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Hinter den Kulissen: Wie aus dem Fall Magnitski der Fall Browder wurde

Hinter den Kulissen: Wie aus dem Fall Magnitski der Fall Browder wurde
Eine Frau hält ein Plakat mit einem Porträt von Sergei Magnitski während einer nicht genehmigten Kundgebung im Zentrum von Moskau, Dezember 2012
Im jüngsten Telepolis-Salon stellte Regisseur Andrei Nekrassow seinen mit Steuergeldern finanzierten, aber bis heute immer noch erfolgreich aus der Öffentlichkeit verbannten Film "Akte Magnitski" im Münchner Lovelace vor.

von Flo Osrainik

Es war am 13. Juni eine der kleineren Runden des Telepolis-Salons in München, wie Gastgeber und Telepolis-Chefredakteur Florian Rötzer etwas überrascht feststellte. Die von US-Investor William "Bill" Browder gestartete und in Westeuropa und den USA unhinterfragt mitgetragene Kampagne um seinen im Jahr 2009 in einem Moskauer Gefängnis unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommenen Buchhalter Sergei Magnitski hat es zwar zu einem 2012 von Barack Obama unterzeichneten und gegen Russland gerichteten US-Gesetz gebracht, dem "Magnitski Act".

Die Dokumentation über den Fall schaffte es dagegen nicht einmal, bei Arte/ZDF, die den Film mitfinanziert hatten, ausgestrahlt zu werden. Und das liegt an der von den Förderern, aber auch von Regisseur Andrei Nekrassow selbst - Nekrassow spricht von einer "traumatischen Erfahrung" im Zusammenhang mit seinen Erkenntnissen und Erfahrungen rund um den Fall - unerwarteten Wendung, die der Dokumentarfilm nimmt.

Nekrassow: "Ich habe den Russen nicht geglaubt"

Im ersten Teil des Films gibt Nekrassow - ein Kritiker der russischen Regierung, Zitat: "Ich war Opposition in Russland und habe zu einem negativen Bild von Russland beigetragen" - naiv die ihm von Browder erzählte Geschichte wieder. "Ich habe Browder geglaubt", so Nekrassow in der Gesprächsrunde im Lovelace nach der Filmvorführung. Und Browder sah in der Umsetzung seiner Version durch einen Film von Nekrassow, der schon in anderen Dokumentarfilmen, darunter über den ermordeten Alexander Litwinenko, die russische Regierung schwer belastet hatte, eine willkommene Unterstützung für seine internationale Kampagne. Diese sollte Magnitski als Helden und Browder selbst als Verfechter der Menschenrechte in Russland inszenieren. Da kann man, abweichend von der Wahrheit, auch gerne dramatisieren, wie Browder an einer Stelle im Film zugibt.

Allerdings fiel Regisseur Nekrassow im Laufe der Dreharbeiten auf, dass es nicht nur bei bewusst übertriebenen Darstellungen von Szenen blieb. So waren es etwa nicht gewalttätige, maskierte und bewaffnete Polizisten, die das Büro des in Russland verurteilten Steuerhinterziehers Browder überfielen, es waren zivile Beamte, die eine Untersuchung seiner Geschäftsräume vornahmen. Es kam dazu, dass Nekrassow, wohl ideologisch begründet, das alles gedreht hat,

weil ich es geglaubt habe,

und sich deshalb einige Originaldokumente erst gar nicht richtig angesehen hat.

So fiel einer Mitarbeiterin am Set auf, dass sich Browders Version an einer Stelle nicht mit offiziellen Protokollen deckt. In weiterer Folge beginnen Nekrassow und sein Team in der Dokumentation ihre abgedrehte Geschichte, also jene von Browder, die vom politischen Westen gerne abgekauft und missbraucht wurde, Stück für Stück zu hinterfragen und zu zerlegen.

"Ohne Browder kein Magnitski"

Beginnend mit irreführenden Angaben über die Todesumstände Magnitskis in dessen Zelle decken Nekrassow und sein Team auf, dass Magnitski nicht gefoltert wurde. "Der Foltervorwurf ist eine Lüge", so Nekrassow, dem die Briefe von Magnitski aus dem Gefängnis vorliegen – und in dem "jedes Jahr im Schnitt 100 Menschen" sterben. Oder auch, dass Magnitski als beauftragter Buchhalter von Browder wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehungen des US-Investors verhört wurde und nicht, wie zuvor behauptet, von sich aus ein Verbrechen korrupter Moskauer Polizisten untersucht hat, die den russischen Staat um eine 230 Millionen Dollar schwere Steuerzahlung von Browders Firmen bestohlen hätten.

Auch soll Magnitski dafür verantwortlich gewesen sein, dass Menschen mit Behinderung pro forma eingestellt wurden, um Vorteile zu erlangen. Und so entwickelt sich der Film von Nekrassow, in dem dieser seine eigenen Fehler und Nachlässigkeiten aufzuarbeiten beginnt, zu einem Dokumentarfilm, der die Geschichte des auf westlichen Bühnen gerne gesehenen Fondsmanagers und angeblichen Menschenrechtsaktivsten Browder gegen den korrupten russischen Staatsapparat ins Gegenteil verkehrt und verschwiegene Details aufdeckt.

"Wir haben nur unsere Arbeit gemacht" (Nekrassow)

Schon klar, dass US-Investor Browder, ein ehemaliger Putin-Fan, aber auch die russophoben und transatlantisch vernetzte Marieluise Beck von den Grünen, und sie macht im Film eine noch schlechtere Figur als die in erbärmlichem Zustand befindlichen russischen Gefängnisse, alle Hebel in Bewegung setzten, um die Ausstrahlung des Dokumentarfilms zu verhindern. Die Anwälte von Browder und Beck, so Nekrassow, schreiben alle an und drohten Maßnahmen an, sollte es jemand wagen, den Film zu zeigen. So wurde eine Vorführung im Europaparlament im letzten Moment unterbunden und auch in Norwegen - ein norwegisches Filminstitut zählte zu den Sponsoren des Films - wurde eine Veranstaltung wegen finanzieller Unterlegenheit gegen das Team von Browder abgesagt.

Zwar hatte man Filmemacher Nekrassow bei Arte/ZDF zugesichert, dass man schon mehrere "schwere Geschichten" trotz Drohungen, etwa von Scientology, ausgestrahlt hätte, trotzdem wurde der Film vor rund zwei Jahren und ausgerechnet am Tag der Pressefreiheit auf Druck von Browder aus dem Programm genommen. Dieser hatte gedroht, das ZDF in den finanziellen Ruin zu treiben. Also intervenierte damals auch der Direktor des ZDF, eines Hauptsponsors des Films, gegen die Ausstrahlung. Für Nekrassow aber haben die Steuerzahler ein Recht darauf, das Ergebnis seiner Arbeit zu sehen, haben sie den Film doch mitfinanziert. Mittlerweile erfolgt der Austausch mit dem ZDF über die Anwälte, wobei es keinen Vorwurf gäbe, dass im Film etwas falsch dargestellt würde, so Nekrassow. Man gibt Browder im Nachhinein einfach nur dahingehend Recht, dass er sein Gesicht im Film nun nicht mehr veröffentlicht sehen will. Wie aber, fragt Nekrassow,

kann man investigativen Journalismus betreiben, wenn man herausfindet, dass der Inhalt kritisch wird und dann die Erlaubnis zur Veröffentlichung zurückzieht?

Mögliches Motiv: Rachefeldzug des westlichen Neoliberalismus

Nekrassow, der für die Recherche viel über die Fassade der internationalen Finanzwelt und das Verschieben von Geld lernen musste, gesteht nicht nur ein, naiv gewesen zu sein, er gibt auch zu, im Fall Magnitski, der für Gastgeber Rötzer nach Verschwörung klingt, noch immer nicht alle Vorgänge in der Sache zu verstehen. Ob Browder die 230 Millionen Dollar, die er trotz diverser Steueroptimierungsmodelle noch zu zahlen gehabt hätte, gestohlen hat, da er, wie es in Russland üblich war, versuchte, gezahlte Steuern wieder zu bekommen, kann er nicht beurteilen. Er weiß nur, dass Browder im Jahr 2001 wegen Steuerhinterziehung in Russland verurteilt und später des Landes verwiesen wurde. Und Browder, mittlerweile hartnäckiger Putin-Kritiker, hätte wohl aus 2001 gelernt und präventiv - Magnitski war in den Medien gar nicht präsent - die Geschichte des Helden Magnitski entwickelt, die in immer mehr Ländern zu Gesetzen nach dem "Magnitski-Act" führen würde und gegen die man kaum noch ankommt, so Nekrassow. Denn, so der in Leningrad geborene Regisseur: "Wer bist Du schon, welche Glaubwürdigkeit hast Du im Vergleich zu einem Gesetz?"

Finanzbetrüger William Felix „Bill“ Browder auf dem Wirtschaftsforum in Davos im Januar 2011.

Browders Anwälte hätten aber auch erst Kontakt mit verschiedenen Menschenrechtsaktivisten aufgenommen, nachdem die Geschichte erfunden worden sei. Für den Filmemacher und seine Mitarbeiterin Vetta Kirillowa, die ebenfalls anwesend war, ist Browder jedenfalls Teil eines korrupten Systems, innerhalb dessen er in Russland und auf Kosten der Bevölkerung wie auch andere Oligarchen reich geworden ist. Trotzdem glaubten dort noch viele an die Version vom "guten Kapitalisten".

Nekrassow: "Ich gelte jetzt als Putins Propagandist"

Nekrassow, vor dem sich Browder nun fürchte und jeder Diskussion mit ihm aus dem Weg ginge - "er hat Angst vor mir" - ist es wichtig, dass der Film in Deutschland gezeigt wird. Bisher gab es nur eine Vorstellung in der Berliner Volksbühne. Es sei eine traurige Geschichte und ein Präzedenzfall, was Arte/ZDF anbelangt, da es politischen Druck gibt. Die FAZ hätte Nekrassow etwa als Lügner dargestellt, ohne ihm die Möglichkeit zu geben, Stellung zu beziehen und das, so der russische Regisseur, obwohl der Film vom "Mainstream" und mit Steuergeldern gemacht wurde.

Nach den jüngsten anti-russischen Pleiten in Sachen Skripal und Babtschenko ist der Film von Nekrassow, den man mittlerweile als russischen Propagandisten beschimpft und bedroht, ein weiterer Rückschlag westlicher PR. Browders Geschichte, so der Regisseur, sei jedenfalls nützlich für die Neoliberalen. Und ob sich die Presse- und Meinungsfreiheit oder doch weiterhin die Interessen eines US-Investors und dessen Helfer wie der Grünen Marieluise Beck in Europa durchsetzen und der prämierte Film am Ende doch dem Publikum zugänglich gemacht wird, bleibt abzuwarten. Allerdings interessiert der Film, sollte er noch lange genug in der Schublade bleiben, in ferner Zukunft wohl auch nur noch die Wenigsten.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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