Börsenboom trotz politischer Unsicherheiten: Das billige Geld treibt die Konjunktur

Börsenboom trotz politischer Unsicherheiten: Das billige Geld treibt die Konjunktur
Der Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron am Wahltag am 23. April 2017.
Dem französischen Präsidentschaftskandidaten Emanuel Macron wird die Nähe zu transatlantischen Finanzeliten nachgesagt. Sein sicheres Abschneiden beim ersten Wahlgang lässt die Börsen jubeln. Trotz politischer Unsicherheiten laufen die Geschäfte gut.

Die Erleichterung ist groß: Der Erfolg des EU-freundlichen französischen Kandidaten Emmanuel Macron bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen beflügelt die Stimmung der Anleger. Der deutsche Aktienindex kletterte nach wochenlangem Anlauf auf seine fast genau zwei Jahre alte Bestmarke von 12.390 Punkten am Montag auf ein Rekordhoch von 12.456 Zählern.

Und das, obwohl viel Unsicherheit bleibt: Brexit-Verhandlungen, ein unberechenbarer US-Präsident, drohende Handelsschranken als Bremsklotz für den Export. Und in Frankreich entscheidet erst eine Stichwahl zwischen Macron und der Rechtspopulistin Marine Le Pen am 7. Mai über die politische Zukunft der zweitgrößten Volkswirtschaft des Euroraums.

Was treibt die Kurse an den Börsen?

Wichtigster Schmierstoff ist seit Jahren das billige Geld der Notenbanken. Über Minizinsen und billionenschwere Kaufprogramme fluten die großen Zentralbanken die Märkte mit Liquidität. Und die landet oft an den Aktienhandelsplätzen, weil andere Anlagen wie Festgeld oder Anleihen von Staaten mit sehr guter Kreditwürdigkeit wie Deutschland kaum noch etwas abwerfen. Zwar zieht die US-Notenbank Fed die Zügel schrittweise an. Zuletzt erhöhte sie den Leitzins auf eine Spanne 0,75 bis 1,0 Prozent und stellte weitere Zinsanhebungen in Aussicht.

Doch im Euroraum bleibt Geld absehbar ultrabillig: Die Europäische Zentralbank (EZB) verlängerte ihre milliardenschweren Käufe von Staats- und Unternehmensanleihen bis Ende 2017 und macht vorerst keine Anstalten, das Nullzinsniveau zu verlassen. Die politische Unsicherheit sei zwar so hoch wie lange nicht, meint Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer:

Aber an den Finanzmärkten ist davon nichts zu spüren, dort herrscht Sorglosigkeit.

Die Zentralbanken sedierten das Risikobewusstsein der Anleger.

US-Präsident Donald Trump wird an den Finanzmärkten gefeiert - warum?

Börsianer in den USA sind in Feierlaune. Auch wenn die Euphorie zuletzt etwas nachließ, legte das altehrwürdige US-Börsenbarometer Dow Jones Industrial im ersten Jahresviertel 2017 um gut viereinhalb Prozent zu. Am 25. Januar durchbrach der US-Leitindex erstmals die 20 000-Punkte-Schallmauer. Präsident Donald Trump jubelte umgehend auf Twitter:

Armenspeisung einer orthodoxen Kirche in Athen, Griechenland, 15. Februar 2017.

Great! #Dow20K».

Beflügelt wird die dortige Rekordjagd von der Hoffnung auf Steuergeschenke, laxere Vorschriften für Banken sowie Wirtschaftsimpulse der neuen US-Regierung.

Warum legt der MDax noch stärker zu als der Dax?

Der kleine Bruder des deutschen Leitindex Dax eilt seit geraumer Zeit von einem Rekord zum nächsten. Auch im langjährigen Vergleich steht er besser da als das wichtigste deutsche Börsenbarometer.

Der MDax ist der Star unter den Indizes der Dax-Familie», kommentierte jüngst die DZ Bank.

Das Erfolgsgeheimnis: Die dort notierten 50 mittelgroßen Konzerne besetzen häufig Nischen und sind dort Weltmarktführer. Erfahrungsgemäß leiden sie weniger unter weltpolitischen Turbulenzen als Dax-Unternehmen, die in allen Schlüsselmärkten aktiv sind und keiner Krise wirklich ausweichen können.

Locken steigende Aktienkurse in Zeiten des Zinstiefs Anleger an?

Das könnte man erwarten, doch das Gegenteil ist der Fall. In Deutschland sank die Zahl der Aktionäre im vergangenen Jahr sogar wieder knapp unter die Neun-Millionen-Marke. Nur jeder siebte Bundesbürger steckt nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts (DAI) Geld in Aktien und/oder Fonds.

Der Anteil der Aktionäre an der Bevölkerung über 14 Jahre stagniert bei 14 Prozent. In den USA sind es 52 Prozent - was aber auch daher rührt, dass dort der Staat die Altersvorsorge über Aktien und Fonds steuerlich fördert. «Der Deutsche investiert und spart falsch», urteilt der Präsident des deutschen Fondsverbandes BVI, Tobias Pross.

Nicht mal das Schreckgespenst Negativzinsen bringt einen rational denkenden Menschen dazu, sich mit dem Thema Kapitalanlage intensiv auseinanderzusetzen, so Pross.

Wer profitiert vom Höhenflug an den Aktienmärkten?

Die Kursrally spült vor allem Profi-Investoren wie Versicherungen, Vermögensverwaltern und Pensionskassen Geld in die Kasse - und die kommen mehrheitlich aus dem Ausland. Denn in Deutschlands erster Börsenliga haben ausländische Investoren das Sagen: Ihnen gehören nach Angaben der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) mehr als 70 Prozent der Anteile der 30 Dax-Unternehmen.

Wie geht es an den Aktienmärkten weiter?

Experten warnen vor allzu großer Euphorie, meldet DPA.

Die Umsetzung der Wahlversprechen ist wohl schwieriger als von vielen Marktteilnehmern erwartet, schreibt Helaba-Analyst Reinwand mit Blick auf die USA.

Anfällig seien US-Aktien auch aufgrund eines hohen Anteils kreditfinanzierter Käufe. Die DZ-Bank verweist dagegen auf ein für Aktienmärkte grundsätzlich positives Umfeld:

Neben der weltwirtschaftlichen Beschleunigung, die sich erstmalig seit einigen Jahren in deutlich steigenden Unternehmensgewinnen niederschlagen sollte, erwarten wir auch nur einen moderaten Anstieg von Zinsen und Inflation.

Jens Wilhelm, Vorstandsmitglied der Fondsgesellschaft Union Investment, sieht es so:

Das Börsenjahr droht unruhig zu werden, da vieles im Umbruch ist.

 

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