Poroschenko: Nur noch ein Präsident auf Abruf Washingtons?

Quelle: Ruptly
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Der deutsche Historiker Michael Pesek, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Geschichte Afrikas und des Nahen Ostens zählen, und der bis 2012 Gastprofessor an der Humboldt-Universität Berlin war, hat in einem Offenen Brief an den ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko diesen davor gewarnt, sich der fortdauernden Gunst seitens der USA allzu sicher zu sein, und dabei auf die Schicksale mehrerer, vormals langjähriger Verbündeter verwiesen. In der Sendung DER FEHLENDE PART [E85] hat der Historiker die Gründe für die Initiative erörtert.

„Jetzt, wo Sie gleichzeitig enger Verbündeter der USA und Diktator sind“, schrieb Pesek, „sollten Sie gewarnt sein, dass dies nicht zwingend der Beginn einer langlebigen Liebesbeziehung gewesen sein muss, die unweigerlich mit einem Konto voller Dollars, einer der bestausgerüsteten Armee zur Tötung Ihrer Feinde, dem behaglichen Gefühl von Sicherheit in Anbetracht der Ratschläge amerikanischer Berater, wie Sie ihre Gegner loswerden oder stehenden Ovationen im UN-Sicherheitsrat, wenn Sie wieder einmal gegen Russland oder andere Feinde vom Leder ziehen, enden muss.“

Sein Brief, so Pesek, sei „eine kleine Geschichtsstunde, um Sie daran zu erinnern, dass das Wetter in Washington weniger vorhersehbar ist als das kontinentale Klima in Eurasien“.

Die Lektion 'Saddam Hussein'

Zwar hätten die USA den Kalten Krieg gewonnen, aber nicht notwendigerweise ihre Verbündeten. Ein Beispiel dafür wäre der langjährige irakische Präsident Saddam Hussein gewesen, der während der 1980er Jahre noch einer der engsten Verbündeten der USA im Nahen Osten war. Er hatte im Jahre 1963 gegen die, aus Sicht der US-Administration zu sowjetfreundliche, Qasim-Regierung geputscht – sozusagen einen irakischen „Maidan“ durchgeführt, dabei hunderte Mitglieder der Irakischen Kommunistischen Partei ermorden lassen und die Ölfelder US-amerikanischen Unternehmen überlassen.

Im Jahr 1979, nach der Islamischen Revolution im Iran, wurde er dann nur noch als „unser Hurensohn“ instrumentalisiert. Er sollte stellvertretend für die USA Rache nehmen für den größten Fehlschlag der Außenpolitik Washingtons während des gesamten Kalten Krieges. Für seinen Krieg gegen den Iran wurde Saddam von den USA mit allem ausgestattet, was er zu benötigen meinte, selbst Chemiewaffen waren darunter.

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Pesek vergaß in weiterer Folge jedoch nicht, darauf hinzuweisen, dass Saddam Hussein nach dem Ende des Kalten Krieges fallengelassen wurde wie eine heiße Kartoffel. Für die „Neue Weltordnung“, wie George H.W. Bush formulierte, und das Unterfangen des Neuaufbaus des Nahen Ostens, sei Hussein als Feind nützlicher gewesen denn als Freund. Die Falle bezüglich des Einmarsches in Kuwait als Prätext des Golfkrieges 1991, die Sanktionen und die Flugverbotszone folgten, bis dann 2003 die Invasion und ein weiterer Golfkrieg kam und der aus einem Erdloch als Versteck gezerrte Saddam Hussein in einer ziemlich würdelosen Nacht- und Nebelaktion hingerichtet wurde.

„Haben Sie die Lektion gelernt?“, fragt Pesek in seinem Offenen Brief. „Sie können so viele Feinde der USA töten, wie es Ihnen nur möglich ist, Sie können Ihre natürlichen Ressourcen verkaufen, dies alles wird Ihnen aber nicht helfen, wenn sich in Washington der Wind dreht.“
Weitere Lektionen aus dem CIA-Drehbuch

Pesek nannte darüber hinaus auch Mobutu Sese Seko im Kongo, der nach dem ebenfalls einem CIA-Drehbuch folgenden Putsch im Jahre 1965 der willfährigste US-Verbündete in ganz Afrika war, und an dem Washington nach dem Ende des Kalten Krieges, als es keinen Bürgerkrieg mehr in Angola und Mozambique zu führen gab, ebenfalls das Interesse verlor. Mobutu starb früh genug, um nicht das gleiche Schicksal wie Saddam Hussein zu erleiden – die Ukraine machte allerdings Bekanntschaft mit dem Erbe des Chaos, das nach seinem Tod ausbrach, als Kiew sich an der Peacekeeping-Mission beteiligte.

Auch Noriega und Gaddafi, die in den 1980er und dann später in den 1990er Jahren von den USA instrumentalisiert wurden, sowie afghanische Mujahideen und Syriens Präsident Bashar al-Assad wurden von Pesek als abschreckende Beispiele angeführt.

Seine Warnung an Poroschenko schließt mit der Feststellung, dass dieser selbst in seinen besten Tagen nur ein nützlicher Idiot in den Augen Washingtons sei – aber umgehend zur Belastung werden könnte, sollten die USA ihre Prioritäten ändern oder ihr Interesse an ihm verlieren.

Quelle: Ahonc

„Ich hoffe, Sie schlafen gut“, beendet Pesek sein Schreiben. Seine Worte könnten schneller Bestätigung erfahren, als dem ukrainischen Präsidenten lieb ist. Denn auch wenn er 60% der Stimmen jener Wähler hinter sich hat, die ihm im Mai 2014 bei der Präsidentenwahl das Vertrauen geschenkt hatten, gelten mehr denn je Ultranationalisten wie Premierminister Arsenij Jazenjuk als Favoriten der US-Administration, denen bereits die Beteiligung Poroschenkos an den Friedensgesprächen in Minsk ein Dorn im Auge war. Jedes Schulterklopfen dieser Leute könnte in Wahrheit dazu dienen, die weiche Stelle für den Messerstich zu finden.