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Der isländische Justizskandal von 1977 – und was das Bundeskriminalamt damit zu tun hat

Der isländische Justizskandal von 1977 – und was das Bundeskriminalamt damit zu tun hat
Rekonstruktion des vermeintlichen Tatortes.
Eine kleine Anfrage des Linken-Abgeordneten Andrej Hunko bringt die unrühmliche Rolle des BKA im größten isländischen Justizskandal zutage. Sechs Personen wurden 1977 als vermeintliche Mörder präsentiert, waren aber zuvor unter Drogen gesetzt und gefoltert worden.

von Timo Kirez

Der Fall Gudmundur und Geirfinnur, auch bekannt als die Reykjavik-Geständnisse, wurde durch das spurlose Verschwinden von Gudmundur Einarsson und Geirfinnur Einarsson 1974 in Island ausgelöst. Sechs Personen wurden später wegen Mordes auf der Grundlage von Geständnissen verurteilt, die von der Polizei nach intensiven und langwierigen Verhören gewonnen wurden. Es gab keine Leichen der Mordopfer, keine Zeugen oder forensische Beweise.

In der Nacht des 26. Januar 1974 lief Gudmundur Einarsson, ein 18-jähriger Arbeiter, von der Gemeindehalle in Hafnarfjördur zu seinem 10 Kilometer entfernten Haus zurück. Er wurde zuletzt von einem Autofahrer gesehen, nachdem er fast vor ein Fahrzeug gefallen war. Seitdem wurde er nicht mehr gesehen. Zehn Monate später, am 19. November 1974, erhielt Geirfinnur Einarsson, ein 32-jähriger Bauarbeiter, zu Hause einen Anruf und fuhr eine kurze Strecke zum Hafencafé in Keflavik. Er ließ den Schlüssel in der Zündschloss, kam aber nie mehr zum Auto zurück.

Die Pension liegt inmitten idyllischer Natur an der Ilz, einem Nebenfluss der Donau, im Bayerischen Wald. Die drei Leichen wurden am Samstag von einem Zimmermädchen entdeckt.

Umfangreiche Durchsuchungen rund um den Hafen und die Küste blieben erfolglos. Auch wurden keine Leichen gefunden. Dennoch wurden Mordermittlungen eingeleitet.  Sechs Verdächtige, Sævar Ciesielski, Kristjan Vídar Vídarsson, Tryggvi Rúnar Leifsson, Albert Klahn Skaftason, Gudjón Skarphédinsson und Erla Bolladóttir, unterzeichneten schließlich Mordgeständnisse. Die Verdächtigen wurden isoliert inhaftiert, unter Druck gesetzt und hatten nur wenig Kontakte mit ihren Anwälten. Die Ermittlungen erfolgten ab 1976 unter Leitung des früheren BKA-Kommissars und Leiters der "Sicherungsgruppe Bonn", Karl Schütz. Unter hohem Erfolgsdruck hatte die isländische Regierung Unterstützung beim deutschen Bundeskriminalamt (BKA) erbeten, das zu dieser Zeit von Horst Herold geleitet wurde. 

Den Verdächtigen wurden Drogen, darunter Mogadon, Diazepam und Chlorpromazin verabreicht. Zudem wurden sie unter Schlafentzug gesetzt, und mit dem sogenannten Waterboarding gefoltert. Dies betraf vor allem den angeblichen Anführer Sævar Ciesielski, der Angst vor Wasser hatte. Die Verdächtigen erklärten, sie hätten die Geständnisse nur unterzeichnet, um ihrer Einzelhaft ein Ende zu setzen. So wurde beispielsweise Erla Bolladóttir 242 Tage in Einzelhaft gehalten. Zwei Verdächtige wurden über 600 Tage lang in Einzelhaft gehalten, einer davon, Tryggvi Rúnar Leifsson, gar 655 Tage lang – übrigens die längste Einzelhaft außerhalb des US-Gefangenenlagers in Guantanamo Bay.

Sævar Ciesielski, Kristján Vidar und Tryggvi Rúnar wurden wegen Mordes an Gudmundur verurteilt, während Albert Klahn wegen seiner mutmaßlichen Hilfe bei der Beseitigung der Leiche verurteilt wurde. Sævar Ciesielski, Kristján Vidar und Gudjón Skarphedinsson wurden später auch wegen Mordes an Geirfinnur Einarsson verurteilt, während Erla Bolladóttir wegen Meineids verurteilt wurde, nachdem sie ihren Halbbruder und andere in das Verschwinden verwickelt haben soll.

In einer Rede im isländischen Parlament im Jahr 1998 kritisierte der damalige isländische Premierminister Davíd Oddsson heftig die Untersuchung und Bearbeitung des Falles. Am 27. September 2018, 44 Jahre nach dem Verschwinden von Gudmundur und Geirfinnur, sprach der Oberste Gerichtshof Islands fünf der sechs ursprünglichen Verdächtigen frei. Zwei der Betroffenen waren jedoch schon verstorben. Tryggvi Rúnar erlag 2009 einem Krebsleiden. Sævar Ciesielski starb nach einem Unfall in Dänemark im Jahr 2011.

Der Fall wurde im Mai 2014 in einer BBC-Radiosendung thematisiert, in der über mögliche Gedächtnisverfälschungen diskutiert wurde. Professor Gísli Gudjónsson, ein ehemaliger isländischer Detektiv und international anerkannter Experte für Suggestibilität und falsche Geständnisse, untersuchte diesen Fall und schlussfolgerte:

Ich habe in vielen verschiedenen Ländern an Fehlern der Justiz gearbeitet. Ich habe in mehreren Ländern ausgesagt – zu Hunderten von Fällen, die ich bearbeitet habe, große Fälle. Ich hatte noch nie einen Fall gefunden, in dem es so intensive Verhöre, so viele Verhöre und so lange Einzelhaft gegeben hatte. Ich meine, ich war absolut schockiert, als ich das sah.

Zwei Tote und zwei Verletzte in der südbrandenburgischen Kleinstadt Forst: Laut Berichten serbischer und montenegrinischer Medien handelt es sich um Auftragsmord.

Laut Gudjónsson haben erst die BKA-Vernehmungsmethoden zu den falschen Geständnissen geführt. Die BBC beschrieb den Fall als "einen der schockierendsten Justizirrtümer, die Europa je erlebt hat".

Die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion Der Linken brachte jetzt Licht in die Rolle des deutschen BKA in diesem Fall. Der europapolitische Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, Andrej Hunko, fordert nun nach der vorliegenden Auskunft des Bundesinnenministeriums: "Das Bundeskriminalamt muss sich seiner Verantwortung für den größten Justizskandal in Island stellen. Unter Leitung eines deutschen Kommissars und unter Nutzung forensischer Labore in Wiesbaden wurden sechs Menschen als angebliche Mörder präsentiert und anschließend viele Jahre unschuldig eingesperrt. Die Bundesregierung darf nicht länger abwarten und muss der isländischen Regierung Hilfe bei der Aufklärung ihrer Mitschuld anbieten."

Der Linken-Politiker schreibt in einer Pressemitteilung: "Die Bundesregierung bestätigt die intensive Unterstützung des BKA bei den Verurteilungen. Eine Schlüsselrolle spielten der damalige BKA-Präsident Horst Herold und der Staatssekretär Siegfried Fröhlich. Alle beteiligten deutschen Polizisten und Angehörige des Innenministeriums wurden nach den Verurteilungen mit den höchsten isländischen Orden ausgezeichnet. Ich appelliere an die noch lebenden Beamten und die Familien der Verstorbenen, diese Auszeichnungen zurückzugeben."

Hunko fordert, dass die Bundesregierung die Betroffenen und ihre Angehörigen für die Folter und die falschen Verurteilungen entschädigen soll. Das betreffe auch die beiden Fälle, in denen die Betroffenen bereits verstorben sind.

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