RT-Deutsch Exklusiv-Interview: "Syrische Energiereserven primärer Treiber für Konflikt"

RT-Deutsch Exklusiv-Interview: "Syrische Energiereserven primärer Treiber für Konflikt"
Bildquelle: Anas Ouchen
Die EU hat keine Handhabe gegen Turkish Stream. Gleichzeitig werden Ankara und Moskau im Wege ihrer Energie-Kooperation Win-Win-Situationen für sich und Dritte schaffen. Dies und mehr erläuterte Energiewirtschaftsexperte Gürkan Kumbaroglu gegenüber RT Deutsch.

Im Interview mit RT-Deutsch-Redakteur Ali Özkök hat sich der Präsident der Internationalen Vereinigung für Energiewirtschaft, Gürkan Kumberoglu, im Rahmen des Valdai Clubs zur türkisch-russischen Energiekooperation geäußert.

Außerdem hat er einen Blick auf den europäischen Markt geworfen. Ankara verfolgt zusammen mit Moskau eine Strategie zur langfristigen Versorgung von Süd- und Südosteuropa mit Energie, erklärt Kumberoglu. Außerdem vermutet der Experte eine gezielte Destabilisierungskampagne westlicher Staaten, die sich auf diese Weise selbst Energiequellen im Nahen Osten sichern wollen.

Im Detail äußerte sich Kumberoglu gegenüber RT Deutsch wie folgt:

Nach einer Phase der Spannung in Anbetracht der Lage in Syrien haben die Türkei und Russland ein neues Kapital in ihrer Zusammenarbeit aufgeschlagen. Wie wichtig war dieser Schritt für die Entwicklung des regionalen Energiemarktes?

Die Türkei ist Gazproms zweitgrößter Markt. Gazprom ist der günstigste Energielieferant der Türkei. Das neue Kapitel der Zusammenarbeit schafft eindeutig eine Win-Win-Situation. Russland und die Türkei gewinnen, auch die Region insgesamt profitiert. Diese neue Zusammenarbeit wurde mit der Ratifizierung des Pipelineprojekts Turkish Stream zementiert. Russland errichtet zudem das erste Atomkraftwerk in der Türkei, dessen Bau unter dem Eindruck der neuen Zusammenarbeit an Dynamik gewinnt.

Die Auftrittsverbote für türkische Politiker und das gewaltsame Vorgehen der niederländischen Polizei in Rotterdam könnten dauerhaften Schaden in den bilateralen Beziehungen nach sich ziehen.

Für die regionalen Energiemärkte bedeutet das alles, dass mehr Energieressourcen zur Verfügung stehen, die eine erschwinglichere und zuverlässigere Energieversorgung garantieren. Die Türkei steht dieses Jahr dem Energie-Klub der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit vor, die von Russland und China dominiert wird. Alle Entwicklungen deuten darauf hin, dass sich die Zusammenarbeit der beiden eurasischen Länder Türkei und Russland intensivieren wird. Die Zusammenarbeit könnte sich auf die weitere Region ausweiten. Dementsprechend dürften im eurasischen Raum neue Energiemärkte entstehen, ähnlich wie zuvor die nordischen oder europäischen Energiebörsen. Drittmärkte werden zur Win-Win-Situation zwischen der Türkei und Russland beitragen.

Die Türkei und Russland haben den Bau der Turkish-Stream-Pipeline beschlossen. Zuvor hatte die EU das russische South-Stream-Projekt verhindert. Glauben Sie, Brüssel könnte nun auch die Türkei unter Druck setzen, um Turkish Stream zu verhindern?

Die Türkei ist ein unabhängiges Land. Sie ist nicht Mitglied in der Europäischen Union und damit nicht an die europäische Gesetzgebung gebunden. Brüssel kann ihre EU-Rechtsvorschriften gegenüber der Türkei auf dieser Basis und auch machtpolitisch nicht durchsetzen. Die Türkei hat einen Antrag zum Eintritt in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft eingereicht. Der Antrag stammt aus dem Jahr 1959. Brüssel begann erst 2005 mit Beitrittsverhandlungen.

Angesichts dieser historischen Beziehung und Ausstiegstendenzen in der EU, die zur Ernüchterung in der Türkei geführt haben, glaube ich auch nicht, dass es in der Türkei noch eine große Euphorie für die EU und einen möglichen Beitritt gibt. Brüssel ist aus dieser Perspektive schlichtweg nicht in der Lage, Ankara effektiv unter Druck zu setzen.

Ankara verfolgt auch ein eigenes Energieprojekt mit Aserbaidschan, die Trans-Anatolische Pipeline. Ist das Projekt eine Konkurrenz zu Russlands Turkish Stream?

Logo des österreichischen Energieunternehmens OMV auf dem Gebäude des Hauptquartier in Wien.

Die Fortsetzung der Trans-Anatolischen Pipeline, abgekürzt TAP, wird voraussichtlich Erdgas nach Südeuropa liefern. Das Erdgas wird bis nach Italien transportiert. Eine explizite Verteilung für Südosteuropa steht nicht im Fokus. Der weitere Verlauf der Turkish-Stream-Pipeline, die vorerst noch an der türkisch-griechischen Grenze endet, muss hingegen noch bestimmt werden. Es wird erwartet, dass sich die europäische Verlegung von Turkish Stream schwerpunktmäßig auf Südosteuropa konzentrieren wird. Insofern betrachte ich die Umsetzung beider Projekte als sich gegenseitig ergänzend. Es wird Südosteuropa sein, das in erster Linie von Russlands Turkish-Stream-Projekt profitieren wird. Es scheint, als ob das erste EU-Land nach Griechenland, das auf Turkish Stream zurückgreifen wird, Kroatien wäre. Die Nicht-EU-Länder zwischen Griechenland und Kroatien werden ebenso profitieren. Italien hingegen wird mit Erdgas aus dem kaukasischen Turkstaat Aserbaidschan versorgt.

Zu gegebener Zeit wird eine proaktive Energie-Diplomatie erforderlich sein, um wirtschaftliche und machbare Routenoptionen im Einklang mit den infrastrukturellen Investitionsanforderungen ausfindig zu machen. Der europäische Erdgasbedarf wird voraussichtlich mit Südosteuropa an der Spitze steigen. Diese Entwicklung wird Energie aus der Türkei über Turkish Stream und die Trans-Anatolische Pipeline gefragter denn je machen, was auch Russland zugute kommt.

In einem kürzlich erschienenen Interview mit der türkischen Tageszeitung Yeni Safak sagten Sie, dass die Rolle von Energieressourcen im Syrien-Konflikt berücksichtigt werden sollte. Was meinten Sie damit?

Ich bin der Meinung, dass Energie direkt oder indirekt ein primärer Treiber für den Konflikt in Syrien ist. Syrien und der Irak zählen zu den wenigen Orten auf der Welt, wo große Erdöl- und Erdgasreserven, ob exploriert oder noch nicht, kaum ausgeschöpft sind.

Baschar al-Assad: „Was wollen die Amerikaner in Syrien? Sie haben fast alle Kriege verloren!“

Es ist der Wunsch vieler, die den Konflikt befeuern, diese Energiequellen und die damit zusammenhängenden Wege zu kontrollieren. Mit dem Energiehandel ist ein enormer wirtschaftlicher Nutzen verbunden. Das fragwürdige westliche Interesse an Syrien und am Irak geht bis in osmanische Zeiten zurück, als erste große Erdölvorkommen im Reich entdeckt wurden. Unter diesem Eindruck beobachten wir seit Jahrzehnten anhaltende Destabilisierungsversuche im Nahen Osten, wobei Öl- und Gaseinnahmen die Konflikte anheizen.

Derzeit stellen der Öl- und der Gashandel zudem die Haupteinnahmequellen für terroristische Gruppen dar, was ebenso Fragen aufwirft. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass die schwersten militärischen Zusammenstöße im Nahen Osten hauptsächlich an Orten stattfinden, wo große Pipeline-Routen verlaufen oder Strecken geplant werden. Während also in Nahost ein Kampf um die beste Positionierung für Energielieferungen nach Europa stattfindet, erwies sich die europäische Flüchtlingspolitik unter dem Gesichtspunkt des täglichen Leids in Syrien als Beispiel für völliges Versagen.

ForumVostok