Ifo-Experte Hans-Werner Sinn: „Nur Euro-Ausstieg kann Griechenland retten“

Quelle: Ruptly
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Im Interview mit „Handelsblatt Online“ setzte nun einer der renommiertesten Ökonomen Deutschlands, Hans-Werner Sinn, Chef des Münchner Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts, ein Zeichen. Geradezu einem Tabubruch gleichkommend unterstrich Sinn, nur wenn Griechenland aus der europäischen Währungsunion aussteige, könne es einem Staatsbankrott entgehen. Allein das Linksbündnis Syriza um den Politiker Alexis Tsipras habe laut Hans-Werner Sinn die Natur des Problems verstanden und sei deshalb bereit Wagnisse einzugehen.

Im Interview betont Sinn:

„Es steht ein weiterer Staatskonkurs mit einem heftigen offenen oder versteckten Schuldenschnitt an, dem in den kommenden Jahren immer wieder neue Kredite und Schuldenschnitte folgen werden, wenn das Land seine Wettbewerbsfähigkeit nicht durch den Austritt aus dem Euro und eine Abwertung seiner Währung wiederherstellt.“
Demnach könne Athen die heimische Produktion und Attraktivität als Investitionsstandort nur mit der Wiedereinführung einer von der EZB in Frankfurt entkoppelten und somit flexiblen Nationalwährung wiedergewinnen. Griechische Erzeugnisse sind aufgrund des starken Euros, vorwiegend bedingt durch die hohe Wettbewerbsfähigkeit anderer EU-Länder, darunter Deutschland, auf den internationalen Märkten viel zu teuer, als dass sie zum hellenischen Schuldenabbau effektiv beitragen könnten.

Entgegen allen Prophezeiungen, ein Land könne solch radikale Einschnitte im Sozialsystem langfristig nicht durchstehen, verordneten EU-Diplomaten, vor allem aber die deutsche Bundesregierung unter Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble, den Griechen einen rigorosen Sparkurs. Auch hier widersprach Sinn vehement der Strategie der Kanzlerin:

„Die griechische Wirtschaftssituation ist unerträglich für die Bevölkerung, und die fortwährenden Neukredite sind unerträglich für die Staatengemeinschaft“
In Zeiten der Rezession kann ein Staat nicht ohne weiteres sparen, auch wenn der Begriff in Deutschland positiv besetzt ist. Die Aufgabe des Staates ist es in einer solchen Situation vielmehr, die Konjunktur mit allen Mitteln wieder anzukurbeln, als sie zu ersticken. Dafür bedarf es allerdings einer expansiven Wirtschaftspolitik.

„Die Wahrheit ist, dass Griechenland einen Einbruch der Industrieproduktion gegenüber dem Vorkrisenniveau um etwa 30 Prozent erlebt hat, dass es nach wie vor meilenweit von der preislichen Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft entfernt ist“, fügte der Chef des Münchner Forschungsinstituts hinzu. Nach wie vor sei der Lohn eines Durchschnits-Griechen doppelt groß wie der eines Polen. Indes sollen die noch „riesigen Staatsdefizite“ von der EU-Kommission „mühsam und trickreich geschönt“ worden sein. Substanziell hat sich nur wenig verändert seit der Staatspleite von 2012.

Allein das Linksbündnis Syriza um den Politiker Alexis Tsipras habe laut Hans-Werner Sinn die Fehlentwicklung richtig interpretiert. Dabei sei der polarisierende Vorsitzende des Parteienbündnisses einer der wenigen griechischen Politiker, „die die Natur des Problems verstanden haben und deshalb bereit sind, Wagnisse einzugehen.“

Drei Wochen vor den Wahlen in Athen brach ein Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel am Wochenende eine hitzige Debatte über den Verbleib der mittlerweile unliebsam gewordenen Griechen im Euroraum vom Zaun. Dem Artikel nach sollen Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble nicht mehr auf Athen setzen und halten einen Euro-Austritt inzwischen für vertretbar.

Einen Sieg Tsipras bei den bevorstehenden Neuwahlen zum Parlament sehen selbst die kritischsten Griechenland-Beobachter mittlerweile als gesichert an. Im Falle eines Wahlsieges könnte das Linksbündnis den von der Troika auferlegten Sparkurs aufkündigen und im Gegenzug ein zumindest bescheidenes Wohlfahrtsprogramm einführen. Auch gehört es zum Wahlprogramm der Syriza, einen Schuldenschnitt, ohne den Griechenland nicht wieder auf die Beine kommen kann, mit der Europäischen Union, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds zu verhandeln.

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