Attraktion der unglaublichen Großzügigkeit: Warum investiert China in die Ukraine?

Attraktion der unglaublichen Großzügigkeit: Warum investiert China in die Ukraine?
Ein chinesisches Konsortium plant, den Bau der vierten Linie der Kiewer Metro zu finanzieren. Die Kosten des Projekts belaufen sich auf 1,1 Milliarden US-Dollar. Die Volksrepublik will auch weiterhin in die Ukraine investieren. Wem nutzt es wirklich? RT erklärt, was sich hinter dieser Großzügigkeit verbirgt.

Dies ist nicht das einzige Projekt. Sowohl die chinesische Regierung als auch das chinesische Business sind bereit, Mittel für den Bau und die Rekonstruktion ukrainischer Straßen und Brücken zur Verfügung zu stellen. Auch eine Freihandelszone ist im Gespräch. Die Initiative kommt dabei von der chinesischen Seite.

Die Kiewer Stadtregierung hat ein Memorandum über den Bau der vierten U-Bahn-Linie unterschrieben. Zu den Partnern auf der chinesischen Seite gehören China Railway International Group und China Pacific Construction Group, die ein Konsortium bilden. Die neue Bahn soll das rechte Ufer der ukrainischen Hauptstadt mit dem dicht besiedelten Bezirk Troeschtschina verbinden und damit das Problem mit Staus auf den Brücken der Drei-Millionen-Stadt lösen.

Einer der Kiewer Brücken, die das linksufrige Teil der Stadt mit dem Zentrum verbindet.

Chinesische Experten werden alle vorbereitenden Maßnahmen zur Untersuchung, Schätzung und Kostenberechnung des jetzigen Zustands des Projekts übernehmen, zitiert der Pressedienst den stellvertretenden Bürgermeister Nikolai Poworosnik.

Chinas Interesse

Tsingtao statt Kölsch: Während die EU durch ihre Sanktionspolitik den eigenen Unternehmen den Zugang zum russischen Markt versperrt, freuen sich chinesische Exporteure über steigende Marktanteile auf beiden Märkten.

Die chinesischen Investoren hatten früher ihre Bereitschaft erklärt, in die Ukraine große Summen zu investieren. So haben China Road and Bridge Corporation vor, den Verteiler auf der Schuljawa-Brücke für 15 Millionen US-Dollar zu rekonstruieren und eine neue Ringautobahn um Kiew zu bauen.

In der Ukraine wimmelt es von Geschäftsleuten aus China, die Plattformen für den Bau ihrer Werke hier suchen, sagte RT ein ukrainischer Finanzanalytiker, der anonym bleiben wollte.

In den kommenden vier Jahren muss die Ukraine circa 20 Milliarden Dollar an ihre Kreditoren zahlen. Man muss auch die Schulden der Städte begleichen. Deswegen ist jede ukrainische Stadt sehr an chinesischen Investoren interessiert. Das bleibt vonseiten der Chinesen nicht unerwidert.

Die chinesischen Unternehmer sind bereit, hohe Schmiergelder an ukrainische Beamte zu zahlen und drücken die Augen bei der künstlichen Überschätzung der Kostenpläne für Bauarbeiten zu, erzählte RT eine Quelle aus der ukrainischen Regierung.

Auch das offizielle Peking ist an der Ukraine interessiert. Der chinesische Botschafter Du Wie erklärte Ende April, dass China in der nächsten Zeit für die Ukraine die Visumsfreiheit zum "gleichberechtigten Austausch unserer Bürger" einführen will.

Nachdem rechtsextreme Übergriffe und gezielte Schikanen vonseiten der Regierung der ukrainischen Tochter der russischen Sberbank eine reguläre Arbeit weitgehend verunmöglicht hatten, werden ausländische Investoren deren Anteile und den Geschäftsbetrieb übernehmen.

Die Schaffung einer Freihandelszone ist auch im Gespräch. Die Initiative zur Liberalisierung der bilateralen Beziehungen kommt dabei von der chinesischen Seite.  

Wem nutzt das?

Chinesische Investoren gehören zu den wenigen, die bereit sind, in die Ukraine zu investieren. Im letzten Jahr wurden circa 4 Milliarden US-Dollar ins Land investiert. 3 Milliarden kamen dabei von den russischen Banken, die ihre Töchter in der Ukraine rekapitalisierten. Jetzt werden alle fünf "Töchter", darunter Sberbank und WTB, zum Verkauf angeboten. Grund sind die Sanktionen vonseiten der Nationalbank der Ukraine, die es nicht erlaubt, Gewinne aus dem Land auszuführen.

Europäische Unternehmer sind dagegen nicht bereit, in die Ukraine wegen hoher Risiken zu investieren. Nach Angaben der britischen Beratungsagentur Ernst&Young hat die Ukraine das höchste Korruptionsniveau weltweit. Chinesische Unternehmen sind in dieser Hinsicht weniger anspruchsvoll.

Es ist sogar möglich, dass die darbende ukrainische Wirtschaft wiederbelebt werden kann. Auch der Verfall der nationalen Währung könnte somit vereitelt werden. Diese wird eigenen Schätzungen zufolge im Herbst von 26,4 auf bis zu 30 Griwna je Dollar herabsinken.

Demonstranten auf dem Maidan in Kiew

Die Großzügigkeit chinesischer Investoren hat auch andere, spezielle Gründe. Die Zone des freien Handels mit der Ukraine könnte für China nützlich sein. Denn auf dem ukrainischen Markt konkurrieren Exporteure in ungleichen Bedingungen mit Europäern.

Die Europäer exportieren ihre Waren in die Ukraine nach speziell gesenkten oder gänzlich abgeschafften Zöllen im Rahmen der Zone des freien Handelns zwischen der Ukraine und der EU. Die Einführung einer Freihandelszone zwischen der Ukraine und China wird chinesischen Herstellern erlauben, ihre Positionen im Wettbewerb um den ukrainischen Markt zu stärken, sagte der Chef-Analytiker der ukrainischen UkrSozBank Andrej Prihodko.

Chinesische Hersteller könnten somit theoretisch auch Zugang zu den Märkten der Europäischen Union bekommen. Im Moment zahlen sie Einfuhrzölle in einer Höhe von 5 bis 10 Prozent für ihre Lieferungen in die Länder der Europäischen Union. Dazu kommen noch 10 bis 15 Prozent Kosten für die Logistik.

Ukraine ist auch wegen den weltweit größten Vorkommen von Schwarzerde begehrt.

Wenn China in der Ukraine hergestellte Waren auf diese Weise nach Europa bringen könnte, würde die Ersparnis bis zu 25 Prozent betragen. Das macht chinesische Waren noch wettbewerbsfähiger. Die Märkte anderer Länder wie zum Beispiel Kanada, die mit der Ukraine ein Freihandelsabkommen unterschrieben haben, würden sich auf diesem Wege auch für chinesische Waren öffnen. Die Länder der EU haben bislang auf die chinesischen Pläne nicht reagiert.

Südsudans Präsident Salva Kiir bei einem Treffen mit George W. Bush im Oval Office des Weißen Hauses im Januar 2009.

Rohstoffanhängsel

Die Ukraine zieht Chinesen auch mit seinen großen landwirtschaftlichen Flächen an. Der IFW drängt die Ukraine zum gesetzlich geregelten Landverkauf. Nach Angaben des chinesischen Ministeriums für Land- und Naturressourcen sind in China bis zu 20 Prozent der Erde von übermäßiger Bearbeitung durch Pestizide und andere Chemikalien bereits vergiftet. Die Nachfrage nach ökologisch sauberen Produkten wächst derweil, sowohl in China als auch in der EU.

Die Zentralukraine hat außerdem große Vorkommen an Tonerde – mit einer der besten Qualität weltweit. Hier befinden sich bis zu 10 Prozent der weltweiten Vorkommen der weißen Tonerde Kaolin (ca. 400 Mio. Tonnen). Chinesischen Investoren könnten auch Zugang zu ukrainischen Wäldern (Holzwirtschaft), Bernstein und Eisenerzen bekommen, sollte sich der IWF mit seiner Forderung durchsetzen.

Die ukrainische Regierung ist sich über die Motive der Chinesen durchaus im Klaren. Einer der Gesprächspartner in der Regierung erzählte RT, dass für China die Ukraine als Quelle und Ressource für Rohstoffe und billige Arbeitskräfte interessant sei. Das Lohngefälle zwischen der Ukraine und China geht weit auseinander. Während in der Ukraine das Durchschnittseinkommen bei etwa 168 US-Dollar liegt, verdienen Chinesen im Schnitt etwa 700 US-Dollar.

Für Chinesen ist es somit sehr gewinnbringend, die Rohstoffe zu Niedrigpreisen einzukaufen, die Waren mit niedrigen Selbstkosten zu produzieren, in verschiedene Länder zu verkaufen und damit hohe Gewinne zu erziehen, sagte ein hoher ukrainischer Beamter gegenüber RT.

Es bleibt auch festzuhalten, dass China bereits seit Jahren die gleiche Strategie erfolgreich auch auf dem afrikanischen Kontinent verfolgt, wo es aktiv Investitionen betreibt.