Neue Arbeitslosenzahlen: Fake-News und Rekordtief seit der Wiedervereinigung zugleich?

Neue Arbeitslosenzahlen: Fake-News und Rekordtief seit der Wiedervereinigung zugleich?
Am heutigen Freitag veröffentlichte die Agentur für Arbeit die neuen Arbeitslosenzahlen. Wie die Agentur selbst bejubeln viele Medien das Rekordtief seit der Wiedervereinigung. Welch ein Kontrast zu den Berichten über Millionen Menschen in der wirtschaftlich starken Bundesrepublik, die mit oder ohne Arbeit in prekären Verhältnissen leben müssen.

Wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Freitag berichtete, sank die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland zum Sommerende 2017 auf ein neues Rekordtief. Mit fast 2,5 Millionen verzeichnete die Nürnberger Bundesbehörde die niedrigste September-Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung. Demnach sank die Zahl der arbeitslosen Männer und Frauen im Vergleich zum Vormonat um 96.000 auf 2.449.000 Personen ab; im Vergleich zum Vorjahr verringerte sich die Zahl sogar um 159.000 arbeitslose Menschen weniger in der Statistik - auch bereinigt um die saisonalen Einflüsse ein positiver Trend.

Der Arbeitsmarkt entwickelt sich weiter sehr gut. Im Zuge der Herbstbelebung hat die Zahl der Arbeitslosen stark abgenommen“, stellte Bundesagentur-Chef Detlef Scheele bei der Bekanntgabe der Zahlen zufrieden fest.

Die Armutsquote in Deutschland ist auf Rekordniveau gestiegen. Rund 15,7 Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte auskommen. In Berlin sind es sogar 22,4 Prozent. Die soziale Schere geht weiter auseinander.

Selbst ohne die starken Saisoneffekte wäre die Arbeitslosigkeit im September um 23.000 gesunken. Scheele warnte jedoch vor einer Überbewertung der guten Septemberzahlen:

Warten wir mal, bis wir die Zahlen für das gesamte vierte Quartal haben. Es kann sein, dass der Herbstaufschwung im September besonders stark war und danach in die Knie geht“.

Saisoneffekt oder trügerische Kalkulation?

In der offiziellen Arbeitslosenzahl sind unter anderem jene Jobsuchenden nicht enthalten, die aktuell Trainingskurse oder Aus- und Fortbildungen absolvieren. Rechnet man diese hinzu, gab es in Deutschland zuletzt knapp 960.000 Jobsuchende mehr.

Die Kategorie der Unterbeschäftigung, welche Personen „in entlastenden arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen“ und in „kurzfristiger Arbeitsunfähigkeit“ mitzählt, ist saisonbereinigt um 20.000 gesunken.

Insgesamt belief sich die Unterbeschäftigung nach Angaben der Nürnberger Bundesbehörde im September 2017 auf 3.406.000 Personen und ist demnach mit nur 118.000 Personen weniger im Vorjahresvergleich weit weniger stark zurückgegangen als die Zahl der Menschen, welche in der Kategorie Arbeitslosigkeit offiziell gezählt werden.

Weiterhin lag die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten in der „Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II)“, also der Kategorie, die als Hartz IV bekannt ist, im September bei 4.337.000 Menschen. Gegenüber September 2016 war dies also sogar ein Anstieg von 31.000 Personen.

Damit sind acht Prozent der in Deutschland lebenden Personen im erwerbsfähigen Alter  hilfebedürftig.

Teure Schönrechnerei der Arbeitsmarktrealität - von Aufstockern über Maßnahmen bis Zuschüssen

Aus der Statistik herausgerechnet sind damit jene potentiellen Arbeitnehmer, welche an einer „Maßnahme“ teilnehmen, vorübergehend krank oder älter als 58 Jahre sind und Hartz IV beziehen. Zu den arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen zählen zum Beispiel Bewerbungstrainings und Lehrgänge, deren Nutzen teils stark umstritten ist, bis auf die handfeste numerische Besserung der Statistik.

Zudem fallen darunter all jene Menschen, die an Sprach- und Integrationskursen teilnehmen oder in Ein-Euro-Jobs tätig sind. Auch Lohnzuschüsse, also die knapp 20.000 Personen mit einem Arbeitsplatz, deren Arbeitgeber jedoch Zuschüsse für den Lohn von der BA beziehen - und nicht selten nach der Bezuschussung auch die Stelle nicht weiterlaufen lassen und das hat bereits System - diese fallen in die grobe Kategorie „weitere Maßnahmen“.

Sabine Zimmermann, arbeitsmarktpolitische Sprecher der Partei Die Linke, weist zudem darauf hin, dass 1,2 Millionen Erwerbstätige ihr Einkommen mit ergänzendem Hartz IV aufstocken müssen.

Auch schönt die Statistik, dass immerhin mehr als jeder fünfte Vollzeitbeschäftigte in Deutschland zu einem Niedriglohn arbeitet und jede dritte offene Stelle aus dem Bereich der Leiharbeit kommt.

Arbeit muss wieder existenzsichernd werden. Der Mindestlohn muss auf zwölf Euro erhöht, Leiharbeit und sachgrundlose Befristungen müssen verboten werden. Langzeiterwerbslose, ältere Erwerbslose sowie jene mit Behinderungen haben nach wie vor nur geringe Jobchancen. Die große Koalition hat viel versprochen, aber wenig gehalten. Statt Erwerbslose weiter aufs Abstellgleis zu schieben und zu drangsalieren, muss die Bundesregierung ausreichend Geld für Arbeitsmarktförderung bereitstellen,“ so Zimmermann.

Auch Gewerkschaften jubeln weniger laut als die Medien, sie zeigen auf, dass bestehende Arbeitsverhältnisse immer öfter unzumutbar sind, angefangen bei dem eigentlichen Zweck von Arbeit.

Immer mehr Beschäftigte können heute von ihrer Arbeit nicht mehr leben“, heißt es bei Verdi.

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Als Folge der Arbeitsmarktreformen der vergangenen Jahre, welche angesichts der rosigen Zahlen wohl immer weniger zur Diskussion stehen, weicht

jedes dritte Arbeitsverhältnis vom sogenannten Normalarbeitsverhältnis ab.

Auch angesichts der jüngst verkündeten Konjunkturprognosen, wonach führende deutsche Wirtschaftsinstitute ein Plus von 1,9 Prozent und für das kommende Jahr gar einen Zuwachs von 2,0 Prozent sehen, wo ein „Jobboom, sprudelnde Staatseinnahmen und optimistische Verbraucher“ vorausgesagt werden, bleibt laut Verdi ein gar

Die sozialen Unterschiede zwischen Menschen mit und Menschen ohne Migrationshintergrund haben 2016 zugenommen.

stetig wachsender Niedriglohnsektor. Minijobs, Leiharbeit und sogenannte Werkverträge haben massiv zugenommen.“

Das bedeutet, dass knapp die Hälfte dieser Beschäftigten Bruttolöhne unterhalb der Niedriglohngrenze verdient, mit zunehmender Tendenz und gebilligt vom Gesetzgeber

Geltende Gesetze sorgen dafür, dass Lohndumping hoffähig ist.

Und eine teure Arbeitsmarktpolitik, auf Kosten der Allgemeinheit 

Diese Aufstockerei kostet den Staat rund elf Milliarden Euro im Jahr, die natürlich die Steuerzahler zahlen und damit die Lohndrückerei der Arbeitgeber finanzieren.“