Bayern: Rentner fotografiert schlechte Qualität seines Essens - Seniorenheim will ihn dafür rausschmeißen

Jürgens Essen in der Seniorenresidenz. Quelle: Facebook
Jürgens Essen in der Seniorenresidenz. Quelle: Facebook
Ein 63-jähriger Frührentner aus Bayern hat eine Facebook-Seite mit dem Titel "Jürgen fotografiert sein Essen" eingerichtet. Die meist unappetlichen Bilder der Heimkost verbreiten sich mittlerweile viral im Internet. Obwohl Jürgen darauf geachtet hat, die Residenz, in der er lebt, nicht namentlich anzuprangern, soll er nun aus dem Seniorenheim geschmissen werden. Begründung: Der fotografierende Frührentner habe den Ruf der Einrichtung ruiniert.

Da die Mahlzeiten nicht immer als solche zu erkennen sind, dokumentiert Jürgen mit kurzen Zitaten aus dem Speiseplan die Kost der Seniorenresidenz in der er seit einiger Zeit lebt. Die Bilder reichen von unappetitlich bis trist und haben auf Sozialen Netzwerken bisher schon viele Zehntausende Menschen erreicht. Zahlreiche Medien berichteten ebenfalls bereits über die Ekel-Küche im Seniorenheim.

Weil die Schuld allerdings nicht bei den Mitarbeitern des Heims liege, achtet Jürgen darauf, dass sowohl er selbst, wie auch seine Residenz bei der Fotoaktion anonym blieben. Vielmehr stünde die Heimleitung in der Verantwortung, die auch die angeschlossene Großküche betreibt und offenbar lediglich an Profit, nicht aber an menschenwürdiger Pflege, Unterkunft und Versorgung interessiert ist.

Die Unterkunft von Frührentner Jürgen ist dabei kein Einzelfall. Immer wieder stehen Pflege- und Seniorenheime in der Kritik, die im Zuge der Privatisierung des Gesundheitssystems als renditeorientierte Unternehmen geführt werden - mit den entsprechenden Folgen für die Bewohner und Angestellten. Pflegezeiten sind in der Regel streng nach Minuten limitiert, für das Personal sind Überstunden und massive Überbelastung der Regelfall, gespart wird an allen Ecken und Enden. Eine ehemalige Bedienstete einer Demenzklinik berichtet gar davon, dass das Putzwasser des Reinigungspersonals streng zugeteilt wird und eine gewisse Literanzahl nicht übersteigen darf.

So geht es auch Jürgen und seiner Helferin Eva Patricia-Rußegger bei ihrer Fotoaktion nicht um das Anprangern des Heimes, in das es den 63-Jährigen verschlagen hat, sondern die Aufmerksamkeit soll auf die Tatsache gelenkt werden, dass die beschriebenen Probleme struktureller Natur sind.

Doch Jürgens Heimleitung hat mittlerweile herausgefunden, dass die Fotos aus ihrer Residenz stammen und wer der Fotograf der unappetitlichen Bilder ist, wie das Newsportal Nordbayern.de berichtet. Nun sei der Ruf der Einrichtung ruiniert, weswegen Jürgen Konsequenzen zu erwarten habe. Dem fotografierenden Frührentner wurde gestern mitgeteilt:

"Er muss die Einrichtung in acht Wochen verlassen. Zudem "rate" man ihm, ab sofort nichts mehr über seine "persönliche Situation" im Internet zu verbreiten: keine Bilder, keine Kommentare. Das Mittagessen am Montag dürfte demnach das letzte Foto sein, das veröffentlicht wurde."

Diese Entwicklung ist wenig überraschend. So wusste schon Kurt Tucholsky:

"In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht."

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