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Wirtschaftsprofessor: EU und USA fürchten Wachstum der Türkei - Multipolare Welt Ausweg zum Westen

Wirtschaftsprofessor: EU und USA fürchten Wachstum der Türkei - Multipolare Welt Ausweg zum Westen
Eine Goldschmiedin produziert Armbänder in der Ahlatcı-Metallraffinerie in der zentralanatolischen Stadt Çorum, Türkei, 11. Mai 2017.
Während westliche Medien in der Regel kritisch bis negativ über die türkische Wirtschaft berichten, soll die Realität ein völlig anderes Bild zeichnen. Die Türkei ist dynamisch und aufstrebend - und wird daher im Westen als lästige Konkurrenz wahrgenommen.

von Ali Özkök

RT Deutsch hat mit Professor Doktor Serkan Dilek gesprochen. Er ist Wirtschaftsdozent und Ökonom an der nordtürkischen Wirtschaftsuniversität Kastamonu.

Die Türkei wächst seit vielen Jahren deutlich. Westliche Medien behaupten, dass dieses Wachstum nicht nachhaltig ist. Wie beurteilen Sie diese Einschätzungen, und wie beurteilen Sie die Entwicklung der türkischen Wirtschaft?

Die Türkei verzeichnete mit einem Wirtschaftswachstum von 7,4 Prozent im Jahr 2017 einen großen Erfolg. Dieser Erfolg wurde trotz der Terroranschläge, der Syrienkrise und der Nachwehen des gescheiterten Putschversuchs vom 15. Juli 2016 erreicht. Dies hatte nichts mit Glück zu tun, sondern mit einer effektiven Wirtschaftspolitik der AKP-Regierung und von Präsident Erdoğan.

Betrachtet man die Zeit nach 2002, so hat die Türkei im Schnitt ein Wirtschaftswachstum von mehr als fünf Prozent pro Jahr erzielt. Die westlichen Medien verstehen den Grund für diesen Erfolg nicht. Vor 2002 dominierten Abbau und Ausbeutung durch politisch begünstigte Eliten das Wirtschaftsleben. Das herrschende Establishment betrachtete es als erste Pflicht, seine eigene Gefolgschaft mit Privilegien auszustatten. Die staatlichen Institutionen boten der anatolischen Bevölkerung wiederum keine Chancen zur Entwicklung. Fast alle wirtschaftliche Ressourcen standen unter der Kontrolle von weniger als 20 Prozent der Gesellschaft. Unterm Strich lässt sich zusammenfassen, dass quasi die gesamte arbeitende Bevölkerung für den Wohlstand einer kleinen privilegierten Schicht schuftete, die auch noch vom Westen für ihre politische Gefälligkeit unterstützt wurde.

Mit der Machtübernahme der AK-Partei lernten entscheidende Wirtschaftsschaltstellen und Instanzen, "inklusiver" vorzugehen. Jetzt haben die Menschen in Anatolien die Möglichkeit, Innovationen zu verfolgen oder unabhängig Investitionen zu tätigen. Vor allem die erstmals breitere Aufstellung der Wirtschaft erlaubt es der Türkei, ihre Wirtschaftsleistung auch über weitere Jahre fortzusetzen. Sollte die politische Stabilität anhalten, wird das Wirtschaftswachstum der Türkei anhalten.

Sie sagten, dass das Wirtschaftswachstum der Türkei von institutionellen Gründen abhänge. Aber einige westliche Experten behaupten, dass die Türken ihren Konsum hauptsächlich mit Krediten finanzierten. Kritiker machen Erdoğans Regierung dafür verantwortlich, weil sie die Menschen letztlich in die Verschuldung treibe.

Symbolbild.

Westliche Experten sind in dieser Hinsicht nicht ehrlich. Die Türkei ist kein Schuldnerland. Zahlen und Statistiken, die vorgelegt werden, werden politisch motiviert neu interpretiert. Fakt ist, die Schuldenquote der Türkei ist niedriger als in vielen westlichen Ländern wie Belgien, den Niederlanden, Deutschland und Frankreich. Die öffentliche Schuldenquote der Türkei liegt nur bei etwa 28 Prozent, während die öffentliche Schuldenquote vieler europäischer Länder 100 Prozent übersteigt. Laut dem Bericht der internationalen Unternahmensberatung McKinsey & Company gehört die Türkei weltweit zu den Ländern mit der niedrigsten Schuldenquote. Die Türkei war erst auf dem 38. Platz unter 47 Schuldner-Ländern zu finden.

Zuletzt stufte die Ratingagentur Fitch 24 türkische Banken herunter. Wie ist es um eine mögliche Bankenkrise wie im Jahr 2001 bestellt?

Ich sehe keine Gefahr einer Krise in der türkischen Wirtschaft. Der Bankensektor und die türkische Regierung haben 2001 viel aus der Krise gelernt, die die Türkei seinerzeit erschütterte. Sie sind schon lange keine unnötigen Risiken mehr eingegangen. Der türkische Bankensektor ist stark genug, um zu bestehen. Es scheint, wie auch von der japanischen Ratingagentur JCR vor wenigen Tagen in einer Stellungnahme bestätigt, kein Problem mit der Kapitaladäquanz, der Bilanzsumme und den Verbindlichkeiten zu geben.

Die Türkei leidet unter einem chronischen Handelsdefizit. Wo sehen Sie die Herausforderungen?

Das Problem des Handelsdefizits ist für die Türkei nicht neu. Historisch gesehen, hat die Türkei seit dem Zweiten Weltkrieg ein Handelsdefizit. Die Türkei finanziert dieses Defizit durch Tourismuseinkommen und ausländische Direktinvestitionen. Es gibt zwei Hauptgründe für das türkische Handelsdefizit. Erstens werden türkische Exportprodukte unter Verwendung externer Rohstoffe hergestellt. Das erhöht den Import anteilig. Zweitens sind die türkischen Produkte oft nicht sehr hochtechnologisch und haben eine geringere Wertschöpfung.

Warum gelingt es der türkischen Regierung nicht, dieses Handelsdefizit zu bekämpfen?

Neuerdings versucht die türkische Regierung, diese Probleme zu lösen, indem sie gezielt und verstärkt in Forschung und Entwicklung investiert. Außerdem subventioniert sie technologische Investitionen.

Oft wird behauptet, Erdoğan lasse der türkischen Zentralbank keine Handlungsfreiheit. Wie schätzen Sie den Status der Finanzinstitution ein?

Westliche Experten sind einfach nicht transparent und ehrlich, wenn sie die türkische Wirtschaft und Politik kritisieren. Um in der Wirtschaft erfolgreich zu sein, sollte die Fiskal- und Geldpolitik koordiniert werden. Harte Verhandlungen zwischen Zentralbank und Regierung gelten daher als normal. Auch die Regierung wird von der Gesellschaft gewählt und ist für den Erfolg der Wirtschaft für die Bürger verantwortlich. Die Beamten der Zentralbank dagegen werden für fünf Jahre ernannt und haben keinerlei direkte Verantwortung gegenüber den Bürgern. Um die Koordinierung zu gewährleisten, muss die Regierung ihre Ansichten mit der Zentralbank austauschen. Zentralbankbeamte sollten nicht nur über die Preisstabilität nachdenken, sondern sich auch um andere makroökonomische Ziele wie das Wirtschaftswachstum kümmern. Solche Kritik an Präsident Erdoğan ist nicht richtig. Er hat das Recht, seine Meinung über die Geldpolitik so wie auch andere Mitglieder der Gesellschaft zu äußern.

Die Türkei hat in den letzten Jahren weitreichende politische Spannungen mit westlichen Ländern wie Deutschland und den USA erlebt. Kann die Türkei auf den Westen verzichten?

Im Türkischen haben wir ein passendes Sprichwort. "Die Friedhöfe sind voll von Menschen, die sich für unentbehrlich hielten." Ich sage klar und deutlich: Die Regierungen der USA und Deutschlands unterstützen anti-türkische terroristische Gruppen. Schauen Sie sich einfach die syrisch-kurdische YPG-Miliz an. Bei dieser Miliz handelt es sich faktisch um die PKK, nur mit einem anderen Namen in Syrien. Diese westlichen Staaten sind sowohl gegenüber der Türkei als auch gegenüber Russland nicht ehrlich.

Präsident Erdoğan ist einer der größten Führer in der türkischen Geschichte. Die westlichen Länder dachten, sie hätten leichtes Spiel mit Ankara, denn sie glaubten, die Türkei sei alternativlos an den Westen gebunden. Aber jetzt gibt es die sogenannte 'Neue Türkei' unter der Leitung von Präsident Erdoğan, die dem Westen das Spiel nicht so einfach macht.

Wie bedeutsam sind die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland für die Türkei?

In Syrien ging der Westen gleichermaßen aggressiv gegen die Türkei wie gegen Russland vor. Diese Politik hat allerdings die Türkei und Russland einander deutlich nähergebracht. Der türkische Export nach Russland beträgt etwa drei Milliarden US-Dollar und der Import 19,5 Milliarden Dollar. Auch viele Russen ziehen es vor, die Türkei als Touristen zu besuchen. Die Konvergenz der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen liegt im großen Interesse beider Länder.

Sie sagten, dass die westlichen Länder Terroristengruppen gegen die Türkei unterstützten. Auch die Beitrittsgespräche zur Europäischen Union stocken. Gibt es Alternativen wie die Eurasische Wirtschaftsunion, die in Ankara diskutiert werden?

In den Persönlichkeiten von Erdoğan und Putin muss eine historische Chance für das Näherrücken beider Mächte gesehen werden. Die Türkei und Russland haben seit vielen Jahrzehnten keine so starken und erfolgreichen Staatschefs mehr erlebt. Während sich Ankara und Moskau einigten, künftig miteinander zu kooperieren, war die Europäische Union der Ansicht, dass sie das Recht hat, geopolitisch alles Erdenkliche gegen die Türkei ins Feld zu führen. Zum Beispiel leben hochrangige Mitglieder der Terrorgruppen FETÖ (Gülen-Anhänger) und PKK unbehelligt in Griechenland und in Deutschland. Außerdem hält Brüssel die Türkei seit Jahrzehnten mit dem Versprechen hin, Mitglied der Europäischen Union werden zu dürfen. Das wird so nicht weitergehen. Wenn sie sich gegenüber der Türkei weiterhin unehrlich verhalten, wird eine neue multipolare Welt entstehen. Die Türkei wird ihren Platz in dieser neuen Weltordnung finden.

Erdoğans vor Jahren verkündetes Ziel war es, die Türkei bis 2023 zu einer der zehn größten Volkswirtschaften der Welt zu machen. Ist das realistisch?

Eines ist klar, vor allem die großen Volkswirtschaften des Westens stören sich an den ehrgeizigen Zielen Erdoğans. Sie fürchten um ihre eigene Pfründe. Europa und die USA können den Aufstieg der Türkei in ihre eigenen Reihen angesichts der schieren Größe und der dynamischen Bevölkerung letzten Endes aber nicht verhindern. Ich bin sicher, dass der wirtschaftliche Aufstieg der Türkei durchaus erreicht werden kann. Zu diesem Zweck muss die Türkei jedoch an einigen Wirtschaftsmaßnahmen festhalten. Ankara muss weiterhin in die folgenden drei Kernsektoren investieren, die Wachstum und Nachhaltigkeit garantieren: Dazu zähle ich Technologie, Bildung und Gesundheit.

Hinzu kommt, dass bei den letzten Wahlen Erdoğan erneut für fünf Jahre als Präsident bestätigt wurde. Das ist auf jeden Fall ein Signal für politische Stabilität. Die Wirtschaftsgeschichte der Republik zeigt, dass die türkische Wirtschaft besser abschneidet, wenn ein solches Maß an politischer Stabilität gegeben ist.

Die türkische Inflation erreichte 15 Prozent. Was ist die Quelle der wachsenden Inflation, und inwieweit beeinflusst diese Entwicklung das Leben der Bürger?

Die Hauptinflationsquelle in der Türkei ist die Abwertung der Türkischen Lira. Die Abschreibungen erhöhten die Produktionskosten, da die Produktion in der Türkei stark von Importen abhängig ist. So sind zum Beispiel Öl und andere Energieressourcen die wichtigsten Importgüter der türkischen Wirtschaft.

In diesem Zusammenhang möchte ich unterstreichen, dass sich Politik und Wirtschaft nicht voneinander trennen lassen. Das sehen wir insbesondere bei der anhaltenden Währungsvolatilität hier in der Türkei.

Die westlichen Behörden versuchen die Türkei davon zu überzeugen – oder mit anderen Worten zu zwingen –, sich im Rahmen ihrer Finanzpolitik hauptsächlich gemäß den westlichen Interessen zu verhalten. Dabei werden die gängigen Rating-Agenturen, Großinvestoren und Finanzinstitute als Instrumente eingesetzt, um Länder wie Russland und die Türkei vom eigenen Kurs und den eigenen Wirtschaftsrahmenbedingungen zu "überzeugen". Trotz des erheblichen Wirtschaftsdrucks, der aus solchen Finanzstreitigkeiten entsteht, steht das türkische Volk zu Präsident Erdoğan, der bei der Wahl am 24. Juni 53 Prozent aller Stimmen gewann.

Es kursiert die Vermutung, dass sich die Türkei die sogenannten asiatischen Tigerstaaten zum Vorbild genommen habe, also bewusst ihre heimische Währung abwerte, um ihre Exporte anzukurbeln.

Diese Behauptung greift schlichtweg zu kurz. Nachdem der Abwertungsdruck bei der Türkischen Lira 2017 einsetzte, begann die Zentralbank, auf dem Devisenmarkt aktiv zu werden. Wir sollten nicht vergessen, dass die Abwertung von Währungen zwar den Export stimuliert, aber auch die Kaufkraft von Bürgern und Unternehmen verringert. Noch mal, der türkische Export ist stark von Importen abhängig. Die türkische Wirtschaft verarbeitet diese Güter und exportiert diese Waren wieder. Mit anderen Worten, die Türkei sollte genauso importieren, wenn sie exportieren will. Die Abschreibung der türkischen Lira erhöht auch die Kosten für türkische Unternehmen.

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