Amazon goes Offline: Patentierte Entmündigung der Kunden

Amazon goes Offline: Patentierte Entmündigung der Kunden
Am Wochenende übernahm Amazon die Lebensmittelkette Whole Foods Market. Mit einer eigenen Software will der Konzern verhindern, dass Kunden die Preise in den Läden im Internet vergleichen können.
Lange Zeit galt Amazon als Gegenentwurf zum klassischen Einzelhändler. Verstärkt drängt der US-Konzern nun selbst in den klassischen Handel. Mithilfe einer patentierten Software will das Unternehmen seine Kunden künftig von einer Praxis abhalten, die es bisher selbst stets gefördert hat.

Im Rahmen einer Strategiewende steigt der weltgrößte Online-Einzelhändler Amazon groß in den stationären Handel in den USA ein. Am Wochenende übernahm der Konzern das Unternehmen Whole Foods Market für rund 13,7 Milliarden Dollar. Die 1978 gegründete Firma mit ihren rund 87.000 Mitarbeitern ist auf hochwertige – und entsprechend teure – Lebensmittel spezialisiert. Laut jüngsten Zahlen betreibt Whole Foods Market insgesamt 461 Supermärkte für Biolebensmittel, wovon sich alleine in den USA 440 Filialen befinden. Durch den Zukauf erhält Amazon stationäre Ladenlokale in guter Lage in 42 US-Bundesstaaten, kann damit unter anderem Warenlieferungen beschleunigen und die Kundenbindung verbessern.

Für den Online-Händler ist es der mit Abstand größte Zukauf seiner Geschichte nach dem Erwerb der auf das Streaming von Videospielen spezialisierten Plattform Twitch für rund eine Milliarde Dollar. Auch im Geschäft mit Lebensmitteln preschte der Online-Händler unter anderem mit dem Service Amazon Fresh vor, der jüngst auch in Deutschland startete.

Der Konzern zeigte zuletzt aber auch selbst immer mehr Interesse am Geschäft mit Einkaufsläden. So eröffnete Amazon mehrere Buchgeschäfte in den USA und schmiedet auch Pläne für kleine High-Tech-Supermärkte, die von wenigen Mitarbeitern betrieben werden können. Mit seinem bisher größten Zukauf verstärkt Amazon den Druck auf seine Rivalen in den USA, allen voran den Supermarkt-Riesen Wal-Mart: Das ist ein klarer Hinweis auf Pläne für ein Imperium aus Online- und Offline-Geschäft. 

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In einer Gegenbewegung baut Wal-Mart immer stärker sein Online-Geschäft aus – und kaufte just am Wochenende den Modehändler Bonobos für 310 Millionen Dollar. Mit den beiden Zukäufen heben die beiden Schwergewichte ihre Rivalität auf eine neue Ebene. Wer das Rennen machen wird, dazu haben Anleger eine klare Meinung: Die Aktie von Wal-Mart verlor im frühen US-Handel zeitweise über fünf Prozent, für das Amazon-Papier ging es dagegen um rund drei Prozent aufwärts.

Kaufkontrolle statt mündiger Kunden 

Amazon hatte in den vergangenen Jahren den stationären Handel stark unter Druck gesetzt, unter anderem mit günstigeren Preisen. Vor allem viele Buchhändler mussten ihre Läden schließen, weil sie der Konkurrenz des US-Konzerns nicht gewachsen waren.
Nun, da das Unternehmen selbst in die Rolle eines stationären Händlers schlüpft, möchte es seinerseits die Nachteile, die sich daraus im Kampf gegen die Online-Konkurrenz ergeben, möglichst geringhalten: Mithilfe einer eigens programmierten und bereits patentierten Software will Amazon es seinen Kunden verunmöglichen, in seinen Supermärkten die Warenpreise im Internet etwa per Smartphone vergleichen zu können.

In schickem Design präsentiert sich Amazon Echo - und birgt Gefahren der Rundumüberwachung.

Das Programm namens "Physical Store Online Shopping Control" soll das Online-Surfverhalten der Kunden, die sich über das WLAN der Amazon-Läden einloggen, genauer unter die Lupe nehmen. Finden diese durch das Vergleichen der Warenpreise günstigere Angebote im Netz, dann kann das Programm die entsprechenden Webseiten sperren oder die Suchanfragen ins digitale Nirwana umleiten. Für den umgekehrten Fall gilt das natürlich nicht: Webseiten mit teureren Angeboten bleiben für den Amazon-Kunden weiter zugänglich. Auch sollen Amazon-Mitarbeiter die Kunden direkt ansprechen und vom Kauf bei der Konkurrenz abhalten, wenn das Programm entsprechende Suchanfragen der Kunden registriert.

Ein Schluck der eigenen Medizin

Ausgerechnet Amazon als Vorreiter im Bereich des digitalen Preisvergleichs will seinen eigenen Kunden diese Möglichkeit zukünftig mithilfe des "Kaufkontroll"-Programms nehmen. Denn wie hart die Verhältnisse für die Betreiber echter Ladengeschäfte aufgrund der Online-Konkurrenz geworden sind, weiß Amazon selbst nur zu gut. Im Patenttext zur kundenfeindlichen Software heißt es:

Durch die weite Verbreitung des Internethandels können Konsumenten denselben Artikel von Händlern erwerben, die über eine Online-Präsenz verfügen. Dementsprechend kann es für den Einzelhändler mit einem Ladengeschäft zu der negativen Situation kommen, dass ein Kunde die Artikel in dem Laden begutachtet, sich von den Ladenmitarbeitern beraten lässt, anschließend im Internet die Preise vergleicht, um dann denselben Artikel von einem Online-Händler zu kaufen. Der Geschäftsinhaber muss Miete für den Laden zahlen, seine angestellten Verkäufer und das Management des Lagerbestands sowie andere Kosten bezahlen, während er nicht in der Lage ist, die Verkaufstransaktion erfolgreich abzuschließen.

(rt deutsch/dpa)