Österreich startet als Spitzenreiter auf Neuer Seidenstraße: Erste ÖBB-Direktverbindung nach China

Österreich startet als Spitzenreiter auf Neuer Seidenstraße: Erste ÖBB-Direktverbindung nach China
Start des ersten direkten Güterzuges, der zwischen Österreich und der Volksrepublik China verkehrt.
Während Deutschland und die EU den von der Volksrepublik China forcierten Ausbau der Neuen Seidenstraße mit Befremden verfolgen, scheint Österreich entschlossen zu sein, die daraus entstandenen Chancen für die eigene Wirtschaft zu ergreifen.

Großer Bahnhof im wahrsten Sinne des Wortes: Zum Start des ersten direkten Güterzuges, der zwischen Österreich und der Volksrepublik China verkehrte, war eine prominent besetzte Delegation aus Wirtschaft und Politik der Alpenrepublik angereist - inklusive Bundespräsident Alexander van der Bellen, Bundeskanzler Sebastian Kurz und Außenministerin Karin Kneissl.

Am vergangenen Freitag traf der Zug in Wien ein - und wieder war das Staatsoberhaupt mit dabei, um ihn zu begrüßen. Zuvor waren die 44 Container, die unter anderem elektronische Bauteile, Beleuchtungen und Haushaltswaren geladen hatten, von Chengdu aus nicht weniger als 9.800 Kilometer quer durch Kasachstan, die Russische Föderation, die Ukraine und die Slowakei gereist. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) und Infrastrukturminister Norbert Hofer wollen noch in diesem Jahr insgesamt 400 weitere Züge entlang dieser Strecke auf den Weg bringen. Künftig sollen es gar bis zu 600 sein.

Auf den Pfaden der historischen Seidenstraße: Mit massiven Infrastrukturprojekten will China den Handel zwischen Europa und Asien voranbringen.

Nachdem Österreich, das als neutrales Land bereits während des Kalten Krieges recht rege Wirtschaftsbeziehungen zur Sowjetunion gepflegt hatte, nach deren Zusammenbruch mit Russland und den anderen Nachfolgestaaten schnell und erfolgreich die Zusammenarbeit intensiviert hatte, will das Land auch mit Blick auf das Projekt der Neuen Seidenstraße anderen EU-Staaten einen Schritt voraus sein.

Norbert Hofer handelte günstige Transitvereinbarung mit Russland aus

Bereits jetzt führen die ÖBB, nach der Deutschen Bahn Europas Nummer zwei im Güterverkehr, über ihre Güterverkehrssparte Rail Cargo Group (RCG) regelmäßige Transporte zwischen Changsa und Budapest sowie Chongqing und Duisburg durch, dazu kommt eine unregelmäßige Verbindung zwischen Taiyuan und Lugo in Italien. Nun soll Österreich selbst zur Drehscheibe für den Gütertransport werden.  

Der CEO der ÖBB, Andreas Matthä, erklärte gegenüber dem Handelsblatt:

Aufgrund des erfolgreichen Schienengütertransports in nur 15 Tagen von Chengdu bis nach Wien sind wir zuversichtlich, künftig weitere Transporte auf dieser Route abzuwickeln und damit die vierte regelmäßige Chinaverbindung zu etablieren."

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Die guten Beziehungen zu Russland sollen die Attraktivität des neuen Direktangebots weiter steigern. Matthä zufolge ist es dem Unternehmen gelungen, infolge einer besseren Transitvereinbarung vonseiten des Infrastrukturministeriums mit Moskau die üblicherweise zwischen zwölf und 16 Tagen liegende Fahrzeit auf zehn Tage zu drücken, was gegenüber Containerschiffen einen Zeitvorteil von einem kompletten Monat nach sich ziehe. Dieser könnte für zahlreiche potenzielle Kunden den noch existierenden Kostenvorteil des Transports über den Seeweg egalisieren.

Was den österreichischen Ambitionen, zu einem entscheidenden Knotenpunkt des Gütertransits zwischen Westeuropa und dem Fernen Osten Asiens zu werden, entgegenkommen könnte, ist die nachhaltige Entschlossenheit der Führung in Peking, das 2013 von Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping verkündete eurasische Großprojekt der Neuen Seidenstraße zügig und intensiv voranzutreiben.

Peking will mithilfe des Großprojekts nicht nur seine eigene Position im Welthandel ausbauen, sondern verspricht sich auch eine positive Rückkopplung in der Region selbst infolge eines Belebens der Ökonomien ärmerer Länder im Süden und Westen des Landes. Davon würden nicht zuletzt die unterentwickelten Regionen in der Volksrepublik selbst, etwa das Krisengebiet Xinjiang, profitieren.

Innenpolitische Maßnahme mit geostrategischen Auswirkungen?

Mehrere chinesische Unternehmen, insbesondere im Bereich der Transportwirtschaft und der Telekommunikation, wollen wiederum zu globalen Playern aufsteigen - was ein künftiger intensivierter Handel entlang der Neuen Seidenstraße in entscheidender Weise begünstigen würde. Vor allem aber sucht die Volksrepublik nach Möglichkeiten, um ihre industriellen Überkapazitäten abzubauen, vor allem im Bereich des Stahls oder im Maschinenbau. Die Seidenstraße eröffnet dafür Absatzmärkte und könnte Chinas Produktion im Bereich der hochwertigeren Industriegüter beflügeln.

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Während der frühere EU-Diplomat in der Volksrepublik China, Charles Parton, gegenüber der Financial Times erklärt, das Projekt stelle eher eine Form der "Innenpolitik mit geostrategischen Konsequenzen" denn eine Form aktiver Außenpolitik dar, sieht die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua darin eine Ansage Chinas, künftig zur Lokomotive der Globalisierung zu werden. So heißt es dort - offenbar als Seitenhieb auf protektionistische Tendenzen in den USA unter Präsident Donald Trump:

Während sich einige westliche Länder zurückbewegen, indem sie 'Mauern' errichten, versucht China Brücken zu bauen, sowohl im wörtlichen Sinne als auch metaphorisch."

Wladimir Putin, Hamid Karzai (links), ehemaliger Präsident Afganistans und Jack Ma (rechts), der CEO des Alibaba Group während der letzten Podiumsdiskussion im Rahmen der Waldai-Konferenz am 19. Oktober 2017.

Die Außenminister Deutschlands und Frankreichs sowie EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker präsentierten sich unterdessen als Bedenkenträger. So sprach beispielsweise der mittlerweile abgelöste deutsche Außenminister Sigmar Gabriel auf der Münchener Sicherheitskonferenz von einem Versuch eines umfassenden Systems zur Prägung der Welt in Chinas Sinne". Kritiker argwöhnen, dass es insbesondere in Deutschland nicht mit Freude aufgenommen wird, dass die flexiblere und nicht so stark von einer ideologisch dominierten Politik gegängelte ÖBB im Begriff sei, der Deutschen Bahn und deren Trans-Eurasia-Express den Rang abzulaufen.

Die USA, die einen Zugewinn an Dominanz der Volksrepublik in Osteuropa und im zentralasiatischen Raum ebenfalls nicht als Best-Case-Szenario für die eigenen Interessen betrachten, denken ihrerseits an ein eigenes transeurasisches Infrastrukturprojekt, das vor allem auf Handelspartner wie Australien, Indien oder Japan zugeschnitten ist. Das chinesisch initiierte Vorhaben würde, so heißt es aus Washington, nicht allen Seiten in angemessener Weise wirtschaftlichen Nutzen bringen.

Machtzuwachs für Europas Seemächte ließ Seidenstraße in Vergessenheit geraten

Allerdings vermag ein Blick in die Geschichte die These, die Neue Seidenstraße habe vor allem eine machtpolitische Bewandtnis im Interesse der Volksrepublik China, nicht zu erhärten. Vielmehr war die ursprüngliche Seidenstraße, die diesen Namen erst im 19. Jahrhundert verliehen bekam, eine der ältesten Handelsstraßen der Welt und als solche bereits mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt den Osten und Südosten Asiens mit Reichen wie Persien, Griechenland und Rom verband. Seide und Wolle gelangten damals westwärts, im Austausch für Silber und Gold.

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Die Seidenstraße erleichterte auch den technologischen, kulturellen, religiösen und philosophischen Austausch - allerdings begünstigte sie im Mittelalter auch die Verbreitung von Pestbakterien von Asien nach Europa. Erst der Aufstieg der europäischen Seemächte drängte die Bedeutung dieses Landweges zurück.

In Österreich denkt man unterdessen bereits mehrere Schritte weiter. Der chinesische Botschafter in Wien, Li Xiaosi, lud bereits im März 2018 die Alpenrepublik dazu ein, Teil der bislang aus 17 Ländern bestehenden China-Osteuropa-Initiative CEEC zu werden. Außerdem hat Infrastrukturminister Norbert Hofer zusammen mit der Slowakei bereits erste Vorarbeiten geleistet im Hinblick auf einen Hub Wien-Bratislava. Dieser soll es bis 2033 ermöglichen, den Güterverkehr, der über die transsibirische Breitspurbahn erfolgt, ohne unnötigen Aufschub dem Weitertransport mit Waggons westeuropäischer Spurbreite zuführen zu können. Die Gemeinden Bruck an der Leitha und Parndorf sollen in diesem Zusammenhang zu Bindegliedern gegenüber der Transsib werden.

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