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Gegen die Macht der Agrarindustrie: Interview mit kolumbianischen Aktivisten

Gegen die Macht der Agrarindustrie: Interview mit kolumbianischen Aktivisten
Archivbild: Ein Bauer mit seinen Rindern in der kolumbianischen Provinz Meta (Vista Hermosa, 21. April 2011)
Die "Landfrage" in Kolumbien, die den Kern des Konfliktes zwischen der linken FARC-Guerilla und der Regierung ausmachte, ist nach wie vor ungeklärt. Neben der Frage, wem das Land gehört, gesellt sich zunehmend die Frage, wie es genutzt wird.

Pedro Guzmán Pérez war im Jahr 2012 Mitbegründer des kolumbianischen Netzwerks "Red Nacional de Agricultura Familiar, RENAF Colombia" (Nationales Netzwerk der Kleinbauern), einer Vereinigung von Kleinbauern, indigenen Gemeinschaften, Fischern, Nichtregierungsorganisationen und mehreren Universitäten, in der er sich zunächst als nationaler Koordinator engagierte. Zuletzt arbeitete er dort als Verantwortlicher für internationale Vernetzung. Vor einem Monat hat er an der Kölner TH sein Masterstudium im Fach "Natural Resources Management and Development" am "Institute for Technolgy and Resources Management in the Tropics and Subtropics" begonnen.

Die Angehörigen des Wayuu-Volkes in Kolumbien leben unter ärmsten Bedingungen (Pueblo Nuevo, 15. August 2010).

Herr Guzmán, wir wollen mit Ihnen über die Themen Ernährungssouveränität, das Recht der Bauern auf ihr Saatgut und den Erhalt der Biodiversität in Kolumbien sprechen. Doch zunächst die Frage: Mit welchen Zielen wurde Ihr Netzwerk "Red Nacional de Agricultura Familiar – RENAF Colombia" gegründet?

Die beiden Hauptziele bestehen zum einen darin, in der Gesellschaft und in der Regierung in Kolumbien ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welch wichtige Rolle die Kleinbauern in Kolumbien für die Ernährungssouveränität und die Ernährungssicherheit spielen. Zum anderen setzten wir uns für eine Politik ein, die sich um die Lösung der dringenden Probleme in ländlichen Regionen wie Hunger, Armut sowie den Verlust der Artenvielfalt kümmert. 

Unserem Netzwerk ist es schließlich im Februar 2017 gelungen, einen nationalen Arbeitskreis zur Schaffung einer staatlichen Politik für die Interessen von Kleinbauern einzurichten. In diesem Arbeitskreis unter der Leitung des Landwirtschaftsministeriums sitzen Vertreter von 16 Regierungsinstitutionen, Vertreter aus fünf nationalen zivilgesellschaftlichen Organisationen, mehrere Parlamentsabgeordnete und auch Vertreter internationaler Initiativen wie der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die den Prozess zum Teil finanziell unterstützt hat.  

Um die Auseinandersetzung für die Interessen der Kleinbauern auch regional zu verankern, wurden anschließend, auch unter Beteiligung kommunaler Politiker und Organisationen, sieben regionale Versammlungen und ein internationales Seminar in Kolumbien durchgeführt. Dabei wurden konkrete Vorschläge für die Verbesserung der Situation der Kleinbauern und den Schutz der Biodiversität ausgearbeitet.

Die Ergebnisse mündeten in die Verabschiedung der ministeriellen Resolution 464, die vom kolumbianischen Landwirtschaftsminister unterzeichnet wurde und 10 Punkte beinhaltet. Eine Richtlinie der Resolution besagt zum Beispiel, dass das Landwirtschaftsministerium diejenigen Bürgermeister unterstützt, die gentechnikfreie Zonen in ihren Kommunen einrichten. 

Mit der Verabschiedung dieser Resolution sollte aber explizit auch der Teil des 2017 geschlossenen Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC bekräftigt werden, der die Unterstützung der Kleinbauern beinhaltete, die die FARC im Vertrag durchsetzte. Sie wurde im ersten Abschnitt des Friedensvertrags unter der Überschrift "Umfassende Landreform" (Comprehensive Rural Reform) festgehalten.

Inwieweit sind die Ziele und Maßnahmen der Resolution 464 durch politische Neuwahlen auf nationaler und kommunaler Ebene gefährdet? 

Da wir uns bereits im Dezember 2017 bewusst waren, dass die Verwirklichung der Resolution bereits nach den kolumbianischen Präsidentschaftswahlen Ende Mai 2018 gefährdet sein könnte, versuchten wir im ersten Halbjahr 2018, die Umsetzung der Maßnahmen voranzutreiben. Leider war es dann tatsächlich so, dass mit der Wahl des neuen Präsidenten Iván Duque die weitere Umsetzung der Resolution gestoppt wurde.

Dennoch wurde bereits einiges erreicht. Und eine Chance besteht darin, dass der Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut und der Einsatz von agrochemischen Produkten in Kolumbien viel geringer ist als in anderen südamerikanischen Ländern. Das größte kritische Bewusstsein herrscht bei den indigenen Gemeinschaften. Sie haben mittlerweile neun GMO-freie Zonen deklariert, wo sie den Anbau von genmanipuliertem Saatgut verbieten. [GMO steht für "Gentechnisch veränderte Organismen", Anm. d. Red.] 

Obwohl sie zu den ärmsten Gruppen Kolumbiens gehören, waren sie aufgrund ihrer Auffassung von Natur und Kosmos von Anfang an für den Schutz des traditionell gezüchteten Saatguts und den Schutz der Artenvielfalt. Vertreter indigener Gemeinschaften veranlassten eigenständig Forschungen, bei denen festgestellt wurde, dass schon die Mehrheit der in Kolumbien vorkommenden Maissorten gentechnisch kontaminiert ist. Schon vor Jahren lehnten sie Angebote der Agrarindustrie ab, die ihnen ihre Rechte auf ihr in Jahrtausenden gezüchtetes Saatgut abkaufen wollten. Denn weltweit muss zunehmend von Agrarkonzernen "zertifiziertes" Saatgut von den Bauern in jeder Saison neu bezahlt werden und darf per Gesetz nicht mehr ohne Abgaben rekultiviert werden. 

Aber auch die Bürgermeister der beiden Städte La Unión und San Lorenzo erklärten das Land ihrer Kommunen zu gentechnikfreien Zonen, nachdem die große Mehrheit der Bevölkerung in Umfragen gegen den Anbau von genmanipuliertem Saatgut gestimmt hatte. Daraufhin verklagte der kolumbianische Lobbyverband der Agrar- und Biotechnologieindustrie die Stadt San Lorenzo. In der Anklage beruft sich der Verband auf internationale Verträge, die Unternehmen berechtigen, Saatgut an jedem Ort transportieren und verkaufen zu dürfen.

Der Prozess läuft noch. Bislang lässt sich der aktuelle Bürgermeister davon nicht einschüchtern. Doch der politische Druck ist hoch, denn am 1. Oktober wurde in Kolumbien der erste heimisch entwickelte transgene Mais für den Markt zugelassen. So wird jetzt befürchtet, dass ein neuer Bürgermeister nach den jüngst abgehaltenen Kommunalwahlen einknicken könnte, unabhängig davon, was er vor der Wahl versprochen hat. 

In der aktuellen politischen Situation arbeiten zivilgesellschaftliche Organisationen und Aktivisten aus Kolumbien daran, das Bewusstsein der Verbraucher für Ernährungsfragen zu schärfen und lokale Bauernmärkte und agroökologische Produktion zu unterstützen. Wir haben noch immer Hoffnung auf die bedingungslose Umsetzung des Friedensabkommens unter Beteiligung der Zivilgesellschaft. Gleichzeitig hoffen wir, dass das kolumbianische Ministerium für Landwirtschaft die Umsetzung der Resolution 464 von 2017 fortsetzt. 

Die Unterstützung durch die Bundesregierung sowie die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit könnte von grundlegender Bedeutung sein, um einen dauerhaften und stabilen Frieden zu erreichen.

Danke für das Gespräch!

(Das Interview führte Felicitas Rabe.)

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