Europa

Stockholm ja, Belgrad nein? – Wer gehört zum "wahren Europa"?

Während man Finnland und Schweden am Strick in die NATO zerrt und dafür mit dem Virus der Russophobie infiziert, um sie auf das richtige Format zu trimmen, demonstriert Serbien konsequent eine unangepasste Politik. Trotz des Drucks dümpelt die Unterstützung der Serben für einen EU-Beitritt derzeit auf einem historischen Minimum.
Stockholm ja, Belgrad nein? – Wer gehört zum "wahren Europa"?Quelle: Gettyimages.ru © ThomasVogel / E+

Eine Analyse von Andrei Rudaljow

Während man Finnland und Schweden am Strick in die NATO zerrt und dafür mit dem Virus der Russophobie infiziert, um sie auf das richtige Format zu trimmen, demonstriert Serbien konsequent eine unangepasste Politik. Trotz des enormen Drucks auf dieses Land vonseiten der "zivilisierten" Menschheit dümpelt derzeit die Unterstützung der Serben selbst für die Idee eines EU-Beitritts auf dem Niveau eines historischen Minimums.

Laut einer Ipsos-Umfrage würden nur 34 Prozent der befragten Serben einen möglichen EU-Beitritt befürworten, aber etwa 44 Prozent würden klar dagegen stimmen. Als Grund für diese aktuelle serbische Euroskepsis wird die Ukraine-Krise genannt, aber auch der massive Druck, Belgrad in die Sanktionsfront gegen Russland zu nötigen.

Dabei muss man verstehen, dass die Regierenden des Landes ein Gleichgewicht zu wahren suchen: Belgrad hat einen klaren "europäischen" Kurs, schließlich verpflichtet dazu allein schon die geografische Lage. Aber gleichzeitig distanziert man sich in Bezug auf die Sanktionspolitik gegen Russland und durchbricht damit die etablierten Normen.

Diese Normen brachte der Innenminister Aleksandar Vulin auf den Punkt, als er feststellte, dass die Europäische Union "die Liebe des Landes zu Europa am Hass gegen Russland misst". Das ist eine Art politisches Disjunktionsprinzip "entweder – oder". Übrigens wurde das bereits vollumfänglich auf die Ukraine angewandt, was bekanntlich mit zu der aktuellen Katastrophe beisteuerte. Man verlangte von der Ukraine, alle historischen, kulturellen, geschäftlichen und menschlichen Verbindungen zu Russland abzubrechen. Und das wurde zu einem echten Sprengsatz für das Land.

Übrigens hat derselbe Vulin das wichtigste politische Prinzip Serbiens zum Ausdruck gebracht: Nicht nur ein militärisches, sondern auch ein politisch neutrales Land zu sein. Warum sollte auch das den aktuellen skandinavischen Kandidaten für einen NATO-Beitritt kein Vorbild sein?

Der serbische Präsident Aleksandar Vučić nannte diese Position als "entscheidend" für die Hauptsache, nämlich die serbischen Interessen, und nicht etwa die augenblickliche Erfüllung jeder Willensäußerung einer globalen Befehlskette. Eine solche Position erlaubt es nicht, ins Extrem zu verfallen und eine Politik zu praktizieren, die eben nicht auf "Gegen-Prinzipien" und Konfrontation, sondern auf Zusammenarbeit beruht. Tatsächlich stand gerade dieser Gedanke am Beginn des Aufbaus eines "gemeinsamen europäischen Hauses" mit dem Grundsatz der Priorität genau solch einer Zusammenarbeit. In Wirklichkeit ist die EU nur noch zu einem politischen Anhängsel der NATO geworden.

Seltsamerweise warnte übrigens der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow vor einem solchen Szenarium der Entwicklung von Ereignissen, als er bereits Ende der 1980er Jahre darüber schrieb, dass der Mythos über die sagenhafte Entführung Europas plötzlich "einen modernen Klang bekommen hat". Seiner Ansicht  nach war damals bereits der Eindruck entstanden, dass jegliche unabhängige Politik der westeuropäischen Staaten "über den Ozean getragen" wurde und dass sie gezwungen sind, unter dem Vorwand von Sicherheitsbedürfnissen nationale Interessen zu opfern.

Zur gleichen Zeit sprach Gorbatschow auch über die Verantwortung ganz Europas in einer Situation, in der die Welt an einem Scheideweg stand und die Alte Welt ein würdiges Beispiel für ein neues Denken auf der Grundlage von Prinzipien guter Nachbarschaft, Vertrauen und Zusammenarbeit hätte darstellen können. Doch wie wir wissen, ist man an dieser Wegscheide falsch abgebogen. Europa hat es nicht geschafft, seinen eigenen Willen zu zeigen und eine unabhängige Position einzunehmen. Als das gemeinsame "europäische Haus" aufgebaut war, traten dieselben Staaten aus reiner Gewohnheit die Tür mit den Füßen auf, setzten sich an die Stirnseite des Tisches und begannen zu diktieren. Als erstes beglückten sie Europa mit der Bombardierung Jugoslawiens und zogen dann die Schlinge um den Hals mit der ukrainischen Katastrophe noch fester.

Wie soll man das bewerten? Vielleicht ist ja allein Serbien jenen Integrationsprinzipien treu geblieben, die ursprünglich die Hoffnung auf eine Europäische Union ausmachten.

Offenbar hängt die aktuelle Euroskepsis dieses Balkanlandes nicht nur mit den gegenwärtigen Faktoren und nicht nur mit den eigenen tragischen Erfahrungen des Jahres 1999 zusammen, sondern auch mit einem elementaren, gesunden Menschenverstand. Denn die EU ist in ihrer jetzigen Form nicht nur sinnwidrig und nachteilig für jedes Land, das eine souveräne Politik betreiben will, sondern als Ganzes schlichtweg gefährlich.

Dieses Gebilde war einst eine schöne Utopie, die sich mittlerweile in eine Dystopie verwandelte. Als auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion Desintegrationsprozesse herrschten, bildeten die Einigungsprozesse in Europa dazu noch ein Gegengewicht. Die Chance zu einer historischen Integration ging allerdings verloren. Und jetzt ist Europa eher ein Symbol für Zerfall und Absonderung.

Übrigens bekam seinerzeit in Russland diese Utopie sogar das Format vom Traum einer noch größeren Aussicht für Europa – von Lissabon bis Wladiwostok. Mit ähnlichen Ideen kandidierte sogar einmal ein Oligarch für das Präsidentenamt. Doch zur Realisierung dieser Idee gaben sich dann Leute als Handwerker aus, wollten hier und da Reparaturen im "europäischen Stil" vornehmen und vor allem Standards einführen ... Um genau zu sein, machte sich Russland tatsächlich lange Zeit Hoffnungen  im Zusammenhang mit diesem Haus – nicht unbedingt als ein Prunkgemach für sich darin, aber wenigstens als ein Erweiterungsbau im selben architektonischen Stil.

Dann aber begann  der hastig zusammengesetzte europäische Flickenteppich schon bald Risse zu bekommen und zu zerfallen. Es wurde festgestellt, eine höhere Effektivität sei nur durch eine zentrale Verwaltung möglich, und wer solch ein Konstrukt der Unterordnung nicht wollte, flog eben 'raus – wie England. Wer weiß, war vielleicht  der Brexit sogar das einzige Rettungsboot, das von der europäischen Titanic heruntergelassen werden konnte?

In Wirklichkeit stellte sich heraus, dass der politische Überbau EU die Fesselung durch Sicherheitsleistungen nur vereinfacht, das Wohnheim mit dem Geist des Blutes füllend. Die NATO ist die eine Sache, und ein auf diese Weise vereintes Europa ist eben nur eine andere Ebene der Unterordnung, wie sich während der Bombardierung Jugoslawiens gezeigt hat.

Im jetzigen Format ist die EU auch durch den Verlust jeglicher Vernunft gefährlich, wenn nur noch derjenige Recht hat, der am lautesten schreit. Und dieses Geschrei kommt heute vor allem von den jungen europäischen Revanchisten: aus Polen und der baltischen Dreifaltigkeit, die sich Vorteile verschaffen wollten, indem sie eine russische Bedrohung beschwören. Dort bekommt auch das alte Gespenst des Nationalsozialismus zunehmend wieder eine Gestalt von Fleisch und Blut.

Nachdem die EU-Länder tatsächlich zu den Architekten der ukrainischen Katastrophe geworden sind, kann man jegliche Vorteile einer Mitgliedschaft vergessen. Außer natürlich, man will die gemeinsame Schuld teilen und zusammen mit allen anderen im Waggon in den Abgrund rauschen.

Zusätzlich ist die wichtigste politische Währung, die jetzt getauscht werden kann – die Misanthropie gegenüber Russland. Dies ist eine unabdingbare Voraussetzung des gegenwärtigen Formats dieser "europäischen Integration", zu dem die EU verkommen ist, zu einer Karikatur ihrer selbst.

Serbien mit seinem gesunden Menschenverstand steht abseits von dieser momentanen Konjunktur. Es hält genau an dem Kurs fest, der am Anfang mal als Fundament der europäischen Integration gelegt wurde. Darin allein ist die Hoffnung für eine Zukunft dieser Gemeinschaft enthalten, für ihren neuen Zusammenbau. Denn das Format, das diese "Alte Welt" nun angenommen hat, lässt der EU keine Chance.

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Übersetzt aus dem Russischen 

Andrei Rudaljow ist ein russischer Publizist, Schriftsteller und Literaturkritiker

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