Europa

Raub der Ukraine: Das Kulturerbe des Landes als Selbstbedienungsladen unter freiem Himmel

Das Kulturerbe der Ukraine ist in Gefahr. Die Bedrohung verkörpern aber nicht die russischen Truppen, wie westliche Medien gerne behaupten. Ernstes Unheil geht von der ukrainischen Kunstmafia aus, die mit dem europäischen Kunstschwarzmarkt vernetzt ist.
Raub der Ukraine: Das Kulturerbe des Landes als Selbstbedienungsladen unter freiem HimmelQuelle: Gettyimages.ru © Leon Neal

Ein Bericht von Dora Werner

Jeder Krieg ist ein Paradies für Kriminelle. Menschenhändler freuen sich über Flüchtlinge, die Bosse der Organmafia freuen sich über Verwundete und über das Chaos in den Museen freuen sich die Kunstschmuggler. Die Ukraine ist hier leider keine Ausnahme und das Kulturerbe des Landes könnte das gleiche Schicksal erleiden wie Kunstwerke aus der arabischen Welt, die seit dem sogenannten Arabischen Frühling Opfer von Kunstschmuggel sind.

Wie Vincent Michel, Professor für Archäologie an der Universität Poitiers, der Zeitschrift Die Welt sagte, haben sich die arabischen Länder nach den Unruhen in einen "Selbstbedienungsladen unter freiem Himmel" verwandelt.

Allein in Ägypten sei die Zahl illegaler Ausgrabungsstätten von 1.500 vor dem Arabischen Frühling auf knapp 9.000 im Jahr 2020 gestiegen. In den vergangenen Jahren habe sich eine Kette gebildet, die in Ägypten, Syrien oder Irak beginne und über Transitländer in die Zielländer reiche, so der Experte. Die Raubkunst aus arabischen Ländern werde für Millionenbeträge versteigert oder an Museen verkauft.

Bei dem Kunstschmuggel seien nicht nur Händler und Anhänger der Kunstmafia in der arabischen Welt beteiligt. Auch europäische – und durchaus namhafte – Galerien, Kunstexperten, Kuratoren und Museumsmanager seien ebenfalls im Spiel, wie der jüngste Skandal um den ehemaligen Louvre-Direktor zeigt. Die Kunstobjekte, die während der Unruhen aus Ägypten entwendet und dann illegal in Europa weiterverkauft wurden, landeten schließlich in der arabischen Filiale des Louvre und im Metropolitan Museum.

In den vergangenen Monaten haben westliche Medien wiederholt russische Truppen für Bombenangriffe auf ukrainische Kulturstätten und für die Plünderung ukrainischer Museen verantwortlich gemacht. Beweise hierfür werden jedoch nicht geliefert. Man erwähnt natürlich auch nicht, dass die Probleme, die das Land mit der Erhaltung des Kulturerbes hat, nur bedingt mit dem Beginn der russischen Militäroperation zu tun haben. Und dass die Ukraine – mit Duldung örtlicher Behörden – Schritt für Schritt, noch lange vor dem Krieg, zu so einem "Selbstbedienungsladen unter freiem Himmel" gemacht wurde.

Russland den Schwarzen Peter zuschieben

Einige Wochen nach dem Beginn der russischen Militäroperation in der Ukraine berichtete die Nachrichtenagentur TASS über einen gescheiterten Versuch, eine wertvolle Sammlung vom Gold der Skythen aus dem regionalen Geschichtsmuseum der Stadt Melitopol nach Europa zu schmuggeln.

Wladimir Rogow, ein Mitglied des Hauptrates der zivil-militärischen Verwaltung des Gebiets Saporoschje, sagte damals der Agentur:

"Wir haben vor kurzem einen Versuch verhindert, das legendäre Gold der Skythen zu stehlen und ins Ausland zu exportieren. Offenbar waren die Kunden in einem Land der Europäischen Union ansässig."

Als bekannt wurde, dass dem Museum die Goldsammlung fehlt, hat Lina Mendoni, Griechenlands Ministerin für Kultur und Sport, Russland für die Plünderung des Museums in Melitopol verantwortlich gemacht. Ohne hierfür Beweise vorzulegen. In einer Erklärung des Pressedienstes des griechischen Ministeriums, die die Nachrichtenseite News.ru zitierte, hieß es:

"Es ist wirklich schmerzhaft, neben den dramatischen Zeiten, die die ukrainischen Bürger aufgrund der russischen Einmischung durchleben, die monströse Plünderung skythischer Artefakte aus dem Museum in Melitopol zu beobachten. Es ist traurig, dass sich die Barbarei in Angriffen auf Museen und alles, was den menschlichen Geist und die Kultur zum Ausdruck bringt, manifestiert".

Als sich etwas später herausstellte, dass die Sammlung unter der früheren ukrainischen Leitung des Museums gestohlen worden war, folgten natürlich weder ein Widerruf noch eine Entschuldigung.

Wie russische Medien unter Berufung auf lokale Behörde berichteten, wurden die gestohlenen Gegenstände vom russischen Militär aufgespürt. Die Zeitung Wetschernjaja Moskwa schilderte die Vorgänge so:

"Die Wertgegenstände des Museums waren unter der vorherigen Leitung gestohlen worden. Erst durch die Militäroperation konnte das Verschwinden entdeckt werden. Die ukrainischen Medien und später auch die Generalstaatsanwaltschaft der Ukraine beschuldigten russische Soldaten des Diebstahls. Später wurde festgestellt, dass die ukrainischen Streitkräfte selbst daran beteiligt waren. Die Täter wollten die Kunstobjekte nach Kiew und weiter in die Westukraine bringen. Die gestohlenen Gegenstände wurden im Gebäude der alten Stadtverwaltung von Melitopol aufbewahrt, wo sie von russischen Soldaten entdeckt wurden."

Bei den Kunstobjekten aus dem Museum Melitopol handelt es sich um eine Sammlung vom Gold der Skythen sowie um sowjetische und deutsche Waffen. Der Gesamtwert der Gegenstände wird auf über 470.000 Euro geschätzt.

Solche Objekte seien auf dem Schwarzmarkt teuer, meinte der Kunsthistoriker Michail Mindlin gegenüber der Zeitung Wetschernjaja Moskwa. "Es gibt sogar Fälle, in denen die Exponate auf Wunsch von Sammlern gestohlen werden. Es gibt verrückte Sammler, die bereit sind, alles zu tun, um ein Museumsstück um jeden Preis für ihre Sammlung zu bekommen", so der Experte.

Das Beispiel von Melitopol ist kein Einzelfall. In den vergangenen Monaten wurde Russland mehrmals beschuldigt, Museen in der Ukraine anzugreifen und das Kulturerbe des Landes zerstören zu wollen. Unter dem Vorwand, "Kunstgegenstände vor dem Krieg zu schützen", werden Museumssammlungen auch aus Gebieten, in denen keine Kampfhandlungen stattfinden, "evakuiert" oder einfach an Privatpersonen übergeben.

The Art Newspaper beschreibt zum Beispiel, wie Ukrainer Tausende von Kunstobjekten vor den vermeintlich bösen Russen "tapfer verstecken". Es fällt aber auf, dass dabei keine detaillierten Aufzeichnungen über die "versteckten" Museumsschätze geführt werden. Aufbewahrungsvorschriften werden ebenfalls missachtet.

Es ist daher ziemlich unwahrscheinlich, dass diese Kunstgegenstände jemals nach dem Krieg gefunden oder in gutem Zustand zurückgegeben werden.

Kunst zum Mitnehmen

Die Entwendung des ukrainischen Museumsbestandes begann jedoch lange vor dem Krieg.

Bezeichnend dafür ist ein Fall aus dem Jahr 2017. Insgesamt 621 Museumsstücke, darunter Skulpturen, alte Bücher, Gemälde, wertvolle Münzen und Möbel, wurden damals in den Sammlungen der Kunstgalerie in Lwow vermisst. Den Verlust hatte man bei einer Inventur entdeckt, berichtete Pjatyi Kanal. Der Direktor des Museums Taras Wosnjak sagte den Journalisten:

"Als wir im Winter das Verschwinden von antiken Büchern feststellten, begannen wir mit einer detaillierten Bestandsaufnahme aller Museumssammlungen. Es stellte sich heraus, dass insgesamt 621 Kunstwerke aus verschiedenen Epochen vom 16. bis zum 20. Jahrhundert fehlen."

Ein weiteres Beispiel stammt aus dem Jahr 2021.

Sommer. Präsident Selenskij ist seit zwei Jahren an der Macht und Russlands Militäroperation ist noch Monate entfernt. In Großbritannien wird auf dem Postweg frühmittelalterlicher Schmuck abgefangen. Die Kunstwerke stammen aus der Ukraine und dürften aus dem Land illegal ausgeführt worden sein. Mehr ist nicht bekannt.

Wie The Art Newspaper im Mai 2022 berichtete, "handelt es sich bei den 86 sichergestellten antiken Metallarbeiten um Anhängerkreuze aus dem 11. bis 14 Jahrhundert. Auch Scheibenanhänger mit einem Kreuz aus einer ähnlichen Zeit, die den Einfluss des Christentums zeigen, sind Teil des Fundes". Laut der Zeitung konnten die Kunstgegenstände "nicht identifiziert" werden. Trotzdem habe man die Entscheidung getroffen, sie an das Nationale Historische Museum der Ukraine in Kiew zurückzugeben. Allerdings erst später. Vorerst werden sie im Britischen Museum in London ausgestellt und in Großbritannien so lange festgehalten, "bis sie aus logistischer Sicht sicher in die Ukraine zurückgebracht werden können". Was passiert mit der wertvollen Sammlung, falls dies in absehbarer Zeit nicht der Fall sein wird? Darüber schweigt man.

Selbstverständlich haben die Kriegshandlungen die Situation der Unterschlagung des ukrainischen Kunstbesitzes verschlimmert.

Ende März 2022 tauchte in den sozialen Medien das folgende Augenzeugenvideo auf. Laut Beschreibung handele es sich um ein Museum in Kiew, aus dem Kultur- und Kunstgegenstände "unter dem Vorwand, es vor Kriegshandlungen zu retten", entfernt wurden.

Das Schicksal der aus diesem Museum "evakuierten" Museumsstücke ist unbekannt.

Es ist auch nicht bekannt, was mit den Sammlungsbeständen der meisten Museen in Kriegsgebieten wie Mariupol geschehen ist. Laut Rossijskaja Gaseta existiert das kulturelle und historische Erbe von Mariupol praktisch nicht mehr. "Von den 60.000 einzigartigen Museumsraritäten haben nur wenige überlebt", heißt es. Natalija Kapustnikowa, Leiterin des Heimatmuseums von Mariupol, sagte der Zeitung:

"Bevor die russischen Truppen kamen, wurden im Museum Teile des nationalistischen Asow-Regiments stationiert. Sie stahlen alles, was sie für wertvoll hielten. Ein Säbel aus der Zeit des Bürgerkriegs verschwand, während ein Fragment eines kumanischen Säbels aus dem 11. Jahrhundert glücklicherweise verblieb, weil die Verbrecher seine Einzigartigkeit und seinen Wert nicht erkannten. Auf dem Rückzug warfen sie Molotowcocktails auf das Museum und setzten das Gebäude in Brand. Was nicht durch das Feuer zerstört wurde, wurde von Plünderern gestohlen."

Das Schicksal des Kuindschi-Kunstmuseums in Mariupol ist noch trauriger, denn es wurde vollständig zerstört. Medienberichten zufolge konnten einige Exponate jedoch gerettet werden. Zum Beispiel Werke von Archip Kuindschi und Iwan Aiwasowski. Kuindschis Skizze des Gemäldes "Roter Sonnenuntergang" wurde von der Museumsleiterin gerettet und in einem Haus versteckt, schrieb die ostukrainische Online-Zeitung Odna Rodina. Der geschätzte Wert des Kunstwerks beträgt fast 690.000 Euro. Aktuell befindet sich das Gemälde im Metropolitan Museum in New York. Der Zeitung zufolge sei auch ein einzigartiges Porträt von Archip Kuindschi erhalten geblieben. Eines der letzten Porträts, die zu Lebzeiten des Künstlers entstanden seien. Die geborgenen Exponate wurden nach Donezk geschickt, wo sie protokolliert und restauriert werden sollen.

"Bewahrt für die Nachkriegszeit"?

"Bewahrt für die Nachkriegszeit" – so elegant betitelt die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen Artikel über die Ausstellung der geschmuggelten ukrainischen Kunstgegenstände im Britischen Museum, die natürlich als Zeichen der Solidarität mit der Ukraine gesehen wird.

Es fällt jedoch auf: Neben den Solidaritätsbekundungen europäischer Kulturschaffender und Politiker gibt es keine wirkliche Unterstützung für den Erhalt des Kulturerbes der Ukraine. The Art Newspaper hatzum Beispiel in Erfahrung gebracht, dass das Land von Großbritannien kein Geld für den Kulturschutz bekommen hat.

Wie die Zeitung schrieb, habe der Kulturschutzfonds der britischen Regierung im laufenden Haushaltsjahr keine Mittel für Soforthilfe an die Ukraine bereitgestellt. Obwohl "der Fonds im März 60.000 Pfund für die Ukraine bereitstellen konnte, wurde im laufenden Haushaltsjahr kein Geld zur Verfügung gestellt, wenngleich die tragische und weit verbreitete Zerstörung von historischen Gebäuden und Museen unvermindert anhält".

Unterdessen bereitet sich Europa auf eine Flut illegaler Kunst aus der Ukraine vor.

Wie The Art Newspaper berichtete, hat Interpol bereits über 200 ukrainische Kunstwerke auf seine mobile Anwendung ID-Art hochgeladen. Von jedem Werk sei "bekannt, dass es entweder vor oder während des Krieges illegal aus der Ukraine geschmuggelt wurde". Und beim International Council of Museums (ICOM) sei man dabei, eine sogenannte "Rote Liste" für die Ukraine zu erstellen. Der Schwerpunkt der ICOM-Arbeit ist das Vorgehen gegen den illegalen Kunsthandel. Die Roten Listen, die über Krisengebiete erstellt werden, enthalten Objekte, die besonders gefährdet sind. Sie sollen den Strafverfolgungs- und Zollbehörden sowie Sammlern und Händlern helfen, illegal auf den Markt gebrachte Objekte schneller zu identifizieren.

Nach Angaben von The Art Newspaper, nehme die Erstellung einer solchen Liste in der Regel etwa ein Jahr in Anspruch. Für die Ukraine werde sie in wenigen Monaten erstellt und das Verzeichnis an die Strafverfolgungsbehörden übergeben. "Wir sagen den Sammlern: 'Halten Sie die Augen offen und seien Sie vorsichtig'", so Sophie Delepierre, Leiterin des Bereichs Denkmalschutz bei ICOM gegenüber der Zeitung.

Einige Museumssammlungen will die ukrainische Regierung sogar offiziell an Europa übergeben. Wie die Nachrichtenagentur TASS Ende Mai berichtete, hätten sich ukrainische Behörden bereit erklärt, dem spanischen Nationalmuseum Prado Kunstwerke zur Aufbewahrung zu überlassen. Igor Schowkwa, stellvertretender Leiter des ukrainischen Präsidentenbüros, sagte laut TASS:

"Mehrere unserer Museen sind zerstört worden und einige Kunstwerke haben wir gerettet. Es wäre gut, wenn diese Kunstwerke im Prado-Museum oder in anderen europäischen Museen aufbewahrt werden könnten."

Da der Ausgang des Konflikts in der Ukraine jedoch nicht vorhersehbar ist, könnte dies dazu führen, dass Kunstobjekte einem jahrelangen Rechtsstreit unterliegen und nie wieder in ihr Heimatland zurückkehren. Wird die Ukraine also zu einem "Selbstbedienungsladen unter freiem Himmel"? Oder ist sie bereits zu einem geworden?

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