Jetzt auch Fiat Chrysler? Klage der US-Regierung deutet neues "Dieselgate" an

Jetzt auch Fiat Chrysler? Klage der US-Regierung deutet neues "Dieselgate" an
Wird er sich auch vor der US-Justiz verantworten müssen? Der Fiat Chrysler-Chef Sergio Marchionne mit dem US-Präsidenten Donald Trump im Amerikanischen Zentrum für Mobilität am 15. März 2017.
Nach VW hat mit Fiat Chrysler der zweite internationale Autoriese eine Klage der US-Justiz wegen vermeintlichen Abgas-Betrugs am Hals. Auch auf Daimler haben die Behörden schon ein Auge geworfen. Bahnen sich die neuen "Gates" an?

Fiat-Chrysler-Chef Sergio Marchionne ist ein Mann der klaren Worte, bekannt für derben Humor und markige Sprüche.

Wer uns mit dem deutschen Unternehmen vergleicht, hat etwas Illegales geraucht,

zog der charismatische Italo-Kanadier vom Leder, nachdem die US-Behörden seinen Konzern erstmals im Januar verdächtigt hatten, im gleichen Stil wie der Erzrivale Volkswagen bei Abgaswerten von Dieselautos manipuliert zu haben. "Wir haben keinerlei Betrug begangen", versicherte Marchionne. Vergeblich, wie sich jetzt zeigt.

Seit Dienstag ist klar: Marchionne und Fiat Chrysler konnten die US-Behörden trotz selbstbewusster Rhetorik nicht von ihrer Unschuld überzeugen. Das Justizministerium will nun offiziell den Autoriesen im Auftrag des Umweltamts EPA wegen des Verdachts der Verstöße gegen das Luftreinhaltegesetz belangen. Wer wissen will, was das bedeuten kann, dem liefert der VW-Skandal Anschauungsmaterial - da las sich die Klageschrift ganz ähnlich. Das konsequente Vorgehen dürfte aber auch in Stuttgart aufhorchen lassen, denn die US-Justiz hat auch Daimler im Auge.

Bei Fiat Chrysler scheinen sich die US-Behörden schon ziemlich sicher zu sein, nach VW den nächsten Abgas-Sünder am Wickel zu haben. Die Ermittler gehen davon aus, dass der italienisch-amerikanische Autokonzern sogenannte Defeat Devices (Abschalteinrichtungen) in rund 104.000 Dieselwagen installiert hat, um bei Emissionstests zu schummeln. Durch die Software, an deren Entwicklung wie schon bei VW auch der Zulieferer Bosch beteiligt gewesen sein soll, ist der Schadstoffausstoß im Normalbetrieb laut EPA deutlich höher als im Testmodus.

Fiat Chrysler vertraute auf erfolgreiche Verhandlungen

Mindestens acht dubiose Programme zur Abgaskontrolle habe Fiat Chrysler bei der Zulassung von Dieselautos der Modelljahre 2014 bis 2016 nicht offengelegt, heißt es bei der Umweltbehörde. Konkret geht es um SUV vom Typ Jeep Grand Cherokee und Pick-up-Trucks der Chrysler-Marke Ram. Das Justizministerium fordert wegen der Verletzung von US-Umweltrecht hohe Strafen und richterliche Unterlassungsanordnungen, weil die betroffenen Fahrzeuge ohne gültige Zertifizierung illegal auf den Straßen unterwegs seien.

Für Fiat Chrysler ist die Klage eine kräftige Klatsche. Noch in der vergangenen Woche hatte es aus Konzernkreisen geheißen, man sei in den Verhandlungen mit den US-Behörden auf gutem Wege. Am Freitag hatte der Autobauer sogar selbstbewusst Pläne zur Umrüstung der verdächtigen Fahrzeuge in Washington eingereicht.

Logo von Volkswagen an der VW-Fabrik in Wolfsburg.

Dieser Antrag ist das Ergebnis vieler Monate enger Zusammenarbeit zwischen Fiat Chrysler und der EPA,

hieß es da. Die Umweltbehörde antwortete nun auf ihre Art: mit einer Zivilklage. Der Konzern reagierte wortkarg: Man sei enttäuscht und werde sich energisch verteidigen.

Noch ist es zu früh, um abzuschätzen, ob der Fall Fiat Chrysler ähnliche Dimensionen annimmt wie Volkswagens "Dieselgate". So teuer wie bei den Wolfsburgern dürfte es wohl schon alleine wegen der geringeren Zahl betroffener Autos nicht werden. Bei VW waren es fast 600.000 Dieselwagen in den USA. Auch zog sich der VW-Betrug über einen längeren Zeitraum hin. Einer der Gründe für die hohen Strafen - insgesamt hatte VW bereits 22,6 Milliarden Euro an Kosten für Vergleiche in Nordamerika zu verbuchen - war zudem, dass die US-Justiz den Konzern beschuldigte, die Ermittlungen behindert zu haben.

Hat er oder hat er nicht? Carlos Ghosn, Chef der Renault-Nissan Gruppe, soll verantwortlich sein für Software-Manipulationen im Vorfeld von Abgastests.

Für Fiat Chrysler lassen die US-Behörden die Tür für eine Einigung immerhin einen Spalt weit auf. Man werde weiter verhandeln, so die EPA. Ob und wann es eine Lösung geben werde, sei jedoch ungewiss. Somit deutet einiges auf ein Déjà-vu hin: Auch bei VW zogen Anschuldigungen vonseiten der US-Behörden zuerst Klagen durch Anwaltskanzleien im Namen von Dieselbesitzern nach sich, dann folgte die US-Regierung.

Noch keine Erleichterungen bei den Umweltvorgaben

Bei Fiat Chrysler sollen diese Zivilklagen nun ebenfalls bei einem US-Gericht zum Massenverfahren gebündelt werden. Strafrechtliche Ermittlungen auf Bundesebene und Untersuchungen vonseiten einzelner Generalstaatsanwälte runden die Parallelen zur VW-Affäre ab.

Mit dem harten Durchgreifen schickt die US-Justiz indes auch eine Botschaft an die gesamte Branche: Abgas-Sündern geht es auch künftig an den Kragen. Wer auf einen Kurswechsel unter der mit laxeren Umweltgesetzen flirtenden Regierung von Donald Trump setzt, sollte sich keine falschen Hoffnungen machen.

Das gilt auch für Daimler - denn vom deutschen Premiumhersteller fordern die USA nach Abgas-Sammelklagen von US-Kunden ebenfalls Aufklärung. Auch in Deutschland ermitteln Behörden gegen den Konzern. Hier durchsuchten Einsatzkräfte im Auftrag der Stuttgarter Staatsanwaltschaft am Dienstag mehrere Standorte wegen des Verdachts auf Abgasbetrug.

(dpa/rt deutsch)

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