"Falls der Russe kommt" - 80.000 Polen stehen in Privat-Milizen unter Waffen

Trainieren für den Tag X - Polnische Paramilitärs im Einsatz
Trainieren für den Tag X - Polnische Paramilitärs im Einsatz
Seit dem Ukrainekonflikt hat sich die Mitgliederzahl in paramilitärischen Freiwilligenverbänden in Polen auf 80.000 verdreifacht. Die Armee will die unter Waffen stehenden Freiwilligen-Milizen, die teilweise bewusst „Kampferfahrung an der ostukrainischen Front“ sammeln, unter ihrem Dach eingliedern. Dieses Vorhaben ist bei den Freiwilligen jedoch äußerst umstritten.

Unabhängige paramilitärische Einheiten und Bürgermilizen haben in Polen eine lange Tradition. Die ersten davon hatten sich bereits um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert gebildet und traten in den zahlreichen Grenzkonflikten auf den Plan, denen sich das Land damals ausgesetzt sah.

Zu Volkshelden wurden diese im Zweiten Weltkrieg, als sie sich nach dem Überfall der Hitler-Wehrmacht auf Polen und der schnellen Niederlage der regulären Truppen zur „Heimatarmee“ (Armia Krajowa) zusammenschlossen und als solche den deutschen Besatzern einen erbitterten Partisanenkrieg lieferten.

Quelle: Agenor

Auch heute spielen freiwillige Milizverbände, die außerhalb der regulären polnischen Armee agieren, an der Weichsel immer noch eine Rolle, und das nicht nur aus Gründen der Traditionspflege. Während die polnische Armee insgesamt über lediglich 120.000 Soldaten verfügt, sollen bereits 80.000 Polen regelmäßig im Rahmen ziviler Bürgerwehren und paramilitärischer Einheiten Übungen abhalten und unter Waffen stehen. Seit Beginn der Ukrainekrise stellt diese Zahl eine Verdreifachung des Bestandes dar – zum Vergleich: Die Deutsche Bundeswehr umfasst 180.000 aktive Soldaten. In Polen genießt das Militär hohes Ansehen innerhalb der Bevölkerung und bereits Kinder werden früh an den Umgang mit der Waffe gewöhnt. Soldat zu werden, wird vielen Kindern von ihren Eltern als Karriereempfehlung auf den Weg gegeben, entsprechend ist das Interesse hoch. Etwa 30.000 Schüler besuchen so genannte „Uniformklassen“, in denen ihnen auch militärische Grundlagen vermittelt werden.

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Die etwa 80 bekannten polnischen Bürgerwehren und paramilitärischen Organisationen, die dem Innenministerium in Warschau derzeit bekannt sind, wollen vor dem Hintergrund des Ukraine-Konflikts ihre Präsenz und Reichweite ausdehnen und am Ende jeden Bezirk des Landes mit einer eigenen Miliz ausstatten, um im Ernstfall die Territorien selbst zu verteidigen. „Wenn Du Frieden willst, bereite den Krieg vor“, äußert sich ein Freiwilliger gegenüber einem Reporterteam von vice.com und setzt mit der Frage nach:

„Wer kann garantieren, dass hier nicht eine Situation entsteht wie in der Ukraine?“

Für Polens Regierung kommt die Begeisterung für die Freiwilligenverbände nicht ungelegen. Im Jahre 2008 wurde die allgemeine Wehrpflicht abgeschafft. Die Ukrainekrise hat den Ansturm zu den Freiwilligeneinheiten jenseits der Armee allerdings vervielfacht. Neben der von der politischen Führung Polens, der EU und zahlreichen Medien geschürten Angst vor einem angeblich denkbaren Angriff der russischen Armee traut man auch dem euronationalistischen Regime nicht restlos, zumal der seit dem Maidanputsch in der Ukraine immer populärer gewordene Kult um den Kriegsverbrecher Stepan Bandera, der nicht zuletzt für blutige Massaker unter polnischen Zivilisten verantwortlich war, in Polen nicht unbedingt als vertrauensbildende Maßnahme betrachtet wird.

Die Armee scheint den paramilitärischen Verbänden aber auch nicht ganz zu trauen. So will General Bogusław Pacek in den eigenen Reihen Maßnahmen treffen, um die Milizen unter dem organisatorischen Dach der Armee einzugliedern und ihren Mitgliedern eine Heeresgrundausbildung anbieten, die sich von drei Monaten auf die Hälfte reduzieren sollte. Auch sollen die Schulungen ihrer Mitglieder unter dem Dach und unter der Aufsicht der Ausbildungszentren der Armee stattfinden, sodass die Freiwilligen nicht nur an Schießübungen teilnehmen, sondern auch die für Soldaten im Einsatzfall geltenden Vorschriften, die Topografie und den sicheren Umgang mit der Waffe lernen können. „Sie sind keine Soldaten“, erklärt Pacek. „Aber zu kämpfen ist die Aufgabe von Soldaten.“ Die paramilitärischen Verbände hätten die Aufgabe, diese zu unterstützen.

Die Milizen sollen zudem Zuschüsse in Höhe von umgerechnet fast zwei Millionen Euro erhalten und dazu noch professionelle Ausrüstung. Warschau würde somit in Summe Geld sparen und dadurch würden Mittel zum Ankauf von schwerem Gerät und Modernisierung der Bestände übrig bleiben, wie dies sowohl seitens der Regierung als auch vonseiten der NATO gewünscht ist, die Polen bekanntlich als „Vorposten des Westens“ gegen Russland in Stellung bringen will. Und vor allem würde die reguläre Armee die Kontrolle über das Gebaren der Milizverbände bewahren.

Genau davon will man aber in den Reihen der Freiwilligen nichts wissen. Oft sind es Veteranen oder gut in ihrer Gemeinde vernetze Bürger, beispielsweise aus dem Umfeld der Katholischen Kirche oder mit dieser zusammenhängender Verbände, die es in Eigenregie sehr erfolgreich vermögen, die erforderlichen finanziellen und logistischen Mittel aufzubringen, und die gar kein Interesse daran haben, sich in die Struktur der regulären Armee einbinden zu lassen. „General Pacek will aus uns eine reguläre Armeereserve machen. Wir aber sehen uns als die wichtigste Komponente zur Verteidigung unseres Landes“, erklärt Marek Mroszczyk, ein früherer Polizeibeamter, der nun die Schützen vom SJS Strzelec ausbildet. Er hält lokal operierende, nicht in die reguläre Armee eingebundene Truppen zur Territorialverteidigung für die zielführendere Variante.

„Wir haben oft an Schießwettbewerben und anderen militärischen Wettkämpfen teilgenommen“, erklärt Damian Duda von der aus 120 Studenten bestehenden „Akademischen Legion“, „und wir haben des Öfteren besser abgeschnitten als die Armeeverbände.“ Sein Verband jedoch ist auf das Kooperationsangebot des Generals eingegangen.

Im Zweifelsfall, so heißt es immer wieder aus den Reihen der Milizionäre, würde man sich ohnehin nur auf sich selbst verlassen können. Dann wolle man aber auch nicht mit gebundenen Händen kämpfen. „Wer versucht, auf mich zu schießen, unterschreibt damit sein Todesurteil“, so Duda. Um Kriegserfahrung zu sammeln, besucht er regelmäßig die ukrainische Front.

Die polnischen „Patrioten“, wie sie sich nennen, gehen nicht davon aus, dass sie für ein zynisches Spiel missbraucht werden könnten, das den Popanz eines angeblich drohenden russischen Angriffes aufbaut, um so die NATO in ihrem eigenen Expansionskurs auf polnisches Territorium vorrücken zu lassen. Sie halten die Gefahr für echt. Außerdem erfüllen sie einen gesellschaftlichen Auftrag. „In einer Welt ohne Regeln fühlen sich die Menschen verloren und wollen ihre Grenzen erfahren“, so Duda am Rande einer 36-stündigen Gefechtsübung. „Und wir sind da, um ihnen Disziplin beizubringen.“