Arbeitswelt in Russland: Immer mehr junge Mütter werden zu Gründerinnen

Arbeitswelt in Russland: Immer mehr junge Mütter werden zu Gründerinnen
Imagebild: Salih Ucar/pixelio.de
Unter russischen Personalchefs ist die Meinung weit verbreitet, eine Babypause schade der Eignung junger Mütter zur Rückkehr in die Arbeitswelt. Betroffene Frauen wollen sich damit aber nicht abfinden und schaffen sich ihre Arbeitsplätze selbst.

Junge Mütter in der Russischen Föderation stehen vor einem Problem, das auch in westeuropäischen Ländern nicht fremd ist: Ihre Chancen auf eine Festanstellung auf dem regulären Arbeitsmarkt sind gering.

Aljona Wladimirskaja, Chefin der Headhunter-Agentur Pruffi, erklärt die schlechten Aussichten frischgebackener Mütter auf den Arbeitsmarkt vor allem mit Ängsten seitens der Arbeitgeber.

Firmenchefs befürchten zwei Dinge: Dass die Mutter während ihres Mutterschaftsurlaubs an Fachkompetenz eingebüßt haben könnte und dass sie permanent im Krankenstand sein würde, weil es dem Baby schlecht ginge.

Die Betroffenen haben die Wahl: Entweder sie bleiben – möglicherweise dauerhaft – dem Arbeitsmarkt fern, oder aber sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Immer mehr junge Mütter in Russland entscheiden sich für die zweite Variante. Sie hören auf, nach Posten im Angestelltenverhältnis zu suchen und gründen ihr eigenes Unternehmen.

Imagebild: Unternehmerin bei der Buchhaltung. (c) Rudolf Ortner/pixelio.de

Mutterschaft ist ideale Schule für verborgene Kompetenzen

Dabei müssen die Frauen nicht einmal in die Ferne schweifen. Die Qualifikationen, die sie sich durch ihre Mutterschaft angeeignet haben, öffnen ihnen die Türen zu Bereichen, die ihrer täglichen Lebenswelt nahe sind.

Wladimirskaja dazu:

Nach einer derartigen Demotivation durch den Arbeitgeber sucht die junge Frau am Ende in dem Bereich, der ihr am nächsten ist: Sie ist so vertraut mit Fragen rund um das Baby- und Kleinkindalter und die Gesundheit, dass sie sich dafür entscheidet, ihr eigenes Geschäft zu eröffnen.

Einfacher wird es dadurch nicht. Allerdings hilft es, dass die Gründerin mit ihrer Tätigkeit vertraut und die Identifikation mit dem eigenen Business automatisch höher als jene mit einem fremden Unternehmen ist. Es lauern allerdings andere Stolperfallen:

Mit einen Start-Up ist es ähnlich wie mit einem Kind", erklärt Wladimirskaja. "Beide benötigen rund um die Uhr Pflege und Aufmerksamkeit – an sieben Tagen in der Woche. Eine Mutter wird zwangsläufig in einem der beiden Bereiche unter ihrem Leistungspotenzial zurückbleiben. Es ist unwahrscheinlich, dass es das Kind ist, das sie vernachlässigen wird, deshalb wird das Projekt leiden."

Die ideale Lösung für eine solche Situation ist es, für jene Bereiche, die man nicht selbst ausfüllen kann oder will, eine Hilfskraft zu suchen – sofern es die eigene finanzielle Situation erlaubt, die damit verbundenen zusätzlichen Kosten zu tragen.

Geschäftsidee: Überraschungsrucksack für lange Reisen

Die Plattform Russia Beyond The Headlines (RBTH) hat kürzlich beispielhaft drei Unternehmen vorgestellt. Sie wurden von jungen Frauen aus der Notlage heraus ins Leben gerufen, weil sie nach der Geburt ihrer Kinder keine Festanstellung mehr finden konnten.

Ein Haus aus dem 3D-Drucker des Moskauer Start-Ups Apis Cor.

Eines davon ist Orgamamzer. Die von Elena Sitarskaja und Anna Swerdlowa gegründete Firma stellt Überraschungsrucksäcke her, deren Inhalt Kindern helfen soll, sich auf längeren Reisen die Zeit zu vertreiben. In den Rucksäcken befinden sich Puzzles, Bücher, Spielzeug, Ton und andere Utensilien, die es Kindern ermöglichen, sich zu beschäftigen.

Sitarskaja sah sich zu dieser Idee durch ihre Tochter inspiriert, die sich während einer Fahrt nach Thailand ständig geweigert hatte zu schlafen und stattdessen nur am iPad spielen wollte. Das Orgamamzer-Set wäre dazu eine mögliche Alternative.

Gegenüber RBTH erklärte die Gründerin:

Meine Erfahrung als Psychologin half mir auch, das Set zu kreieren. Über zehn Jahre hinweg hatte ich in einer Schule für schwer erziehbare Kinder gearbeitet. Annas Idee war es, die Idee mit dem Set zur Geschäftsidee zu machen. Die ersten fünf haben wir gemeinsam zusammengestellt. In sage und schreibe einer Stunde, nachdem wir die Bilder auf Instagram gestellt hatten, waren sie verkauft.

Im ersten Jahr stieg die Zahl der abgesetzten Überraschungsrucksäcke auf bis zu 150 im Monat an. Der Vertrieb erfolgt hauptsächlich über soziale Medien. Die Inhalte ändern sich laufend, die Gründerinnen holen laufend das Feedback ihrer Kunden ein. Derzeit verkaufen sie russlandweit. Perspektivisch wollen sie auch ins Ausland expandieren, sogar in die USA, da es dort überraschenderweise keine Produkt gleicher Art auf dem Markt gibt.

Von der Investmentbankerin zum Lerncoach

Gülnaz Sagitdinowa ist eine weitere Gründerin, die ihr Unternehmen auf dem Markt etabliert hat, während sie noch zu Hause ihr Kind betreut hat. Sagitdinowa hat zuvor in einer Investmentfirma gearbeitet. Seit ihrer Kindheit interessiert sie sich für Mathematik. Als ihre Tochter zur Welt kam, war jedoch auch die Kindesentwicklung ein Thema, das sie Tag für Tag beschäftigt hat.

Screenshot "MamKompanya"

Sagitdinowa entschied sich, ihr Geschäftsfeld dorthin zu verlegen. Mittels eines Kursprogramms erlangte sie einen international zertifizierten Trainer-Grad und bereitete zwei Jahre lang ein Portfolio an passenden Angeboten für Kinder vor.

Auch an Robotern wird gebastelt: Start-ups die es in Russland schaffen, schaffen es überall.

Vor einem Jahr entstand daraus das Unternehmen QuantUM. Der Name kommt vom russischen Wort "um", das für Geist und Verstand steht. Im Vordergrund stehen Bildungscoaching und Lernbetreuung. Die Werbung vollzog sich auch hier über die sozialen Medien, später vorwiegend über das Empfehlungsmarketing. Die Anzahl der Kinder, die QuantUM betreut, hat sich um das Zehnfache erhöht.

Gülnaz Sagitdinowa zieht eine erste Bilanz:

Seitdem ich das Zentrum eröffnet habe, stoße ich auf zwei Probleme. Die unterschiedlichen Aufgaben, die sich mir stellen, erfordern unterschiedlichste Kompetenzen - gleichsam als Anwältin, Marktanalystin, Personalwirtschafterin. Außerdem darf das Projekt nicht zu Lasten der Familie gehen, für dieman nun erheblich weniger Zeit hat.

Freizeit organisieren für sich und andere Familien

Demfira Grischina wiederum hat das Familienzentrum MamKompaniya und die dazugehörige Online-Plattform in Tula gegründet. Die Plattform ist eine Art Drehscheibe für alles, was mit der Mutterschaft und mit Aktivitäten zu tun hat, an denen Familien mit ihren Kindern teilnehmen.

Grischina hatte vor der Geburt ihres Kindes als Journalistin bei einem lokalen Fernsehsender gearbeitet und später auch als Redakteurin einer Onlinepublikation. Die Idee zu MamKompaniya und damit der Schaffung einer Freizeitplattform für Familien hatte sie zusammen mit drei Freundinnen vor acht Jahren. Anfangs aus der Notwendigkeit geboren, Freizeitgestaltung für sich selbst und die Kinder zu organisieren, wuchs diese Idee in die Breite. Mit Fortdauer der Zeit warf sie Gewinn ab.

Die Gründerin zu ihrem Projekt:

Am Ende haben wir das MamKompaniya-Familienzentrum gegründet, um Aktivitäten für schwangere Frauen und Kinder bis zum Alter von sieben Jahren anzubieten. Wir haben es mit dem Geld finanziert, das wir aus der Organisation von Massenveranstaltungen für Familien eingenommen hatten, etwas, das wir parallel zum Familienzentrum in Angriff genommen hatten. Das war und ist die eigentliche Cash-Cow für unser Geschäft, denn wir machen bei MamKompaniya auch viele Dinge, die keinen Gewinn abwerfen oder uns sogar Geld kosten.

MamKompaniya hat schon einige Höhen und Tiefen hinter sich, erklärt die Gründerin. Einerseits ist die Fluktuation groß, weil sich mit zunehmendem Alter der Kinder die Eltern immer mehr verabschieden. Andererseits kommen neue Kunden dazu, die wiederum andere Kurse und Aktivitäten nachfragen. Für Demfira Grischina eine Entwicklung, die stetige Anpassung erfordert.

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