Ratingagentur Moody's stuft China erstmals seit knapp 30 Jahren ab

Ratingagentur Moody's stuft China erstmals seit knapp 30 Jahren ab
An den Börsen verloren chinesische Aktien leicht an Wert und der Yuan gab zum Dollar nach. Spätere Stützungskäufe der Regierung retteten den Aktienindex Shanghai Composite jedoch in letzter Minute wieder ins Plus.
Zweifel an der Reformfähigkeit, sinkende Devisenreserven und vor allem das Schuldenrisiko: Die Ratingexperten von Moody's nennen viele Gründe, warum sie Chinas Bonität kritisch sehen. Die Regierung in Peking relativiert, und auch die Märkte reagieren kaum.

Die Ratingagentur Moody's hat die Kreditwürdigkeit Chinas, immerhin der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft, erstmals seit fast 30 Jahren gesenkt. Wie die amerikanischen Bonitätsprüfer in der Nacht zum Mittwoch mitteilten, sinkt die Bewertung um eine Stufe auf A1. In der Skala von Moody's ist das die fünftbeste Note. Es ist die erste Abstufung seit 1989. Zugleich setzte die Agentur den Ausblick von negativ auf stabil, weshalb eine weitere Abstufung zunächst nicht zu erwarten ist. Die chinesische Führung wehrte sich gegen das aus ihrer Sicht unangebrachte Urteil.

Für China ist die Entscheidung ein kleiner Rückschlag auf dem Weg zur weltweiten größten Wirtschaftsmacht. Auch wenn der Aufstieg eines Landes selten geradlinig verläuft, kommen Abstufungen bei der Kreditwürdigkeit nicht sehr häufig vor. Die Rating-Noten gelten als eher schwerfällig. Aufstrebende Märkte müssen sich zunächst über viele Jahr einen guten Ruf erarbeiten. Doch wenn dies erstmal gelungen ist, muss Gravierendes passieren, bevor die Ratingagenturen zur Abstufung greifen. Die jüngsten Beispiele dafür sind Russland nach den westlichen Sanktionen und die Türkei nach dem Militärputsch.

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Kritisch sehen die Analysten von Moody's vor allem die Schuldensituation Chinas. Sie erwarten, dass die landesweite Verschuldung in den kommenden Jahren weiter steigen wird. Die geplanten Wirtschaftsreformen dürften diesen Prozess zwar verlangsamen, nicht aber aufhalten. Weil die politische Führung hohen Wert auf ein starkes Wirtschaftswachstum lege, werde sie weiterhin konjunkturstützende Maßnahmen ergreifen. Dies bringe jedoch nur eine noch höhere Verschuldung mit sich.

Gini-Koeffizient lässt ungleichmäßige Einkommensverteilung erkennen

Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt soll dieses Jahr ein Wachstum von 6,5 Prozent erzielen. In 2016 waren es noch 6,7 Prozent. Das ist der geringste Zuwachs in China seit über einem Vierteljahrhundert. China ist auf ein hohes Wachstum angewiesen, um die Armut zu bekämpfen und den sozialen Frieden zu garantieren. Einer Studie der Universität Peking zufolge besitzt das reichste Prozent der Chinesen so viel wie ein Drittel der übrigen Bevölkerung, während die ärmsten 45 Prozent der Chinesen lediglich über ein Prozent des gesamten Wohlstands verfügen.

Der Gini-Koeffizient der Weltbank, der die Einkommensverteilung innerhalb eines Landes deutlich macht, betrug 2015 für China 0,46. Experten gehen gar von einem Wert von 0,6 aus. Ein Wert über 0,4 gilt als kritisch und deutet auf eine stark ungleichmäßige Einkommensverteilung hin. Auch wenn die Wirtschaft weiter wächst, entsteht der Eindruck, dass die Regierung das hohe Wachstumstempo nur über höhere Schulden aufrechterhalten kann. Die Schulden von öffentlichen und privaten Haushalten sowie Firmen zusammengerechnet ergeben einen Rekordwert von 258 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Schuldenquote ist im Reich der Mitte in den letzten zehn Jahren damit um 100 Prozent gestiegen.

Das Finanzministerium in Peking warf Moody's eine verfehlte Methodik vor, bei der ein "pro-zyklischer Ansatz" verfolgt werde. Zudem unterschätze die Ratingagentur die Fähigkeit Chinas, wirtschaftliche Strukturreformen durchzuführen. Derartige Reformen, die auch der Öffnung der chinesischen Wirtschaft zugute kommen können, erachten Ökonomen als mitentscheidend für das künftige Wachstumspotenzial. Chinas Wirtschaft sah sich lange von der Industrie getragen, doch mittlerweile gibt es Konkurrenz. Einige andere asiatische Länder bieten Konzernen günstigere Produktionsstandorte. Peking muss deswegen den Inlandskonsum ankurbeln und zudem stärker auf den Dienstleistungsbereich setzen.

© Sputnik/Alexej Nikolsky

Das chinesische Finanzministerium will zwar keine nennenswerte Änderung in seiner Risikoeinschätzung bezüglich der Schuldenlage erkennen – doch das sieht Moody's anders. Die Ratingagentur erwartet, dass die staatliche Schuldenquote, also die Staatsverschuldung im Verhältnis zum Wirtschaftswachstum, bis zum Ende des Jahrzehnts graduell ansteigen werde. Mit 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) werde die direkte Staatsverschuldung dann auf dem Niveau anderer Länder liegen, die ähnlich wie China bewertet sind. Auch die indirekte Staatsverschuldung, etwa über die Lokalregierungen, sowie die Verschuldung der Haushalte und der staatseigenen Betriebe werde weiter steigen.

Devisenvorräte eröffnen immer noch Spielräume

Positiv verweist die Ratingagentur dagegen zum einen auf die schiere Größe und das schnelle Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft. Zum anderen werden die hohen Ersparnisse der Haushalte und der immer noch riesige Devisenberg des Landes genannt. Dieser ist seit Mitte 2014 zwar um eine Billion US-Dollar geschrumpft, beträgt aber immer noch rund drei Billionen Dollar. Dies gebe der Notenbank reichlich Spielraum zur Stabilisierung der Landeswährung und zur Vermeidung von Kapitalflucht.

Die Reaktion auf die Ratingentscheidung an den Finanzmärkten hielt sich in Grenzen. Am chinesischen Aktienmarkt stabilisierten sich die Kurse nach einem Minus zu Handelsbeginn wieder. Chinas Landeswährung Yuan, die in Grenzen durch den Staat kontrolliert wird, fiel ebenfalls nur zeitweise zurück.

Chinas Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren an Schwung verloren, wenngleich sich zuletzt eine Stabilisierung abzeichnete und das Wachstum zum Jahresstart positiv überraschte. Von den zweistelligen Wachstumsraten, die jahrelang verzeichnet wurden, ist aber nichts mehr zu sehen. Wie die "Welt" schreibt, haben Analysten der Hedgefondsgesellschaft Eurizon SLJ Capital errechnet, dass China aktuell vier Yuan neue Schulden machen muss, um einen Yuan zusätzliches Wachstum zu schaffen. Das sei mehr als in jeder anderen großen Volkswirtschaft. In den USA liegt die Quote derzeit etwa bei 1,6. Das bedeutet, dass für ein Dollar Wachstum 1,6 Dollar neue Schulden gemacht werden müssen. Die Quote in Europa liegt bei 0,5. Laut den Analysten bedeutet das einen quasi kreditlosen Aufschwung. Sie sprechen von einem nachhaltigen Wert, wenn die Quote bei eins liegt.

Warten auf Einschätzung von S&P

Zudem wird in diesem Zusammenhang erwartet, dass die chinesische Regierung den Banken irgendwann unter die Arme greifen muss. Dann werde auch unweigerlich die direkte Verschuldung auf der obersten staatlichen Ebene zunehmen, sagte Julian Evans-Pritchard, Chef-Ökonom beim Finanzhaus Capital Economics in Singapur, gegenüber der "Welt". Außerdem werde es neben dem Abbau von Risiken bei Banken wohl auch Restrukturierungen bei staatlichen Konzernen geben müssen, äußerte der Ökonom Vishnu Varathan von der japanischen Bank Mizuho, ebenfalls gegenüber der "Welt".

Es bleibt abzuwarten, ob nicht auch die größte Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) bald die Kreditwürdigkeit der Volksrepublik schlechter einschätzen wird. Bis jetzt steht diese zwar noch auf der viertbesten Stufe, allerdings mit einem negativen Ausblick.

(rt deutsch/dpa)

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