#BILDBOYKOTT – Der Protest muss auf die Straße!

Zeitungen des Axel Springer-Verlages
Zeitungen des Axel Springer-Verlages
Die Anti-Springer-Proteste im Jahre 1968 und was ‪#‎BILDBOYKOTT‬ daraus lernen kann. Über Wege des Widerstandes gegen Hetzpresse und Medienmanipulation.
"Der Verleger Axel Cäsar Springer beherrscht einen Großteil des deutschen Zeitungsmarktes. Diese Machtstellung wird bei der öffentlichen Meinungsbildung wie auch im wirtschaftlichen Leben rigoros ausgenutzt ... Die Springer-Zeitungen sind außerdem Musterbeispiele publizistischer Verantwortungslosigkeit. Es wird nicht objektiv berichtet -- viele Richter wissen das aufgrund der falschen Gerichtsberichte über eigene Verhandlungen (auch in Esslingen sind konkrete Fälle bekannt) -, sondern aus Stimmungsmache, oder um einen Knüller zu haben, die Wahrheit gebogen, ja, es wird effektiv gelogen.

So wird im nicht politischen Sektor wahrheitswidriger, gefühlsbetonter Klatsch gemacht; im politischen Sektor, wo nicht so leicht zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterschieden werden kann, wird zumindest die Kritik eliminiert und nur eine bestimmte Meinung gemacht. Was dies bei DER Verbreitung insbesondere der "BILD-Zeitung" bei der einfacheren Bevölkerung bedeutet, bedarf keiner Erörterung.

[...]

Daß hier nur die Studenten aktiv wurden, ist bezeichnend für unsere Gesellschaft.

Bei der auch von den Parlamentariern beklagten Interessenlosigkeit und Staatsverdrossenheit zahlreicher Bürger ist es von großer Bedeutung, daß wenigstens die Studenten als zukünftige Elite des Volkes sich mit den politischen Problemen auseinandersetzen und ihre staatsbürgerlichen Pflichten ernst nehmen. Manches Problem (auch außerhalb der Hochschulreform) wäre in den letzten Jahren nicht erkannt und nicht angegangen worden, wenn die Studenten nicht protestiert oder gar auf die Straße gegangen wären ...

Diese Reaktionen eines Teiles der Studenten können deshalb auch nicht einfach als Ausdruck der Unreife und Unausgeglichenheit randalierender Jugendlicher abgetan werden. So erfolgte auch die Demonstration am 12.4.1968 bei einem großen Teil der beteiligten Studenten in echtem Bewußtsein staatsbürgerlicher Gesinnung. Dies mußte bei der Frage nach der Verwerflichkeit mit berücksichtigt werden.

Ins Gewicht fiel auch die Tatsache. daß unsere Gesellschaft den Widerstand von insbesonders jungen Leuten und Studenten dort begrüßt, wo er in anderen Ländern gegen Unfreiheit und Unterdrückung geleistet wird (Bürgerrechtsbewegung in Amerika, Widerstand der Tschechen gegen die Besetzung ihres Landes, Protest gegen die Demonstrationsprozesse in Moskau>. Unsere Gesellschaft muß es auch begrüßen und politisch auch verkraften können, wenn gegen ihre eigenen Mißstände angegangen wird."

(Quelle: DER SPIEGEL, 04.11.1968) Fast 50 Jahre ist es her, dass sich im Zuge der Ereignisse der Jahre 1967/68 ein Anti-Springer-Protest erhob, der bis heute einmalig ist. Der RAF-Experte Butz Peters schreibt in seinem Standardwerk zur Geschichte der RAF „Tödliche Falle“ hierzu: „Neben all den theoretischen Diskussionen und endlosen Demonstrationen versuchen die Studenten, vor allem zwei ihrer Ziele auch praktisch anzugehen: Springer und die Justiz.“ Die Eskalation kommt mit dem Dutschke-Attentat am 11. April 1968. Als Josef Bachmann, ein 23jähriger Anstreicher aus München dem Studentenführer ganz in der Nähe seiner Berliner Wohnung mit den Worten „Du dreckiges Kommunistenschwein“ in Wange, Kopf und Schulter schießt, ist dies für viele Studenten nur ein weiterer Gewaltausbruch des Systems. So erklärt der SDS nur wenige Stunden später auf einem Flugblatt:

„Ungeachtet der Frage, ob Rudi das Opfer einer politischen Verschwörung wurde: Man kann jetzt schon sagen, dass dieses Verbrechen nur die Konsequenz der systematischen Hetze ist, welche Springer-Konzern und Senat in zunehmendem Maße gegen die demokratischen Kräfte in dieser Stadt betrieben haben.“

Die Zahl der Demonstranten, die daraufhin in den nächsten Tagen in Berlin gegen Verlag und Verleger demonstrieren, geht in die Zehntausende. Sie rufen „Springer – Mörder“ und „Enteignet Springer“. Barrikaden werden errichtet, Fahrzeuge des Springer-Verlages brennen. Der Protest breitet sich aus. In über 20 Städten wird damals gegen Springer demonstriert. Es wird versucht, die Auslieferung der BILD zu verhindern. Wieder brennen Zeitungstransporter, Scheiben von Verlagsniederlassungen werden zertrümmert. Es sind, wie Peters feststellt, „die schlimmsten Straßenschlachten seit der Weimarer Republik“. In München werden bei schweren Ausschreitungen sogar zwei Menschen getötet.

Es ist unschwer zu erkennen, dass der damalige Protest die heutigen zaghaften Boykott-Aufrufe mühelos verblassen lässt. Der zu Anfang dieses Textes abgedruckte Auszug aus einem Einstellungsbeschluss des Esslinger Amtsgerichts vom 22. Oktober 1968 belegt darüber hinaus, dass es keinesfalls nur die Studenten waren, die Kritik am Springer-Verlag übten. Die Begründung der Ablehnung der Eröffnung eines Hauptverfahrens wegen Nötigung gegen den Anti-Springer-Demonstranten Franz-Otto Müller (er hatte vor der Ausfahrt des Esslinger Bechtle-Verlages geparkt, um die Auslieferung der „BILD-Zeitung“ zu verzögern), zeigt auf eindrucksvolle Weise wie kritisch selbst die Justiz (in Teilen) als staatliches Organ zum damaligen Zeitpunkt das Treiben des Verlages wahrnahm. So stellt die oben zu lesende Begründung nicht nur ein Lehrstück für die Demokratie dar, welches wir nicht vergessen sollten, sie zeigt auch auf, wie lange dieses Blatt schon weitestgehend unbehelligt mit den gleichen hetzerischen Methoden arbeitet, die uns auch heute noch begegnen. Nicht umsonst bekommt man beim Lesen dieses Auszuges den Eindruck, dass er genauso gut auch heute hätte verfasst werden können.

Warum Facebook-Veranstaltungen nicht ausreichen

Und ja, dieser Tage regt sich erneuter Protest gegenüber den hetzerischen und reißerischen Methoden, insbesondere des Springer-Hetzblattes Nr. 1, der BILD. Nachdem zuvorderst das linke Spektrum über die Jahre hinweg immer wieder Kritik und Empörung gegenüber der BILD-Hetze – vor allem in Bezug auf die Griechenland-Berichterstattung – äußerte, erzeugte die schamlose Berichterstattung der BILD in Bezug auf den Germanwings-Absturz vor mehr als einer Woche schließlich eine breitere, gesellschaftliche Empörung und zahlreiche Aufrufe zum Boykott des Schmierblattes. An dieser Stelle möchte ich konstatieren, dass ich diese Entwicklung gut und richtig finde, möchte aber auch deutlich machen, dass derlei Aufrufe im Internet auch in der heutigen digitalisierten Zeit für mich nicht als ausreichend angesehen werden können.

Nach Germanwings-Berichterstattung: Boykottkampagne gegen die BILD-Zeitung weitet sich aus

Wir alle konnten anhand der diesjährigen Blockupy-Demonstrationen in Frankfurt beobachten wie wichtig es ist, dass die Konflikte auf die Straße getragen werden. Es mag unterschiedliche Meinungen dazu geben, ob das Anzünden von Polizeiwagen etc. eine angemessene Form des Protestes darstellt, ob es sich überhaupt um eine Form des Protestes oder doch nur um das Werk einer gewaltbereiten Minderheit, die solche Veranstaltungen für sich nutzt, um mal „ordentlich die Sau herauszulassen“, handelt. Was sich jedoch einheitlich feststellen lässt, ist eine nie zuvor dagewesene Aufmerksamkeit und – zur Verwunderung einiger – endlich auch eine von den Medien geführte inhaltliche Debatte über das, was Blockupy kritisiert und fordert, wo in den Jahren zuvor nur kalte Ignoranz der Mehrheit herrschte. Und nein, ich möchte damit nicht zur Gewalt aufrufen bzw. Gewalt auf allen Ebenen des Protestes legitimieren. Ich möchte lediglich aufzeigen, dass es in unseren modernen Zeiten des visuellen, medialen Überflusses aufmerksamkeitserregender Maßnahmen bedarf. Das muss und sollte nicht zuvorderst die Gewalt sein (vor allem nicht gegenüber Personen), sondern vielmehr eine Ansammlung im kreativen Sinne radikaler Aktionen gegen Konzerne wie den von Springer. Und die finden auf der Straße statt und nicht im Internet auf Facebook und Co.

Ich selbst nutze mein Facebook-Profil zuvorderst als Netzwerk, als Informationsteiler. In meinem Netzwerk befinden sich mehr als 1700 Menschen. Viele aus dem politischen Spektrum, viele aber auch aus ganz anderen Bereichen. Ich selbst bekomme täglich dutzende Veranstaltungseinladungen. Hier eine Einladung für irgendein Club-Event, da ein Aufruf zum Boykott von irgendetwas. Was ich hier so salopp ausdrücke, ist leider bittere Wahrheit. Aufrufe zu irgendwelchen Boykotten, Links zu irgendwelchen Petitionen, Einladungen zu irgendwelchen Mahnwachen, Demos etc. sind zwar eine gute Maßnahme, um auf einen Schlag viele Menschen ansprechen zu können, die man sonst nicht so leicht erreichen würde, aber leider werden diese Möglichkeiten der digitalen Vernetzung und Mobilmachung so inflationär genutzt, dass sie allein nicht ausreichen, um eine breite Aufmerksamkeit und vielleicht im Zuge dessen irgendwann ein Massenbewusstsein gegenüber bestimmten Themen zu schaffen. Sie bleiben in der Regel nichts weiter als Biotope für die ohnehin schon Interessierten.

Nein, wir müssen raus. Raus auf die Straße. Es reicht nicht nur, virtuelle Zusagen von Menschen für einen Boykott zu bekommen, die ohnehin nicht die BILD-Zeitung lesen. Die meisten von uns werden wenige BILD-Leser in ihrer Liste haben, die sie einladen können und wieso sollten diese eine solche Veranstaltung zusagen? Ohne Background-Wissen, ohne vorheriges Bewusstsein darüber, was eigentlich so falsch an der BILD und an Springer im Generellen ist. Wir zäumen das Pferd von hinten auf und das funktioniert nicht. So erreichen wir nicht den BILD-Leser, nicht den, der für die Auflage dieses Blattes eigentlich verantwortlich ist. Und ja, natürlich wird der BILD-Leser auch nicht gegen die BILD auf die Straße gehen. Aber er wird zusehen wie andere es tun, wenn sie nur genug Aufmerksamkeit damit erregen. Mit einer Facebook-Veranstaltung erreicht man diese breite Aufmerksamkeit nicht.

Erst wenn der Konflikt, die Kritik ihren Ausdruck auf der Straße findet, wenn das, was falsch läuft, reale Gesichter, reale Bilder bekommt, die im Bestfall von Fernsehen und etablierter Presse begleitet werden, bemerkt der normale Bürger, dass etwas nicht stimmt, dass seine heile Welt nicht wirklich heile ist. Die Proteste in Frankfurt haben es gezeigt. Ein digitales Lagerfeuer des vornehmlich linken Spektrums ist nichts gegen einen wirklichen Brand auf öffentlichen Straßen. Dieser Brand muss und soll keine Gewalt darstellen, dieser Brand kann auch das kreative Feuer des Protestes oder das große Feuer einer Menge von Demonstranten sein, die auf der Straße ihr Gesicht gegen die Hetze, die seit 50 Jahren ungebrochen ist, zeigen. Es ist an der Zeit, Zeichen zu setzen. Nicht in Form der Anzahl der Leute, die wir auf Facebook zum Boykott eingeladen haben, sondern in Form der Anzahl der Leute, die wir mobilisieren und auf die Straße bringen, wenn wir selbst als Beispiel voranschreiten.

Nun könnte man einwenden, dass die Reaktionen auch auf Blockupy in erster Linie negativ waren. Dass sich gerade der gemeine BILD- und WELT-Leser darüber empört haben wird, wie viel die "linken Krawallmacher" den Steuerzahler kosten würden und dass diese Wut jegliche Auseinandersetzungen mit dem Thema auf anderer Ebene unterdrückt haben werden, aber so einfach ist es meiner Meinung nach nicht. Denn am Ende des Tages wird auch der ein oder andere von ihnen darüber nachgedacht haben, was Bilder von brennenden Autos und wütenden Menschen auf der Straße bedeuten und dass diese sicherlich kein Zeichen dafür sind, dass alles in Ordnung ist. Denn Gewalt, Wut auf der Straße, das kennt man sonst nur von anderen Ländern, nicht aber aus dem Deutschland der Ära Merkel. Dem Wachkoma-Patienten Europas, der sich doch sonst kollektiv mit den Worten "Deutschland geht es gut." hypnotisieren lässt.

Es sind die realen, die sichtbaren Aktionen von Menschen, die sich zusammenschließen, die auf der einen Seite Kräfte freisetzen und auf der anderen Seite Bewusstsein darüber schaffen, dass etwas nicht stimmt. Diese Wirkung ist über das Internet nicht zu erzielen. Das Internet kann nie die Radikalität der Wirklichkeit besitzen. Es kann die Wut, die Verzweiflung, die Kritik und den Protest nie so abbilden. Deshalb muss der Protest damals wie heute auf die Straße gebracht werden.

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