Erdgas, Stahl und Kohle: Vor dem G20 erklärt US-Energielobby der Welt den Krieg

Erdgas, Stahl und Kohle: Vor dem G20 erklärt US-Energielobby der Welt den Krieg
Donald Trump und sein Energieminister Rick Perry im Gespräch während der Veranstaltung "Unleashing American Energy": Die US-Regierung startet eine Exportoffensive in alle Welt, Washington, D.C., 29. Juni 2017.
Direkt vor dem G20-Treffen in Hamburg eskaliert die Auseinandersetzung zwischen den USA und Deutschland. Auch China und Russland müssen entscheiden, wie sie mit den Provokationen der US-Regierung umgehen. Für europäische Unternehmen kann es teuer werden.

Noch am Freitag warnte der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel gegenüber RT Deutsch, dass ein Handelskrieg mit Europa nicht sinnvoll sei. Die möglichen neuen Sanktionen aus den USA richten sich vor allem gegen europäische Energieunternehmen, die mit Russland und Iran neue Großprojekte planen. Er fände es "ermutigend offenherzig", dass die amerikanischen Senatoren das wahre Ziel der Sanktionen so klar formuliert haben: Die Russen von europäischen Gasmarkt verdrängen, um mehr eigenes verflüssigtes Erdgas (LNG) verkaufen zu können.

Wer etwa mit der russischen Pipeline Nordstream 2 zu tun hat, würde zukünftig mit schmerzhaften Sanktionen bedroht. Aber auch Total, das als eines der größten europäischen Energieunternehmen gerade in der letzten Woche einen Mega-Deal mit dem staatlichen iranischen Energieversorger abschloss, muss mit politischen Angriffen rechnen. Auch hier geht es um Erdgas. Das Abkommen zwischen Total und Teheran ist 4,8 Milliarden US-Dollar schwer. Total-Chef Patrick Pouyanne erklärte sofort, dem Unternehmen sei das Risiko bewusst, dass demnächst erneut Sanktionen gegen Teheran verhängt werden könnten.

Auch Trump will die USA als Exportmacht sehen

Donald Trump hat unterdessen eine "Energie-Woche" abgehalten. Zusammen mit seinem Energieminister Rick Perry verkündete der Präsident, dass US-amerikanische Unternehmen massiv Erdgas, Erdöl und Kohle exportieren werden. Das Ziel sei es, die globalen Märkte für Energie zu dominieren. Seit 2007 hat Amerika seine Öl- und Gasförderung beinahe verdoppelt. 

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Die Fracking-Revolution hatten bereits George W. Bush und Barack Obama vorbereitet. Donald Trump erklärte nun unmittelbar vor dem G20-Treffen offen, dass die USA ihre  neuen Energieüberschüsse agressiv im Rahmen seiner "America First"-Politik einsetzen werden. Seit Ende 2015, als der Kongress ein Gesetz verabschiedete, das das Öl- und Gas-Exportverbot aufhob, haben US-Unternehmen mehr als 150 Millionen Barrel Rohöl exportiert.

Polen will USA bei Energieoffensive unterstützen

Die größten Überschüsse fallen jedoch im Bereich Erdgas an. In Nordamerika liegen größere Erdgas-Vorkommen als irgendwo anders auf der Welt. Die USA haben bei weitem die niedrigsten Erdgas-Preise weltweit. Man habe vor, so Trump und Rick Perry letzte Woche, den "Nahen Osten und Russland als Primärlieferanten nach Europa und Asien zu ersetzen".

Frisch vereidigt: Rex Tillerson im Weißen Haus mit Präsident Donald Trump. Am 1. Februar legte der neue Außenminister den Schwur ab, Amerika treu zu dienen. Kein Problem, wenn man davon ausgeht, dass die Interessen von Exxon und den USA identisch sind.

Vor diesem Hintergrund liegt Sigmar Gabriel wahrscheinlich richtig, wenn er heute zum bisher größten LNG-Exporteur Katar reist, der sich gerade massiven Erpressungsversuchen vonseiten der engen US-Verbündeten Saudi-Arabien und Ägypten ausgesetzt sieht. Unterdessen verkündete Donald Trump, dass er noch vor dem G20-Gipfel den Lieblingsverbündeten der USA in Europa besuchen wird: Polen. Das Land ist bereits in den letzten Jahren voll auf die amerikanische LNG-Strategie eingestiegen. 

In der vergangenen Woche gab zudem der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bekannt, dass sein Land künftig Steinkohle aus den USA importieren werde. Die Kohleförderung in den USA hat allein in diesem Jahr um 19 Prozent angezogen, und mit ihr die Zahl der Arbeitsplätze im Bergbau. Dass die neue aggressive Außenhandelsstrategie aber auch ihre Anhänger in Europa hat, zeigte sich erneut letzte Woche. Zwar kommt inzwischen selbst Kirsten Westphal, die Energieexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, nicht mehr umhin, festzustellen, dass die USA ihr Gas als "außenpolitisches Instrument" nutzen.

Mehr lesen: USA geben Gas: Katar soll als weltgrößter LNG-Lieferant untergehen - RT Deutsch spricht mit Experten

Noch während der deutsche Außenminister am Freitag seine Pressekonferenz abhielt, sprangen jedoch die einschlägig bekannten Freunde des US-Außenministeriums aus der Deckung. Wie das Magazin Der Spiegel berichtete, will Kom­mis­si­ons­vi­ze­präsident Ma­roš Šefčo­vič der deutschen Regierung die Zuständigkeit für die Nordstream-Pipeline streitig machen. Der grüne Europa-Politiker Rein­hard Bü­tik­o­fer jubiliert bereits, die "Hoff­nun­gen von Gazprom, Pu­tin und Schrö­der, ihr Pro­jekt durch­zu­zo­cken", würden in sich zu­sam­menbre­chen.

Dass die grüne Außenpolitik sich damit für Importe von verflüssigtem Fracking-Gas aus den USA nach Europa engagiert, das verraten die grünen Spitzenpolitiker ihrer Klientel jedoch lieber nicht. Aber auch in der CDU findet die US-Energielobby für ihren Wirtschaftskrieg alte Verbündete: Der Vor­sit­zen­de des Aus­wär­ti­gen Aus­schus­ses im Bun­des­tag, Nor­bert Rött­gen, ge­hört eben­so zu den Gegnern von Nordstream wie EU-Kom­mis­sar Gün­ther Oettin­ger oder der Eu­ro­pa­ab­ge­ord­ne­te El­mar Brok. 

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Oktober 2015 auf einer Arbeitsplattform in der Nordsee.

Moskau, Berlin und Peking bereiten sich auf Donald Trump vor

Bei seinem Handelskrieg gegen Europa kann sich Trump auf die alten transatlantischen Verbindungen verlassen. Schwieriger gestaltet sich der amerikanische Umgang mit China. Überall in Asien geht Trump mit seiner aggressiven Außenhandelspolitik hausieren, verkauft neue Waffen und Erdgas. Am Freitag machte die chinesische Regierung erstmals ernsthafte Bedenken geltend, was den offensichtlichen Politikwechsel der Trump-Regierung in Richtung Peking betrifft. 

In den letzten Tagen hat das Weiße Haus nicht nur Strafzölle für Stahlimporte aus China in Ausicht gestellt, sondern auch einen 1,4 Milliarden US-Dollar schweren Waffenhandelsvertrag mit Taiwan vereinbart und eine chinesische Bank sanktioniert. Kaum zurück aus den Wochenende, eröffneten Medien die G20-Woche mit der Meldung, dass ein US-Zerstörer im Südchinesischen Meer in chinesische Hoheitsgewässer eingedrungen ist. 

Das Pekinger Außenministerium sprach am Montag von einer "ernsthaften politischen und militärischen Provokation". Der chinesische Botschafter in den USA, Cui Tiankai, erklärte, die US-Aktionen untergraben das gegenseitige Vertrauen, das von beiden Seiten aufgebaut wurde, und sie stünden "dem Geist des Mar-a-Lago-Gipfels" entgegen. Dort hatten sich Chinas Präsident Xi Jinping und Donald Trump offenkundig über Dinge geeinigt, die nun wenige Wochen später nicht mehr gelten sollen. 

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Dieser neue amerikanische Unilateralismus, die offensiv zur Schau gestellte Willkür und Rücksichtslosigkeit gegenüber internationalen Beziehungen, werden den Gipfel stark prägen. Xi Jinping besucht im Vorfeld heute zunächst Moskau, wo er nicht nur eine von Russland vorgeschlagene Roadmap für die Korea-Krise diskutieren wird. Im Anschluss geht es für Chinas Staatschef nach Deutschland zu Vorgesprächen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, während der russische Außenminister Sergej Lawrow nach Paris reist.