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Ein Land in Angststarre: Kabarettistin Lisa Eckhart von Festival in Hamburg ausgeladen

Ein Land in Angststarre: Kabarettistin Lisa Eckhart von Festival in Hamburg ausgeladen
Wenn man zwischen Kunstfigur und Person nicht mehr unterscheidet, steht es schlimm um die Kunstfreiheit.
Aus Angst vor der "Sprengung" der Veranstaltung wurde die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart von dem Harbour Front Literaturfestival in Hamburg ausgeladen. Die Veranstaltung falle leider aus, heißt es auf der Webseite des Veranstalters – ein Trauerspiel.

von Timo Kirez

Laut Berichten im Spiegel und in der Welt stehen hinter der Ausladung die Sicherheitsbedenken der Veranstalter. Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart war nach einem Auftritt bei WDR-Mitternachtsspitzen in die Schusslinie geraten. Der Vorwurf: Sie bediene "rassistische und antisemitische Klischees". Das tut die Kabarettistin tatsächlich, wenn auch aus anderen Gründen, als die Kritiker ihr vorwerfen. Doch dazu weiter unten mehr.

"Es ist unseres Erachtens sinnlos, eine Veranstaltung anzusetzen, bei der klar ist, dass sie gesprengt werden wird, und sogar Sach- und Personenschäden wahrscheinlich sind", zitiert der Spiegel aus einer Mail des Veranstaltungsortes Nochtspeicher an die Leitung des Festivals. Im "bekanntlich höchst linken Viertel" (gemeint ist hier offenbar der Stadtteil St. Pauli) werde eine solche Veranstaltung nicht geduldet, auch an Polizeischutz sei nicht zu denken, weil "die Situation dann sogar noch eskalieren und gar zu Straßenscharmützeln führen" könne. Auch hätten sich andere Künstler geweigert, gemeinsam mit Eckhart aufzutreten.

Wenn alle nur noch einer Meinung sind – und Abweichler abgestraft werden – läuft etwas schief. (Symbolbild)

Die Hamburger Kulturbehörde erklärte zu der Absage, es müsse generell klar sein, dass die Kunst frei sei und immer und überall stattfinden können müsse. "Durch Androhung von Gewalt Einfluss auf Veranstalter zu nehmen, geht daher gar nicht", sagte ein Sprecher. Es stehe aber auch außer Frage, dass Antisemitismus und Rassismus auch – und gerade in der Kunst – kein Platz gegeben werden dürfe. In diesem Spannungsverhältnis sei jeder Veranstalter autonom in der Programmgestaltung.

Leider muss man dazu einmal mehr feststellen, dass bei einigen in Deutschland offenbar die Fähigkeit verloren gegangen ist, Kunst – oder in diesem Fall Satire – einzuordnen. Oder sie zumindest in den richtigen Kontext zu setzen. Oder sie überhaupt jenseits der jeweiligen Gesinnung zu analysieren. Mittlerweile ist es oft ein feuilletonistisches Trauerspiel.

Es macht einen großen Unterschied, ob ein Horst Mahler einen Michel Friedmann zur Begrüßung für ein Interview mit "Heil Hitler, Herr Friedman!" anspricht und das vermutlich lustig findet, oder ob eine zugegeben provokante Kabarettistin, von der keinerlei braune Gesinnung bekannt ist, sich gestattet, ihr Publikum in Sachen "politische Korrektheit" ab und zu ordentlich durchzuschütteln.

Auch ist Lisa Eckhart nicht vergleichbar mit einem Louis-Ferdinand Céline, ein begnadeter Schriftsteller, aber gleichzeitig auch ein glühender Antisemit und Kollaborateur mit den Nazis im besetzten Frankreich. Sein Werk ist durchzogen von Judenhass. Ernst Jünger, auch kein Kind von Traurigkeit, schreibt in seinem Tagebuch und in einzelnen Briefen, Céline habe ihn unter vier Augen dazu aufgefordert, mit seiner Kompanie Juden abzuschlachten und "keinen übrig zu lassen".

Wer bei Lisa Eckhart genauer hinhört und hinschaut, findet vielmehr Parallelen zu Bertolt Brecht. Der versuchte, mit seinem "Epischen Theater", über Verfremdungseffekte eine kritische Auseinandersetzung mit dem Theater (im größeren Rahmen auch mit der Gesellschaft) zu erreichen. Im Gegensatz zu dem "Theater des Naturalismus" eines Aristoteles, bei dem es um "Katharsis" durch Einfühlung und Identifikation ging.

Slavoj Žižek: Selbstverachtung politisch korrekter Weißer nützt nichts im Kampf gegen Rassismus
(Symbolbild: Demonstrierende in Tel Aviv knien im Zeichen der Unterstützung der  Proteste gegen Polizeigewalt in den USA nieder. Tel Aviv, 7. Juni 2020.)

Nicht umsonst finden sich bei Brecht deswegen auch derart viele "zwielichtige Gestalten". Es sei in diesem Zusammenhang nur an "Mutter Courage" erinnert, die einerseits versucht, Geld mit dem Krieg zu machen, und andererseits dabei ihre Kinder verliert. Genau eine derartige "zwielichtige Kunstfigur" ist auch Lisa Eckhart auf der Bühne. Schon ihr affektiertes Auftreten ist verstörend, ihre Worte sind es noch mehr. Mit so einer Figur kann man sich nicht identifizieren – und genau das ist die Idee dahinter.

Man soll die Bühnenfigur Lisa Eckhart nicht mögen. Und schon gar nicht das, was sie sagt. Das funktioniert hervorragend, und man kann trotzdem dabei lachen. Aber es ist eben oftmals ein Lachen, bei dem man fast ein wenig zusammenzuckt. Hat Lisa Eckhart eine Agenda? Selbstverständlich. Doch die hat weder etwas mit Rassismus noch mit Antisemitismus zu tun. Es geht ihr vielmehr darum, die Widersprüche jeder Haltung – auch die des sogenannten "Gutmenschentums" – zu entlarven.

Das tut weh und ist unbequem. Aber wenn dafür in einer Gesellschaft kein Platz mehr ist, können wir die Kunst gleich ganz abschaffen und das Geld lieber für Töpferkurse bei Vollmond und Entspannungsmusik ausgeben. Die Angst der Veranstalter in Hamburg ist zum einen beschämend und zum anderen sinnbildlich für das, was man oftmals die "German Angst" nennt. Und "German Angst" hat zurzeit Hochkonjunktur.

Die einen haben Angst vor Migranten, die anderen vor Nazis. Die einen haben Angst vor den Maskenverweigerern, die anderen vor den Corona-Maßnahmen der Regierung. Die einen haben Angst vor Klimawandel, die anderen vor synthetischen Schnitzeln, und so weiter und so fort.

Und nun haben einige auch Angst vor Witzen – das ist vermutlich der beste Witz aller Zeiten.

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