationalisten an der polnischen Zivilbevölkerung der Region nahezu täglich. Zwischen Ende März und Anfang April 1943 wurden 7.000 unbewaffnete Männer, Frauen und Kinder von der UPA ermordet. Allein in der Nacht vom 22. zum 23. April 1943 kamen beim Niederbrennen des Dorfes Janowa Dolina 600 Polen ums Leben. Auch im Mai und Juni ereigneten sich Morde an Polen und Russen.

Der 11. Juli 1943 wird in der polnischen Gedenktradition deshalb hervorgehoben, weil mit ihm eine besonders intensive und opferreiche Phase des Genozids begann. Innerhalb weniger Tage ermordeten die "Kämpfer" der UPA brutal Zehntausende von galizischen Zivilisten: Polen, Russen und die wenigen noch verbliebenen Juden.

An diesem "Blutsonntag" genannten Tag starteten die UPA-Einheiten um 3 Uhr morgens einen koordinierten Angriff auf fast 100 polnische Siedlungen in Wolhynien. Die Dörfer wurden in der Taktik, die die ukrainischen Nationalisten als deutsche Hilfswillige zuvor insbesondere in Weißrussland einstudiert hatten, abgeriegelt, woraufhin Massenmorde und Zerstörungen begannen. Die ukrainischen Nationalisten versuchten, keine Kugeln zu "verschwenden", häufigste Mordwerkzeuge waren Äxte, Messer, Hämmer, … Die sadistische Phantasie der Mörder trug besonders bei Kindern und Frauen grausame Blüten. Nachdem die Bevölkerung eines Dorfes nahezu komplett ausgelöscht worden war, wurde das Dorf niedergebrannt.

Das fast ununterbrochene Massaker an den Polen dauerte bis zum 16. Juli. In einer Woche wurden mehr als 500 polnische Dörfer zerstört und etwa 20.000 Polen getötet, was den Höhepunkt der ethnischen Säuberung in Wolhynien darstellte.

Insgesamt haben die ukrainischen Nationalisten bis 1945 nach vorsichtigen Schätzungen zwischen 50.000 und 60.000 Polen ermordet. Andere Schätzungen gehen von bis zu 300.000 Opfern des Massakers in Wolhynien und Galizien aus.

79 Jahre später stellte der amtierende polnische Präsident Andrzej Duda den Gedanken der Versöhnung mit dem Nachbarvolk in den Vordergrund. Und das ungeachtet dessen, dass die Täter des Massakers an den Polen in der Ukraine nach dem Maidan als Nationalhelden verehrt werden und die Bandera-Ideologie fester Bestandteil des politischen Mainstreams der Ukraine in ihrem heutigen Zustand geworden ist. Eine historische Aufarbeitung findet nicht statt, dafür werden Parolen der UPA (beispielsweise "Ruhm der Ukraine – Den Helden Ruhm") zum offiziellen Gruß der ukrainischen Armee erklärt und diese damit in die unselige Tradition der UPA gestellt. Der Tag der Gründung der UPA ist in der Ukraine ein staatlicher Feiertag.

Duda forderte zwar die Anerkennung der historischen Wahrheit durch das Nachbarland, zeigte aber zugleich Verständnis dafür, dass das Aussprechen dieser Wahrheit unterbleibt. Das liege, spekulierte der polnische Präsident, am Schuldkomplex der Ukrainer. Es sei für sie angesichts des Ausmaßes des Verbrechens schwer, die Schuld anzuerkennen.

Die präsidiale Erklärung auf der offiziellen Webseite des polnischen Präsidenten (auf der der Besucher zuerst von einer großformatigen Solidaritätserklärung mit der Ukraine empfangen wird) ist relativ knapp gehalten. Hier der volle Wortlaut:

"'Was heute zwischen Polen und Ukrainern geschieht, ist der beste Beweis dafür, dass es nicht um Rache geht. Es gibt heute keine Polen, die nicht wissen, worum es bei dem Gemetzel in Wolhynien ging, und dennoch nehmen sie Ukrainer unter ihrem Dach auf und leisten der ganzen Nation und dem Staat Hilfe', sagte Andrzej Duda, der die Opfer des Verbrechens in Wolhynien würdigte.

'Wo so oft ein Gewehr, eine Axt, eine Mistgabel, ein geknoteter Stock lag, wurde Brot hingelegt und eine Hand zur Hilfe gereicht. Und es wurde mit Dankbarkeit und Tränen aufgenommen', betonte der Präsident der Republik Polen während einer Zeremonie auf dem Wołyń-Platz in Warschau."

So viel Verständnis am Gedenktag hat in Polen nicht jedermann gefallen. Insbesondere nationalistische und patriotische Gruppen nutzten die am Sonntag und Montag in vielen Städten des Landes durchgeführten Gedenkkundgebungen auch für eine Abrechnung mit der Ukraine-Politik der rechtskonservativen Regierung. 

An einigen Orten wurden ukrainische Fahnen, die in Polen dieser Tage nahezu flächendeckend aushängen, von den Protestierenden abgehängt oder mit polnischen Fahnen verdeckt. 

Unterdessen revanchierte sich Wladimir Selenskij für die Zurückstellung polnischer Forderungen in der Geschichtspolitik mit der Einbringung eines Gesetzes in das ukrainische Parlament, das polnischen Staatsbürgern einen Sonderstatus in der Ukraine gewähren soll. Duda interpretierte dies sogleich als ein versöhnliches Signal der Ukraine: 

"Heute kann man dies als eine Situation betrachten, die derjenigen (vor 79 Jahren) entgegengesetzt war, als sie versuchten, die Polen um jeden Preis, einschließlich ihres Lebens, loszuwerden. Dies soll uns ein Zeichen sein, wenn es um Dinge geht, über die man nur schwer sprechen kann."

Selenskij hatte im Mai vor der Werchowna Rada erklärt, dass mit der polnischen Führung eine Vereinbarung zur Vereinfachung des Grenzübertritts zwischen den beiden Ländern getroffen worden sei. Ihm zufolge hat die aktuelle Situation "die Ukraine und Polen unfreiwillig die Streitigkeiten über ihre gemeinsame Vergangenheit vergessen lassen". 

Wenn denn das Ziel im Vergessen besteht …

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