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Von Klima bis Corona: Wirklichkeit belehrt Wissenschaft

Von Klima bis Corona: Wirklichkeit belehrt Wissenschaft
Rodins "Denker" im Museum Von der Heydt in Wuppertal im Oktober 2016
Wissenschaft schafft nicht nur Wissen sondern auch Verunsicherung. Neue Erkenntnisse stellen alte Gewissheiten in Frage. Worauf aber ist noch Verlass? Denn die Wissenschaftsgesellschaft verliert den Blick für die Wirklichkeit.

von Rüdiger Rauls

Im Dienst der Interessen

In den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen nimmt die Wissenschaft eine immer bedeutendere Stellung ein. Jeder beruft sich auf sie, wenn er seinen Ansichten Nachdruck verleihen will. Da sie den Ruf der Neutralität hat, gilt sie als unverdächtig. Damit ist sie ein idealer Deckmantel, hinter dem sich die Interessen verstecken können.

Dieses Bild der Neutralität bekommt Risse. Immer häufiger stützen sich die gesellschaftlichen Gruppen mit ihren Interessen auf wissenschaftliche Erkenntnisse, Studien und Theorien als  Beweis für die Richtigkeit der eigenen Ansichten. Die Gesellschaft wird überschwemmt mit Wissenschaftlichkeit. Sie ist das neue Glaubensbekenntnis, das Credo der Wissensgesellschaft. Was wissenschaftlich ermittelt ist, ist glaubhaft und scheint auch geglaubt werden zu müssen.

Symbolbild

Andererseits entsteht zunehmend der Eindruck, dass wissenschaftlich unterlegte Aussagen in erster Linie jenen gesellschaftlichen Kräften dienen, die die Studien in Auftrag geben oder finanzieren. Denn die Veröffentlichung der Ergebnisse liegt im Ermessen des Auftraggebers, nicht im Ermessen der Wahrheitsfindung. Wissenschaft erscheint deshalb immer häufiger als parteiisch und immer weniger als neutral.

Da sie im Widerstreit der politischen Diskussionen als Verstärker der unterschiedlichen und gegensätzlichen Interessen eingesetzt wird, erscheint sie selbst auch als immer widersprüchlicher  und beliebiger. Der Streit der Interessenvertreter färbt auf sie ab. Auch auf sie scheint immer öfter zuzutreffen: "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing".

Gesellschaftliche Auswirkungen

Der Eindruck verfestigt sich, dass auch der Wissenschaft nicht mehr zu trauen ist. Damit ereilt sie allmählich das Schicksal der politischen und staatlichen Einrichtungen, die in den Augen vieler Bürger gesteuert sind – von undurchsichtigen Kreisen und geheimen Kräften.

Denn die Wahrheiten von heute gelten oft morgen schon als widerlegt. Aber beide waren doch Ergebnisse wissenschaftlich durchgeführter Untersuchungen, und deren Verfallsdatum wird immer kürzer. Zu Recht stellt sich da die Frage: "Was ist denn nun richtig? Was ist wahr? Wer hat Recht?" Viele wissen nicht mehr, wem sie denn nun glauben sollen.

Dadurch wird Wissenschaft zur Glaubenssache. Die Menschen aber erwarten eindeutige Aussagen darüber, was richtig und was falsch ist, nicht das ständige Hin und Her. Denn ihnen fehlen die Zeit und die Voraussetzungen, um sich selbst ein klares Bild in all den Streitfragen zu verschaffen.

Oftmals fehlt ihnen auch das Interesse an der Klärung solcher Fragen. Deshalb ziehen sie sich – der Rechthaberei und des unverständlichen Meinungsstreits überdrüssig – aus der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zurück. Für sie ist die nicht mehr nachvollziehbar, weil nicht mehr Teil ihrer Welt.

Wirklichkeit als Kompass

Im Durcheinander all der Meinungen, Ansichten, Behauptungen, des Streits unter den selbsternannten und den ausgerufenen Experten geht eine Frage vollkommen unter, nämlich die Frage nach der Wirklichkeit. Was von all diesen Thesen und Theorien, die in den Talk-Shows, den Experten-Gesprächen und Podiumsdiskussionen vorgetragen werden, entspricht denn überhaupt der Wirklichkeit? Diese Frage scheint sich kaum noch jemand zu stellen, sie scheint nicht mehr von Bedeutung zu sein.

Der öffentliche Schlagabtausch ist ja nur ein Herumschlagen mit "Hirngespinsten". Sie sind die Ergebnisse einer in den Hirnen ausgesponnenen, erdachten Wirklichkeit, ein Bild über die Wirklichkeit, eine Vorstellung von der Wirklichkeit. Aber sie sind nicht die Wirklichkeit selbst.

Sie alle sind Kopfgeburten, erzeugt aus dem, was in der Umwelt wahrgenommen und dann in den Hirnen verarbeitet wird. Dabei hat ein jeder verschiedene Herangehensweisen, aus diesen Eindrücken Erkenntnisse und Bewusstsein zu bilden. Am Ende entsteht aus all diesen Zutaten eine Meinung.

Deshalb existieren so viele unterschiedliche Sichtweisen auf ein und denselben Gegenstand oder Vorgang, auf ein und dasselbe Erlebnis. Denn jeder Mensch nimmt aus der Wirklichkeit um ihn herum etwas anderes auf,  weil jeder etwas anders sieht und als wahr annimmt. Und da die Wahrnehmungen, aus der sich dann eine Sichtweise bildet, unterschiedlich sind,  sind auch die Meinungen so verschieden.

In diesem Wust der Ansichten, dem Streit um Wahrheit, der Rechthaberei und der Selbstdarstellung, der Kanonade von Argumenten, Meinungen, Ansichten, untrüglichen Studien und vorgeblichen Gewissheiten, in all dem verwirrenden Durcheinander gibt es nur eine einzige Orientierung: die Wirklichkeit.

Damit ist nicht das gemeint, was die Menschen für Wirklichkeit halten, sondern diese Realität, die unabhängig von den Ansichten der Menschen existiert, außerhalb ihrer Köpfe, in der Welt da draußen. In dieser äußeren Welt war die Erde immer eine Kugel, auch wenn es zeitweilig tausend Beweise, Erkenntnisse und Theorien gab, die glasklar belegten, dass sie eine Scheibe sein muss. Aber sie alle stellten sich am Ende als falsch heraus.

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Eine Theorie, die sich an der Wirklichkeit nicht bewahrheitet, ist falsch, da hilft kein Argumentieren. Wenn die Ansichten einer Theorie im Widerspruch stehen zu den Vorgängen außerhalb des Theoriegebildes, dann sind die Ansichten falsch. Da nützt auch alle wortreiche Überzeugungskraft nichts, denn die Wirklichkeit lässt sich nichts einreden. Sie ist unbestechlich. Sie kann auch durch noch so ausgeklügelte Beweisführung nicht davon überzeugt werden, dass sie anders sein müsste, als sie ist.

Wenn die Fülle des Wissens, der Argumente und der Theorien kein klares Bild ergibt von der Wirklichkeit, dann ist sie nutzlos, dann erfüllen alle Erklärungsversuche nicht ihre Aufgabe. Denn diese besteht darin, die Wirklichkeit verständlich zu machen. Daran müssen die Theorien gemessen werden.

Dazu gehört Ordnung. Unser Wissen besteht aus einer unüberschaubaren Menge an Erkenntnissen. Aber diese alleine schaffen noch kein Weltbild. Liegen sie ungeordnet nebeneinander, so sind sie vergleichbar den Tausenden bunter Steine, die alleine auf Grund ihrer großen Menge und Buntheit noch lange kein Mosaik ergeben. Erst wenn sie in einer bestimmten Ordnung zusammengesetzt werden, entsteht daraus ein Bild. Denn Erkenntnis braucht Ordnung, um als Wissen bewusst zu werden.

Wirklichkeit erkennen

Die Wirklichkeit ist nicht immer einfach zu erkennen, denn Wirklichkeit hat viele Seiten. Um die vielen Seiten zu einem Weltbild zu vereinen, das auch der Welt da draußen entspricht, braucht der Mensch ein Hilfsmittel. Dieses Hilfsmittel ist der Meinungsaustausch, nicht zu verwechseln mit dem Meinungsstreit. Der ist oft genug nur ein intellektuell klingendes Wort für Rechthaberei. Meinungsaustausch ist orientiert an Erkenntnis. Bei ihm steht das Verstehen im Mittelpunkt, nicht Eitelkeit oder Selbstdarstellung.

Die oben bereits erwähnte beschränkte Wahrnehmung des Menschen erscheint nur auf den ersten Blick als ein Makel. Es gibt kein Lebewesen, das über eine uneingeschränkte Wahrnehmung verfügt. Der Vorteil des Menschen gegenüber allen anderen Lebewesen besteht in der Aufhebung dieser individuellen Beschränkung durch den Meinungsaustausch.

In ihm werden die unterschiedlichen Wahrnehmungen über die Welt zu einem immer umfassenderen Gesamtbild zusammengesetzt. Durch den Austausch und den Abgleich der einzelnen und unterschiedlichen Ansichten entsteht ein Bild von der Wirklichkeit, das sich immer mehr der realen Welt annähert. Meinungsaustausch im Interesse des Erkenntnisgewinns ist die Voraussetzung für das Erkennen der Wirklichkeit und der Wahrheit dahinter.

Wirklichkeit in Zeiten der Krisen

Die Krisen des vergangenen Jahrzehnts haben besonders die westlichen Gesellschaften erschüttert. Der Zusammenhalt löst sich auf und kann nur unter Aufbietung ständiger Appelle an das Wir-Gefühl mühsam und notdürftig gekittet werden. Jede neue Krise vertieft zum Teil die alten Brüche und führt zudem auch zu neuen Rissen im Gesellschaftsgebäude. Es nehmen nicht nur die Konflikte zwischen gesellschaftlichen Gruppen an Schärfe und Zahl zu, auch die Distanz zwischen ihnen und dem Staat wächst.

In der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/2009 kam Kritik von vornehmlich linksorientierten Bevölkerungsteilen am Krisenmanagement der Regierungen. Die Flüchtlingskrise von 2015 brachte eher rechtsorientierte oder konservative Gesellschaftskreise gegen den Staat auf, dem eigentlichen Fundament der gesellschaftlichen Ordnung bis dahin. In beiden Krisen wandte sich der Protest nicht nur gegen den Staat selbst. Es wandten sich auch politisch orientierte Gruppen mit ihren Ansichten gegen die jeweils anders orientierte Seite.

Diese politisch bestimmte Trennlinie verwischte in den anschließenden Krisen zunehmend. Während des Erstarkens der Klima-Bewegung traten sowohl rechts- als auch linksorientierte Kräfte für einen Kampf gegen die These vom Klimawandel ein. Eine Unterscheidung in Rechts und Links war innerhalb der Klima-Bewegung selbst anhand von Sichtweisen kaum noch auszumachen.

Hier verlief die Trennlinie zwischen den Einstellungen zum Thema Klimawandel, zwischen den sogenannten Klima-Leugnern und Klima-Alarmisten. Zwar belegten sich diese beiden Lager gelegentlich gegenseitig auch mit der Zuschreibung von politischen Markierungen "Rechts" und "Links". Das war aber eher nebensächlich und zudem oft auch zufällig. Denn es gab unter den sogenannten Klimaleugnern auch viele Linke und unter den Klima-Alarmisten sehr viele, die in ihren sonstigen politischen Ansichten eher im rechten Spektrum zu verorten sind.

Jetzt in der Corona-Krise scheinen sich "rechte" und "linke" Orientierungen noch stärker zu durchdringen. Hier ist eher ein gemeinsames Vorgehen gegen das Handeln des Staates zu erkennen. Der Staat ist der gemeinsame Gegner. Ein eindeutig linkes oder rechtes Argumentieren ist nicht mehr zu erkennen. Die Konflikte in der Corona-Krise entbrennen nun zwischen dem Staat und den Kritikern seiner Maßnahmen auf der einen Seite, aber auch zwischen Befürwortern und Gegnern dieser Maßnahmen auf der anderen Seite.

In beiden Krisen – der Corona- wie auch der Klima-Krise – versuchen beide Seiten, die jeweils andere unter Berufung auf "die Wissenschaft" von der Richtigkeit der eigenen Thesen zu überzeugen. Dazu wurden Heerscharen von Experten mit ihren wissenschaftlichen Erkenntnissen, Argumenten und Studien aufgeboten, die sich gegenseitig zu widerlegen versuchten. Für die Argumentation der einen Seite hat die jeweils andere dann auch immer gleich das passende Gegenargument parat. Man dreht sich im Kreis von Rede und Widerrede.

Nur eines fällt bei dieser Herangehensweise außer Betracht: die Wirklichkeit. Im Mittelpunkt stehen die eigenen Ansichten, nicht das Verhältnis dieser Ansichten zu den Realitäten außerhalb des Kopfes, der die jeweiligen Ansichten hervorbrachte.

Klima-Krise und Wirklichkeit

All die Argumente der jeweiligen Seiten konnten die Gegenseite nicht überzeugen. Statt das Argument an der Wirklichkeit zu wiegen und zu messen, erging man sich in der Eskalation der wissenschaftlichen Beweise und Gegenbeweise. Aber die Fülle der Sichtweisen, die die Diskussion bestimmten, verstellten den Blick auf das Wesentliche: Wie verhält sich das Vorgetragene zu den Vorgängen, die außerhalb der Köpfe in der Welt stattfinden und wirken?

Die sogenannten Klima-Alarmisten stützten ihre Drohung vom bevorstehenden Klimakollaps auf die Behauptung, dass das CO2 in der Atmosphäre zu einer gefährlichen Erderwärmung führe. Dieser sogenannte Treibhauseffekt gilt ihnen als wissenschaftlich abgesicherte Theorie, die den Vorgang der Erderwärmung als von Menschen gemacht erklärt.

Der Blick auf die Tatsachen in der Wirklichkeit offenbart, dass die Atmosphäre nur zu 0,04 Prozent aus Kohlendioxid besteht. Trotzdem soll dieser geringe Anteil einen solchen Prozess zunehmender Aufheizung bewirken. Die Tatsachen der Wirklichkeit offenbaren aber auch, dass die Erdatmosphäre in ihrer Geschichte schon über wesentlich höhere CO2-Konzentrationen verfügte, zum Teil sogar im zweistelligen Prozentbereich. Und es ist eine Tatsache, die von keiner Seite bestritten wird, dass auf der Erde in früheren Zeiten wesentlich höhere Temperaturen geherrscht haben.

Aus diesen Tatsachen ergibt sich ein Widerspruch zwischen der Treibhaus-Theorie und der Wirklichkeit. Wenn sich heute die Erde aufgrund von 0,04 Prozent Kohlendioxid erwärmen soll, wie konnte sie sich dann abkühlen? Wenn unter früheren, wesentlich höheren CO2-Konzentrationen und zusätzlich wesentlich höheren Temperaturen eine Abkühlung stattgefunden hat, wie soll dann heute unter niedrigeren Konzentrationen und niedrigeren Temperaturen eine Erwärmung stattfinden? Nach dieser Theorie hätte sich die Erde noch mehr aufheizen müssen. Aber in Wirklichkeit hatte sie sich damals abgekühlt.

Da steht die Theorie in den Köpfen im Widerspruch zu der Wirklichkeit außerhalb derer. Das lässt sich auch nicht mit Argumenten wegwischen. Das Argumentieren hat allerhöchstens dazu geführt, die Wirklichkeit vergangener Epochen zu ignorieren. Der Durchsetzung der eigenen Ansichten wurde der Vorrang eingeräumt gegenüber dem Anspruch, die Wirklichkeit zu erkennen.

Denn die Erde ist eine Kugel, auch wenn die Menschen sie lange Zeit für eine Scheibe hielten. Und Erwärmung kann mit diesen Erklärungen in der Wirklichkeit nicht stattfinden, wenn unter ungünstigeren Bedingungen sogar Abkühlung eingetreten war.

Corona und die Wirklichkeit

Im Corona-Konflikt offenbart sich der Widerspruch zwischen Theorie und Wirklichkeit anders. Er verläuft nicht zwischen den Ansichten und den Naturgesetzen. Die Klima-Aktivisten haben die Naturwissenschaften nicht bestritten. Sie haben sie ignoriert, wenn sie nicht die eigenen Ansichten bestätigen. Das ist im Streit um Corona anders.

Die Theorien der Corona-Kritiker bestreiten, dass von dem Virus eine Gefahr ausgeht. Einige zweifeln sogar gänzlich seine Existenz an. Diese Zweifel stützen sie auf den Vergleich der heutigen Maßnahmen zur Eindämmung der Seuche mit jenen bei der Grippe-Epidemie vor drei Jahren.

Damals waren allein in Deutschland circa 25.000 Tote zu beklagen, also wesentlich mehr als bei der aktuellen Corona-Epidemie. Zu Recht stellt man fest, dass es aber trotz der wesentlich höheren Opferzahlen damals nicht zu vergleichbaren Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Grundrechte durch den Staat kam.

Natürlich kann dieser Widerspruch nicht wegdiskutiert werden, denn er existiert. Verstärkend wirkt, dass bisher auch von staatlicher Seite gar nicht versucht wird, diesen Widerspruch aufzuklären. Aus diesem Grunde – und weil bei vielen Menschen das Vertrauen in den Staat im Verlaufe der vergangenen Krisen ohnehin stark gelitten hat – nährt sein Verhalten in der aktuellen Krise das Misstrauen.

Die Gründe dafür sind nicht von der Hand zu weisen. In den Augen großer Teile der Bevölkerung sind die Krisen der Vergangenheit durch Maßnahmen gelöst worden, die die Reichen haben reicher werden lassen und die Armen noch ärmer und auch zahlreicher. Dadurch erscheint der Staat immer mehr Menschen als Interessenvertreter der Reichen. Man betrachtet ihn als eine Einrichtung, die nicht dem Volk dient, sondern undurchsichtigen Kreisen und im Verborgenen wirkenden Mächten.

Dieses Misstrauen schlägt nun auch den Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung entgegen. Aufgrund des Misstrauens gegenüber dem Staat vermuten deshalb viele hinter den ergriffenen Maßnahmen andere Gründe als die vorgegebenen der Seuchenbekämpfung und der Sorge um die Bevölkerung. Sie glauben, dass es nicht um den Schutz der  Bürger geht, sondern vielmehr um eine Ausweitung der Kontrolle über die Menschen. Diese sollen noch leichter und besser in den Dienst jener Kreise gestellt werden, deren Wirken man im Hintergrund vermutet.

Seither spielt sich die Diskussion auf dieser Ebene der vermuteten Hintergründe und Pläne ab, die da umgesetzt werden sollen. In diesem Zusammenhang sollen Theorien und Berechnungen beweisen, dass die Epidemie nicht so gefährlich ist, wie verlautbart wird, dass sie vielleicht gar nicht existiert. Manche halten gar das Virus selbst nur für eine Erfindung eben jener Kreise, die im Hintergrund die Fäden ziehen.

Dabei wird allerdings übersehen, dass das Virus in allen Teilen der Welt bekämpft wird. Man ist also weltweit übereinstimmend doch der Meinung, dass es existiert und eine Bedrohung darstellt. Es sind nicht nur die westlichen Staaten, die das Virus bekämpfen und die als Keimzellen jener Kräfte angesehen werden können, die mittels der Epidemie ihre besonderen Interessen verwirklichen wollen.

Mit China und Russland beteiligen sich auch solche Staaten an der Bekämpfung der Pandemie, die sonst nicht im Ruf stehen, nach der Pfeife des Westens zu tanzen. Die geheimen Kräfte, die man hinter dem  Virus vermutet, können zwar in den westlichen Staaten ihr Unwesen treiben, aber sie haben in Russland und China keinen Einfluss. Trotzdem bekämpfen aber auch diese Staaten das Virus.

Politische Nebenwirkungen

Hier liegt der Kern des Widerspruchs in der Corona-Debatte. Was in den Ländern des Westens geschieht, kann nicht mehr nur alleine als interne Maßnahmen betrachtet werden. Der größte Feind in diesen Ländern ist nicht die eigene Bevölkerung, die man immer stärker zu kontrollieren versucht, wie solche Theorien glauben machen wollen.

Der größte Feind für den Wertewesten befindet sich nicht im Inneren, sondern außerhalb der Länder des Wertewestens, nämlich jetzt in China. Bereits im März 2019 hatte die EU das Land von einem wirtschaftlichen Konkurrenten zu einem strategischen Widersacher und Systemrivalen hochgestuft. Aus der bisher überwiegend wirtschaftlichen Konkurrenz war eine handfeste politische geworden, eine Konkurrenz der Systeme.

In diesen Kampf gegen das politische System in China wurden sämtliche Themen eingebunden, mit denen man glaubte, China diskreditieren zu können: Die Lage der Uiguren, die Auseinandersetzungen in Hongkong, die Bedrohung der westlichen Demokratien durch die vorgebliche Spionage von Huawei, die Einflussnahme chinesischer Medien und Vertreter auf die Öffentlichkeit im Westen.

In diesem Zusammenhang sollte auch die Bekämpfung des Virus zu einem Nachweis für die Überlegenheit der freiheitlichen Demokratien im Westen werden – nämlich im Gegensatz zu dem autoritären System in China, das durch die Politik einer kommunistischen Partei geprägt ist. Das Virus ist nicht nur einfach ein Virus. Auch das Virus ist zu einer politischen Waffe geworden im Kampf des Westens gegen China. Damit aber wurde ohne Not ein "unverfängliches" Virus zu einem Vehikel der Legitimation für ein politisches System aufgebauscht.

Und dieser Schuss ging obendrein nach hinten los. Denn China gelang es schneller als dem Westen, das Virus einzudämmen und weitgehend unter Kontrolle zu bringen. Das geschah unter ungeheuren Opfern für die eigene Wirtschaft, aber auch für die einheimische Bevölkerung. Jedoch hatten – im Gegensatz zum Westen – die Menschen in China weitgehend Verständnis für diese Maßnahmen und trugen sie mit.

Noch Ende Januar 2020 war Gesundheitsminister Jens Spahn davon überzeugt, "dass der Krankheitsverlauf beim Coronavirus milder sei als etwa bei einer Grippe". Als es aber dann hierzulande doch heftiger wütete, als man erwartet hatte, sah man sich zu ähnlichen Maßnahmen gezwungen wie zuvor die Chinesen. Wie hätte man sonst der deutschen Bevölkerung erklären sollen, dass ein sogenannter Unrechtsstaat mehr Anstrengungen zum Schutze der eigenen Bevölkerung unternimmt als der Wertewesten?

Man stand vor der Alternative, dieselben Maßnahmen zu ergreifen wie China oder aber einen marktorientierten Weg zu gehen, wie ihn die USA beschritten, wo der Gesundheit der Wirtschaft Vorrang eingeräumt wird vor dem Wohlergehen der Menschen. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache über die Wirkung der beiden unterschiedlichen Vorgehensweisen – der chinesischen und der US-amerikanischen – bei der Bekämpfung der Pandemie.

Wollte man in der Konkurrenz mit China nicht nur auf dem Feld von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik zurückfallen, sondern nicht auch noch in der Frage der Volksgesundheit und der Legitimation des Gesellschaftssystems, so kam man notgedrungen um diese Maßnahmen nicht herum. Das ist der Hintergrund des Widerspruchs, den die Regierungen des Wertewestens nicht in die Öffentlichkeit bringen wollten. Aber er offenbart sich im Totschweigen der chinesischen Erfolge in der Seuchenbekämpfung.

Bei allem Zweifeln an der Existenz des Virus und seiner Gefährlichkeit darf ein grundlegender Widerspruch zwischen diesen Vermutungen und der Wirklichkeit im Kapitalismus nicht ignoriert werden: Alle diese Theorien über etwaige hinterhältige Absichten der Herrschenden stehen im Widerspruch zu ihren wirtschaftlichen Interessen. Ihnen als Besitzer der Unternehmen oder als Investoren dürfte es ganz und gar nicht gepasst haben, dass die Wirtschaft in weiten Teilen lahmgelegt wurde.

Die Unternehmer und Investoren wollen Gewinne erwirtschaften. Sie wollen ihr investiertes Kapital gut verzinst sehen. Das steht für sie an oberster Stelle. Denn das ist die Quelle ihrer Macht, über die sie in dieser Gesellschaft verfügen. Und dafür können sie keinen Lockdown gebrauchen, der ihre Unternehmen über Wochen lahm legt, ihre Gewinne pulverisiert und am Ende vielleicht sogar noch ihr investiertes Kapital gänzlich vernichtet. Ob das Teil des Plans war, muss bezweifelt werden. Da zumindest steht diese Theorie im Widerspruch zur Wirklichkeit.

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