Geschäftsmodell Wahlmanipulation: Cambridge Analytica und die israelischen Hacker

Geschäftsmodell Wahlmanipulation: Cambridge Analytica und die israelischen Hacker
Im medialen Rampenlicht: Die Zentrale von Cambridge Analytica in London
Laut Medienberichten gaben israelische Hacker Informationen aus gehackten E-Mails zweier internationaler Spitzenpolitiker an Cambridge Analytica weiter. Das Unternehmen steht seit Tagen unter großem Druck. Die neuesten Enthüllungen belegen ein bizarres Geschäftsmodell.

Der Werbespruch "Better call Saul" für einen zwielichtigen Anwalt aus der erfolgreichen US-Fernsehserie "Breaking Bad" ist mittlerweile in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Wenn du ein Problem hast, ruf Saul an. In der wirklichen Welt scheint die britische Firma Cambridge Analytica dem guten Saul den Rang ablaufen zu wollen. Kein Tag vergeht, ohne dass neue Details aus dem skandalträchtigen Unternehmen an die Öffentlichkeit geraten.

Auch die neuesten Meldungen haben es in sich. Cambridge Analytica soll Medienberichten zufolge Daten aus gehackten E-Mails von Nigerias amtierendem Präsidenten Muhammadu Buhari und dem aktuellen Premierminister von St. Kitts und Nevis Timothy Harris erhalten haben. Dabei ging es offenbar um die jeweiligen Wahlkampagnen der beiden Politiker. 

Die Geschäftsführung soll nicht nur zur Nutzung des Materials aufgerufen haben, sondern auch konkrete Hinweise gegeben haben, wie man es am besten verwendet. Der Hintergrund: Cambridge Analytica wurde im Jahr 2015 von einem nigerianischen Milliardär für eine Kampagne zur Wiederwahl von Goodluck Jonathan zum Präsidenten Nigerias bezahlt, so der Bericht. Doch bei den Präsidentschaftswahlen unterlag Jonathan seinem Herausforderer und vormaligen Staatspräsidenten Muhammadu Buhari.

Es war die Art von Kampagne, die unser Brot und Butter war",

sagte ein Ex-Mitarbeiter gegenüber der britischen Zeitung Guardian. Und weiter:

Wir werden von einem Milliardär angestellt, den die Idee eines Regierungswechsels in Panik versetzt und der viel Geld ausgeben will, damit das nicht passiert.

Israelische Hacker sollen interne E-Mails übergeben haben

Ehemalige Mitarbeiter von Cambridge Analytica erzählten dem Guardian zudem, dass sie Anfang 2015 in ihren Londoner Büros israelische Cybersicherheitsagenten trafen. Nach Angaben der Mitarbeitern brachten die Hacker einen USB-Stick mit, auf dem sich angeblich gehackte persönliche E-Mails befunden haben, die private Informationen über den damaligen nigerianischen Oppositionsführer Muhammadu Buhari enthielten.

Offenbar waren die Angestellten beunruhigt über die Informationen, die in der Sitzung präsentiert wurden, und weigerten sich zunächst, die gehackten Daten in ihre Kampagne einzubringen. Dasselbe israelische Cybersicherheitsteam wurde dem Bericht zufolge schon Anfang 2015 wieder eingestellt und lieferte private Informationen über den Politiker Timothy Harris aus St. Kitts und Nevis, der später zum Premierminister gewählt wurde.

In einem früheren Vorfall habe die Muttergesellschaft von Cambridge Analytica, die SCL Group, angeblich eine Million Pfund (ungefähr 1,48 Millionen Euro) Schmiergeld verwendet, um eine Wahl auf St. Kitts und Nevis im Jahr 2010 zugunsten der People's Labour Party zu entscheiden, die ebenfalls Kunde des Unternehmens gewesen sei. Die SCL Group widerspricht dem Bericht des Guardian und behauptet, keine gestohlenen Daten verwendet zu haben. 

Cambridge-Analytica-Chef Alexander Nix während eines Vortrags in Hamburg.

Erst vor wenigen Tagen war Cambridge Analytica wieder in die Schlagzeilen geraten, als Reporter des britischen Senders Channel 4 eine Undercover-Geschichte über das Unternehmen präsentierten. In Videoaufnahmen prahlte der mittlerweile entlassene CEO Alexander Nix vor versteckter Kamera mit versuchter Erpressung von Wahlkandidaten.

Leitmedien basteln sich eine "Russland-Connection"

Das Interessante an der Affäre um vermeintliche Wahlmanipulationen des Unternehmens ist, dass dadurch der Narrativ sogenannter russischer Einmischungen in fremde Wahlen plötzlich in den Hintergrund rückt. Doch die Leitmedien wären nicht die Leitmedien, wenn man nicht zumindest versuchte, auch im Fall Cambridge Analytica eine "Russland-Connection" zu "enttarnen". Das liest sich dann in zum Beispiel in der F.A.Z so:

Jetzt berichtet der Observer weiter, Cambridge-Forscher Aleksandr Kogan habe Kontakte nach Russland. An der Universität in Sankt Petersburg habe er Vorlesungen gehalten, unter anderem über "neue Methoden der Kommunikation als wirksames politisches Instrument". Er habe staatliches russisches Forschungsgeld genutzt, um die Wirkung sozialer Medien zu untersuchen.

Doch nur wenige Zeilen weiter muss die F.A.Z. einräumen, dass Kogan selbst gegenüber dem Observer erklärt hatte, dass seine Russland-Kontakte nichts mit Cambridge Analytica zu tun haben. Seiner Erinnerung zufolge habe das Russland-Projekt erst ein Jahr nach dem Ende seiner Zusammenarbeit mit Cambridge Analytica begonnen. Doch so schnell gibt die F.A.Z. nicht auf und holt zum "nächsten Schlag" aus:

Zudem soll sich das Unternehmen Cambridge Analytica um einen Auftrag des Kreml-nahen Energiekonzerns Lukoil beworben haben. Das Unternehmen habe sich für die Technik des Unternehmens im Zusammenhang mit dem Ölgeschäft interessiert.

Aber auch hier: Fehlanzeige. Es kam zu keinem Geschäftsabschluss. Der geschasste Firmenchef Alexander Nix hatte britischen Parlamentariern noch im vergangenen Monat mitgeteilt, das Unternehmen habe nie mit russischen Organisationen gearbeitet.

Also doch keine Russland-Connection. Doch man hat es immerhin geschafft, Cambridge Analytica und Russland in einen Artikel zu packen - Mission erfüllt. Und die Überschrift des Artikels hilft für die ganz Begriffsstutzigen noch ein wenig nach: "Cambridge Analytica: Facebooks nächstes Russland-Problem".

Bei so viel Qualitätsjournalismus kann man in der Tat nur in transatlantische Verzückung geraten.

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