Meinung

Geschichte ist (nicht) die "Lehrmeisterin des Lebens"

Je öfter wir wiederholen, dass "die Geschichte die Lehrmeisterin des Lebens ist", desto mehr Beweise gibt es dafür, dass wir es versäumt haben, von dieser Lehrmeisterin etwas zu lernen. Dies ist eine Schlussfolgerung, derer sich sowohl die Akteure der aktuellen Ereignisse in der Ukraine sehr bewusst sind, als auch diejenigen, die die Situation auf dem Balkan verfolgen.
Geschichte ist (nicht) die "Lehrmeisterin des Lebens"© aurielaki / iStock / Getty Images

Von Marinko Učur, Banja Luka

Durch den blutigen Zerfall des ehemaligen Jugoslawiens und durch die Schaffung neuer Staaten fragwürdiger Legitimität und internationaler Glaubwürdigkeit wurde ein scheinbarer Frieden geschaffen, sodass die altbekannten Animositäten weiter bestanden. Die erwartete "Pazifizierung" der Menschen blieb aus. Die historisch bedingten Spaltungen und der historisch bedingte Hass, nämlich die Parteinahme für den Westen oder Osten, ist nicht verschwunden.

Obwohl Serbien als EU-Beitrittskandidat demnach dazu angehalten ist, seine Außenpolitik an die der EU anzupassen, entschied sich Belgrad vor wenigen Tagen gegen Sanktionen gegen Moskau wegen der Intervention in der Ukraine. Serbien sei der Ansicht, "dass es nicht in seinem Interesse liegt, Sanktionen gegen irgendeinen Staat zu verhängen", so Präsident Aleksandar Vučić. Zugleich betonte er, dass Serbien die territoriale Integrität der Staaten als Grundprinzip, einschließlich der territorialen Integrität der Ukraine, respektiere.

Belgrad hielt sich angesichts der Folgen des von der UN nicht genehmigten NATO-Bombenangriffs, und angesichts jener angeblich im Namen der Menschlichkeit gegenüber Albanern durchgeführten Zerstörung und Tötung der mehrheitlich serbischen Bevölkerung im Jahr 1999 ohne hegemoniale Bestrebungen an die Prinzipien der freundschaftlichen Beziehungen zu Russland, China und anderen Ländern. Demgegenüber zeigten die restlichen Republiken der ehemaligen jugoslawischen Föderation aufgrund falscher Erwartungen und Hoffnungen auf ein besseres Leben offene prowestliche NATO-Bestrebungen.

Deshalb ist es für den Balkan sehr schädlich, in dem aktuellen Konflikt in der Ukraine für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen.

Die Unterstützung der Ukraine oder die Verurteilung der russischen Militäraktion wird der Ukraine weder helfen, noch Russland davon abbringen, seine Absichten bis zum Ende durchzuziehen. Aber eine "Parteinahme" wird für die Festigung interethnischer Beziehungen in den Balkanstaaten – umzäunt durch kommunistische und unnatürliche Grenzen, die die internationale Gemeinschaft als Tatsache anerkannt und akzeptiert hat – "von großer Hilfe" sein.

Deshalb sieht sie Lage heute so aus, dass sich einige Länder, ohne zu zögern, auf die Seite der Ukraine gestellt haben und sich dem Westen als Partner anboten, auf den man sich immer verlassen könne. Es geht hier nicht nur um Slowenien und Kroatien als EU- und NATO-Mitglieder, sondern auch um andere Länder, die solche Ambitionen haben. So ist die von Kroatien, Slowenien und Nordmazedonien an die Ukraine geleistete "Hilfe" in Form der Sperrung des Luftraums für russische Flugzeuge zu sehen. Sogar der von den Albanern auf dem Territorium von Serbien ausgerufene und von der UN nicht anerkannte Staat Kosovo eilte, um sich bei seinen Sponsoren einzuschmeicheln: Er bot die Errichtung eines dauerhaften NATO-Militärstützpunktes und die Sperrung seines Luftraums für russische Flugzeuge an.

Abgesehen davon, dass Kosovo den Luftraum über seinem Gebiet nicht kontrolliert, sprechen wir hier über das Aufkommen einer unterwürfigen und schmeichelnden Mentalität. Eine solche Mentalität jedoch bringt dieser Dienerschaft keine Vorteile, sondern führt zu einem schlechten interethnischen Klima und zu offener Feindseligkeit gegenüber der russischen Seite im aktuellen Konflikt in der Ukraine.

Ähnlich verhält es sich in Bosnien und Herzegowina, jenem Land, das Ende 1995 durch das Abkommen von Dayton auf dem US-Militärstützpunkt Wright Peterson in Ohio geschaffen und verifiziert wurde.

Eine trinationale und trikonfessionelle Gemeinschaft, zusammengesetzt aus Serben, Kroaten und Bosniaken (die sich bis 1993 als Muslime bezeichneten) sollte keine Position zur Krise in der Ukraine einnehmen. Andernfalls nämlich müssen sie sich für die eine oder die andere Seite einsetzen. Da in diesem Land jedoch alles getrennt ist und kaum Konsens zu irgendwelchen Angelegenheiten besteht, traten auch in diesem Fall Meinungsverschiedenheiten in den Vordergrund. 

Die kroatischen und bosniakischen Mitglieder der dreiköpfigen Präsidentschaft, Željko Komšić und Šefik Džaferović, beeilten sich, "ihre Solidarität mit der Ukraine und Widerstand gegen die russische Aggression" zum Ausdruck zu bringen. Demgegenüber blieb das serbische Mitglied Milorad Dodik zurückhaltend und forderte eine neutrale Haltung ein. Zumal er hervorhob, dass es für die Republika Srpska nicht annehmbar sei, sich irgendeinem Sanktionspaket gegen Russland anzuschließen. "Falls auf Sanktionen gegen Russland bestanden wird, werde ich dagegen sein, und ich werde begründen, warum ich dagegen bin", sagte Dodik und verwies auf die Lehre, die aus der jüngsten Vergangenheit auf dem Balkan gezogen wurde:

"Denn diejenigen, die jetzt für das Völkerrecht eintreten, haben sich in der Vergangenheit daran nicht gehalten."

Damit spielte er auf den Zerfall Jugoslawiens und die Bombardierung Serbiens durch die NATO an.

Vertreter der Brüsseler Verwaltung verbreiten mit ihren Äußerungen oft Verunsicherung. So etwa der Hohe Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Josep Borrell. Dieser behauptet, wegen der Situation in der Ukraine sei eine "Destabilisierung auf dem Balkan möglich". Weil Moskau angeblich versuche, seinen Einfluss durch einen hybriden Ansatz auszubauen: Die russische Regierung nutze instabile Gesellschaften auf dem Westbalkan, um Territorien zu "markieren" und Akteure zu unterstützen, die gezielt Demokratisierungsprozesse untergraben.

Andererseits wirft die russische Botschaft in Sarajevo dem Westen vor, Bosnien und Herzegowina zu destabilisieren und ein ähnliches Szenario wie jenes in der Ukraine vorzubereiten. Und sie warnt:

"Es ist Washington, das den tatsächlichen Dialog innerhalb von Bosnien und Herzegowina verhindert, die konstituierenden Völker gegeneinander ausspielt und der Abschaffung jenes anachronistischen ausländischen Protektorats widerspricht, das durch das Amt des Hohen Repräsentanten repräsentiert wird. Gleichzeitig drängt es ein solches Bosnien 'vorsichtig' in die Europäische Union, um es wie Kosovo als 'Zündschnur' gegen seinen geopolitischen Gegner, die EU, einzusetzen. Das stimmt, auch wenn eine solche Aussage angesichts der derzeitigen imaginären Solidarität zwischen Amerika und Europa 'im ukrainischen Fall' übertrieben erscheinen mag. Aber der Moment der Wahrheit wird kommen",

heißt es in einer Mitteilung auf dem offiziellen Facebook-Profil der russischen Botschaft in Bosnien.

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