Joseph Stiglitz: "Europa muss enger zusammenrücken"

Joseph Stiglitz: "Europa muss enger zusammenrücken"
Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz bei einer Preisverleihung in Pisa, Italien, 11. Mai 2017.
Donald Trump ist gefährlicher als viele Anleger und Ökonomen bisher glauben, warnt der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz. Er appelliert an Europa, jetzt stärker zusammenzuarbeiten und die Vorschläge des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ernst zu nehmen.

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz warnt Europa vor der Willkür durch den amerikanischen Präsidenten. Dessen Politik sei darauf angelegt, die globalen Wirtschaftskreisläufe massiv zu stören. Die USA, so befürchtet Stieglitz im Interview mit dem Handelsblatt, verabschieden sich aus der regelbasierten Weltwirtschaftsordnung, welche sie nach dem Zweiten Weltkrieg selbst aufgebaut haben.

Sorge bereitet dem Ökonomen vor allem, dass die neue US-Regierung innerhalb einer nationalen Logik agiert. Jedes Unternehmen, das eine globale Lieferkette aufbaut, müsse damit rechnen, dass diese Kette aus politischen Gründen unterbrochen werden könnte. Dies betrifft etwa die Energiewirtschaft: Kein Land könne sich mehr darauf verlassen, dass es seine Energieversorgung durch Handel sichern kann, warnt Stiglitz.

USA fordern

Damit nimmt der Wirtschaftsnobelpreisträger Bezug auf die Sanktionen, die der amerikanische Kongress und die Regierung verhängt haben, um russische Anbieter aus der europäischen Energieversorgung zu verdrängen. Er mahnt an, dass es langfristig im Interesse der USA liegen müsse, mit anderen Ländern zu kooperieren.

Die regelbasierte Weltwirtschaftsordnung, die von den USA nach dem Zweiten Weltkrieg installiert wurde, wird es so nicht mehr geben.“

Bisher scheinen die großen wirtschaftlichen Akteure die neuen geopolitischen Risiken zu ignorieren, so Stiglitz. So würden die Finanzmärkte die Wirtschaftspolitik von Präsident Trump „völlig falsch“ einschätzen.

Die Investoren überschätzen seine Fähigkeit, zum Beispiel die geplanten Investitionen in die Infrastruktur oder den Abbau von Regulierungen durch den Kongress zu bekommen. Und die Finanzmärkte nehmen die Risiken nicht ernst, die durch Trumps Protektionismus entstehen.“

Ein konkretes Risiko entstehe etwa aus der angekündigten Steuerreform. Sie werde das Haushaltsdefizit in den USA in den nächsten zehn Jahren vermutlich um mindestens 2,5 Billionen Dollar erhöhen. Andere Experten rechneten gar mit zusätzlichen Defiziten bis zu sechs Billionen Dollar, so Stiglitz. Zusammen mit einer strikteren Geldpolitik bergen derart hohe Defizite die Gefahr, die Konjunktur abzuwürgen.

Joseph Stiglitz sieht ein besonderes Problem in der schwierigen Persönlichkeit des Präsidenten. Da er viele seiner Maßnahmen gar nicht durchsetzen könne, verlege sich der Präsident auf eine Politik der Ankündigungen. So seien etwa Trumps Ideen für Strafzölle gegen China nicht durch den Kongress gekommen. Gleichzeitig habe der Präsident die aussichtsreicheren Maßnahmen seines eigenen Handelsministers abgelehnt, um billige Importe aus China zu begrenzen.

US-Präsident Donald Trump nebst Gattin besteigen die Präsidentenmaschine Air Force One auf ihrem Weg nach Paris

Ein normaler Mensch würde sich nicht andauernd so widersprechen wie der Präsident. Ein normaler Mensch würde auch nicht fortlaufend lügen. Das ist bei Trump schon krankhaft.“

Der Wirtschaftsnobelpreisträger sieht eine besondere Verantwortung in der Europäischen Union, um das internationale Wirtschaftssystem zu stabilisieren. Allerdings müsse sich die deutsche Regierung von ihrer Politik der Haushaltsdisziplin und der strikten Geldpolitik verabschieden, mit der sie die Euro-Zone schädigt. Dies sei der richtige Zeitpunkt, sich mit den Konzepten des neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron auseinanderzusetzen.

Gerade mit Blick auf Trump muss Europa enger zusammenrücken. Die Europäer können sich im Moment auf die USA weder beim Freihandel noch bei ihrer Sicherheit verlassen.“

Damit der Euro funktioniert, brauche Europa jedoch eine gemeinsame Vision. So schlage Macron zum Beispiel vor, im Kampf gegen die Steuervermeidung großer multinationaler Unternehmen enger zusammenzuarbeiten. Wenn man die wachsende Ungleichheit beseitigen will, so Stiglitz, dürften sich nicht einige Länder durch Steuerwettbewerb auf Kosten anderer bereichern.