Marc Chesney, Finanzprofessor der Universität Zürich: „Globale Finanzpolitik gefährdet Demokratie“

Marc Chesney, Finanzprofessor der Universität Zürich: „Globale Finanzpolitik gefährdet Demokratie“
Marc Chesney gilt als ein kritischer Beobachter des Finanzsektors. So möchte er zum Beispiel Finanzprodukte verbieten, die keinen ökonomischen Nutzen stiften und Systemrisiken erhöhen. Zudem stellt er die gegenwärtige Form von Wirtschaftswachstum in Frage.
Allein im zweiten Quartal dieses Jahres türmten Kunden in den USA 18 Milliarden US-Dollar an neuen Schulden auf. Das Gesamtvolumen der Schulden beläuft sich mittlerweile auf rund eine Billion US-Dollar. Für Prof. Dr. Chesney ist dies nur ein Teil der gefährlichen globalen Schuldenkrise.

von Timo Kirez

Insgesamt rund eine Billion US-Dollar an Kreditkartenschulden werden die US-Amerikaner bis zum Jahresende angehäuft haben. Eine enorme Summe, die entsprechende Zinskosten mit sich bringt. Doch für Prof. Dr. Chesney ist das Kreditkartenproblem nur ein Mosaiksteinchen in der gefährlichen globalen Schuldenkrise. 

Chesney ist Finanzprofessor an der Universität Zürich und Autor des Buches "Vom Großen Krieg zur permanenten Krise", das 2014 im Versus Verlag erschienen ist. Für Ende 2017 ist die russische Fassung durch die Higher School of Economics Publishing House, dass heißt, dem Vyshka Verlag geplant. 

Über eine Billion an Kreditkartenschulden in den USA - ist es so dramatisch, wie es klingt?

Ja, das ist riesig, aber das ist nur eine Dimension des Schuldenproblems. Die globalen Schulden, private und öffentliche zusammengenommen, entsprechen ungefähr 217 Billion US-Dollar, das heißt 327 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP), und die Schulden steigen sogar schneller an als das BIP. Die Finanzlage ist unstabil. Es ist ein Teufelskreis. Immer mehr Schulden wären hilfreich, um das Wachstum zu fördern, und Wachstum wäre wiederum hilfreich, um einen Teil der Schulden zu bezahlen. Doch das funktioniert nicht. Die Schulden werden immer größer, und das Wachstum ist nicht stark genug, um die Schulden zu bezahlen. Wir brauchen neue Paradigmen in der Finanz- und Wirtschaftspolitik.

Was hat sich seit der Finanzkrise 2008 verändert? Im Positiven? Im Negativen?

Im Positiven: Die Finanzprobleme scheinen weniger akut als noch im Jahr 2008. Im Negativen: Die Finanzlobbys sind noch einflussreicher geworden.

Was genau meinen Sie damit, dass die Finanzlobbys einflussreicher geworden sind?

Die Finanzlobbys sind in der Lage, ihre Interessen der Gesellschaft aufzuzwingen. In Europa oder in Nordamerika ist es ganz gleich, ob man links oder rechts wählt - am Ende des Tages gibt es nur eine Finanzpolitik, und zwar diejenige, die die Finanzmärkte befriedigt. Das ist gefährlich für die Demokratie.

Müssen wir mit einer neuen, vermutlich noch schlimmeren Krise rechnen?

Eine neue akute Phase der Finanzkrise ist leider nicht ausgeschlossen, da nicht nur die Schulden, sondern auch die Derivate riesig sind. Ihr Nennwert entspricht ungefähr dem zehnfachen des weltweiten BIPs. Die Derivate erlauben, Wetten auf den Bankrott von Ländern und Unternehmen abzuschließen und fördern die Entwicklung des Finanzcasinos.

Gäbe es eine Möglichkeit, die Schuldenkrise zu lösen?

Ein Schuldenschnitt ist ein Teil der Lösung. Eine Mikrosteuer auf sämtliche elektronische Finanztransaktionen wäre auch positiv, um die gefährliche Dynamik des Finanzcasinos einzudämmen. Diese Dynamik ist sowohl für die Wirtschaft als auch für die Gesellschaft gefährlich.

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