RT Deutsch Spezial: Odessa - Überleben statt Leben

Quelle: Christoph Wesemann / CC BY-SA 2.0
Quelle: Christoph Wesemann / CC BY-SA 2.0
In Odessa ist das Leben zum Überlebenskampf geworden. Während die Lebensmittel- und Energiekosten unaufhörlich steigen, sinken gleichzeitig Löhne und Renten in Rekordzeit. Der Durchschnittslohn von umgerechnet 100 Euro deckt kaum die Mietkosten. Auf der Strecke bleiben vor allem Alte, Kinder und Kranke. RT-Deutsch Reporterin Anna Schalimowa hat sich auf den Weg nach Odessa gemacht, und hat die Einwohner zu ihrer aktuellen wirtschaftlichen Situation befragt.

Einwohner der Hafenstadt Odessa erzählen von Preiserhöhungen über 200 Prozent. Die durchschnittlichen 100 Euro Rente reicht den alten Menschen schon lange nicht mehr zum Leben aus. „Früher haben wir gelebt, jetzt müssen wir überleben“, sagt mir 87-jährige Odissitin Swetlana. Momentan wisse sie nicht, wie lange sie sich die Wohnung, die sie seit mehr als 50 Jahren bewohnt, noch halten könne:

„Bereits seit 54 Jahren lebe ich in dieser Wohnung. Mein Mann und ich haben hier unser gesamtes Leben als Beamte im städtischen Gefängnis gearbeitet. Mehr als 60 Jahre haben wir dem Staat gedient. Und jetzt habe ich nichts mehr, nicht einmal ausreichend Geld für meine Medikamente."
 Hauseingang von Swetlanas Wohnung - Quelle: Anna Schalimowa
Hauseingang von Swetlanas Wohnung - Quelle: Anna Schalimowa

 

Bereits im Vorfeld hatte sie mir erklärt, sie habe seit mehreren Jahren aufgrund des katastrophalen Zustandes des Hauses Asthma bekommen:

„Ich kann hier kaum noch atmen. Überall ist Schimmel und wir haben Angst, dass das Treppenhaus bald zusammenbricht. Und der Eingang erst. Aber Hilfe bekommen wir hier keine. Vergleichen Sie mal spaßeshalber unsere Wohnhäuser mit dem Gebäude des SBU [ukrainischer Inlandsgeheimdienst]."
 Swetlana vor ihrer verschimmelten Wohnung - Quelle: Anna Schalimowa
Swetlana vor ihrer verschimmelten Wohnung - Quelle: Anna Schalimowa

 Hauptquartier des SBU in Odessa - Quelle: Anna Schalimowa
Hauptquartier des SBU in Odessa - Quelle: Anna Schalimowa

 

Viele der Einheimischen ziehen weg. „Die Odessiten sind ein stolzes Völkchen. Der Hafen hat schon immer die unterschiedlichsten Menschen angezogen.Von überall kamen sie her. Bis zuletzt waren wir durchmischt. Polen, Juden, Russen und Ukrainer haben hier friedlich zusammen gelebt. Der Handel florierte. Wir waren immer weltoffen und eben auch stolz auf genau diese Eigenschaft. Nun wollen viele weg. Sie versuchen ihre Wohnungen und Häuser loszuwerden," erzählt mir Larissa, eine waschechte Odessitin und langjährige Stadtführerin.

Andere dagegen wissen nicht, ob sie in den nächsten Monaten überhaupt noch ein Dach über dem Kopf haben werden. So wie Swetlana, eine 40-järige Odessitin und engagiert in der Aufklärung des Massakers. Im Gespräch erzählt sie mir:

Ein Mitglied des Rechten Sektors freut sich über die Anwesenheit von deutschen Journalisten - 
Quelle: Anna Schalimowa
„Wie kann man sich aber auch eine Wohnung leisten, wenn die Miete genauso hoch ist, wie mein kompletter Verdienst? Wir müssen schauen, wohin wir gehen können, falls sich die Lage nicht verändert. Dann werden alle zusammen ziehen müssen. Mehrere Familien in einer Zwei- bis Dreizimmerwohnung, ansonsten droht die Obdachlosigkeit.“
Aktuell soll in Odessa mehr Wohnfläche als je zuvor zum Verkauf angeboten werden. „Es fehlt einfach an Geld für alles. Am Angebot mangelt es nicht, natürlich schließen einige Geschäfte, aber es sind dann meist kleine Läden. Die großen Ketten bleiben erhalten, auch wenn sie erst einmal umdisponieren müssen“, schimpft mein lokaler Taxifahrer, der die großen Werbungen für Luxusartikel in der Innenstadt als blanken Hohn empfindet:
„Ich spüre hier keine wirtschaftliche Verbesserung und über solche Aussagen kann ich leider auch nur noch lachen. Natürlich hatte unser Land schon seit langem ökonomische Probleme, aber unter Janukowitsch musste ich nicht wie jetzt mehrere Jobs machen, die trotzdem nicht genug Geld für meine Familie abwerfen. Aktuell sieht es genauso aus. Und es wird auch nur noch schlimmer. Das was die Kiewer Junta dort veranstaltet, reist unser Land bereits jetzt auseinander.“
Ein weiteres Problem stellt seit neustem die schulische Ausbildung dar. Wo vor mehreren Jahren die Schulbildung noch kostenlos erfolgte, „wissen wir jetzt, dass ab dem kommenden Schuljahr das Unterrichtsmaterial kostenpflichtig wird. Doch wie sollen wir dieses Geld aufbringen. Unsere Löhne sinken ja unaufhörlich,“ klagt Swetlana weiter. „Und um ehrlich zu sein, sehe ich, wie sie die Bücher umschreiben, wie sie unsere Geschichte umschreiben.“

Früh entschied sie sich, ihren Sohn auf eine russischsprachige Schule zu schicken. „Ich warte nur darauf, dass die Schule geschlossen wird. Momentan rückt die russische Sprache immer weiter in den Hintergrund. Damals waren alle Fächer auf russisch, jetzt ändern sie auch das.“ Doch nicht nur das ist für Swetlana unbegreiflich. So setzt die Schule auf die neu herausgebrachten Geschichtsbücher, die Swetlanas Ansicht viele „historischen Fakten" verschweigen.

Doch es ist nicht nur die wirtschaftliche Situation, die der Bevölkerung Sorgen bereitet, erklären mir Trauernde vor dem Gewerkschaftshaus. „Sie nehmen uns nicht nur unser Brot, sondern wollen uns auch unserer Erinnerungen berauben.  Sowjetische Embleme sollen auch in Odessa, wie der ukrainische Präsidenten Petro Poroschenko am 10. April nochmals betonte, aus dem Straßenbild verschwinden.“

„Mal abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, was an unseren Denkmälern auf einmal falsch sein soll, muss ich mich auch fragen, wer dafür finanziell aufkommen soll. Hat das Land denn nicht massivere Probleme, als einen Roten Stern am Monument“, sagt mir die 20-jährige Studentin Olga und ergänzt:

„Straßen wollen sie umbenennen, Gedenktafeln entfernen oder umschreiben. Wer soll denn das alles bezahlen?“
„Momentan verdient man im Durchschnitt umgerechnet 100 Euro im Monat, wenn du wirklich gut bist 200 und ganz ehrlich, ich weiß, auch unter Janukowitsch war es nicht immer leicht, aber so schwer hatte es man noch nie seine Familie durch zubringen,“ erzählt mir Roman, ein Journalist den ich vor dem abgebrannten Gewerkschaftshaus treffe.
„Und die Kürzungen gehen weiter. Eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht. Zuerst müssen die Schwachen dran glauben. Wohin verschwinden die Renten oder was ist mit den kürzlichen Streichungen der Tschernobyl Liquidatoren?“, fragt mich der Journalist abschließend.
An Poroschenkos Versprechen und Jazenjuks Beteuerungen glaubt in Odessa weder die russlandfreundliche noch die mit dem Rechten Sektor sympathisierende Bevölkerung. So wie Olga, eine 22-jährige Architekturstudentin, die nach eigenen Angaben zu Beginn Sympathien für die Maidan-Bewegung hatte. Doch davon ist nicht mehr viel übrig, wie sie mir im Gespräch erläutert:
„Sie sind doch alle Diebe, nur dass die neuen dazu auch noch Mörder sind. Und wen sie mit ihrer gierigen Politik nicht brechen können, den opfern sie im Kampf gegen den unsichtbaren Feind.“

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