Ex-Energieminister Jussufow: "US-Schieferöl wird Russland und OPEC nicht in die Quere kommen"

Ex-Energieminister Jussufow: "US-Schieferöl wird Russland und OPEC nicht in die Quere kommen"
Igor Jussufow hält die Zeit reif für einen US-amerikanisch-russischen Energiegipfel.
Im Interview mit dem Wall Street Journal zerstreute der frühere russische Energieminister Igor Jussufow Befürchtungen, die US-Frackingunternehmen könnten den Erdöldeal mit der OPEC unterlaufen. Jussufow setzt große Hoffnungen auf US-Außenminister Tillerson.

Der ehemalige russische Energieminister, Igor Jussufow, hat am Freitag Bedenken zurückgewiesen, die Ölschieferförderer aus den USA könnten sich infolge der gedrosselten Erdölfördermengen in Russland und dem Nahen Osten Marktanteile verschaffen, zu denen sie sonst keinen Zugang hätten. Die Amerikaner wüssten, dass es verbotene, sogenannte No-Go-Zonen gäbe, die sie nicht überschreiten würden.

Igor Jussufow, der in den Jahren 2001 bis 2004 Energieminister der Russischen Föderation war, erklärte, dass die US-Ölschieferproduzenten gar nicht ernsthaft versuchen würden, in den zentralen OPEC-Märkten und dem russischen Markt Fuß zu fassen. Die Preise seien dort zu niedrig, als dass die Wettbewerber aus den Vereinigten Staaten dort konkurrenzfähig sein könnten.

Tatsache ist, dass Schieferöl und -gas in solchen Märkten gut laufen, die auf einem bestimmten Preisniveau beginnen", zitiert ihn das Wall Street Journal.

Symbolbild

Die OPEC, die Organisation der Erdöl exportierenden Länder, hatte Ende letzten Jahres zusammen mit Russland und anderen Ölproduzenten, die nicht in der OPEC organisiert sind, vereinbart, die Ölfördermenge zu senken. Auf diese Weise sollte der Rohstoff durch künstliche Verknappung global im Preis steigen. Das Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage hatte Ende 2014 die Märkte erschüttert und ließ die Preise fallen, bevor sie sich vor kurzem auf einem Niveau von rund 53 Dollar pro Barrel stabilisieren konnten.

Einige Experten sind der Meinung, dass die Drosselung der Fördermengen durch Russland und die OPEC-Staaten zur Folge haben könnte, dass sich von der Vereinbarung unabhängige Förderer wie die USA und Kanada Anteile an Märkten sichern könnten, zu denen sie zuvor keinen Zugang hatten. Als Beweise dafür führen sie gestiegene Produktionsmengen in Texas oder Oklahoma an und weisen weiter darauf hin, dass die Gesamtfördermenge in den Staaten vergangene Woche auf einen Rekordwert von neun Millionen Barrel pro Tag angestiegen ist.

Herr Jussufow, der Vorstandsvorsitzender des staatlich kontrollierten Ölkonzerns Rosneft war, anschließend im Vorstand von Gazprom tätig und der mittlerweile die von ihm gegründete, private Moskauer Investmentgesellschaft Fund Energy leitet, weist jedoch darauf hin, dass der Weltmarkt die steigende US-Ölproduktion bewältigen kann.

Der weltweite Kraftstoffbedarf wird aufgrund des wirtschaftlichen Fortschritts in Asien und teilweise in Europa wachsen. Meiner Meinung nach wird es für alle Öl- und Gasproduzenten einen Platz auf dem Markt geben.

Investoren müssten abwarten und sehen, ob die versprochenen Drosselungen durch die OPEC, Russland und andere wirklich in die Tat umgesetzt würden. Er selbst aber sei optimistisch, meinte Jussufow.

Vereinbarungen dieser Art sind für die Unterzeichnenden nicht bindend, sie zeigen lediglich die Bereitschaft und den Willen der Produzenten, den Markt zu stabilisieren. Und wir sehen, dass dies geschehen wird.

Als Energieminister strebte Jussufow bereits im Jahr 2001 eine ähnliche Vereinbarung mit der OPEC an. Bei dem damaligen Treffen in Wien gab Russland seine Absicht bekannt, die Produktion um 140.000 Barrel pro Tag zu senken.

Im Jahr 2001 wurde das Ziel erreicht: Die Ölpreise stabilisierten sich wie erwartet zwischen 20 bis 25 US-Dollar, was wir dann als gerechtfertigten Preis betrachteten."

Die aktuelle Vereinbarung sieht vor, dass Russland die Produktion um 300.000 Barrel pro Tag senkt. In Anbetracht der Tatsache, dass allein im vergangenen Oktober insgesamt 47 Millionen Tonnen Rohöl in Russland gefördert wurden und dies 3,9 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Jahres zuvor entspricht, scheint sich die starke Drosselung an der erhöhten Produktion zu orientieren.

Jussufow verriet zudem, dass er Donald Trumps Kandidaten für das Amt des Außenministers unterstützt. Dabei handelt es sich um Rex Tillerson, den Präsidenten und Geschäftsführer des Erdölkonzerns ExxonMobil. Die beiden sollen sich seit dem Jahr 2002 kennen, als sie zusammen an Öl-Projekten in Russland gearbeitet hatten. Der ehemalige Minister wünscht sich einen US-amerikanisch-russischen Energiegipfel, an dem möglicherweise auch Tillerson teilnehmen könnte, um für US-Investitionen auf dem russischen Erdölmarkt zu werben.

Der mögliche künftige Außenminister Rex Tillerson spricht auf  der IHS CERAWeek 2015 Energie-Konferenz in Houston, Texas.

ExxonMobil musste 2014 auf Grund der Sanktionen eine Vereinbarung mit der Russischen Föderation über ein Offshore-Ölförderprojekt im arktischen Kara-Meer fallenlassen. Dieses hätte Einnahmen in Höhe von 500 Milliarden US-Dollar versprochen. Bereits im Jahre 2011 hatte Tillerson mit dem russischen Energieriesen Rosneft einen Vertrag über den Zugang Exxons zu Ölfeldern im russischen Teil der Arktis abgeschlossen. Im Gegenzug wurde Rosneft über Anteile an einer Reihe von Projekten Exxons in den USA beteiligt.

Rex Tillerson unterhält bereits seit der Jelzin-Ära geschäftliche Beziehungen zur Russischen Föderation. Auf einer Aktionärsversammlung im Mai 2014 kritisierte er die Sanktionen, die vonseiten westlicher Staaten im Zusammenhang mit der Ukrainekrise gegen Russland verhängt wurden:

Wir befürworten Sanktionen generell nicht, weil wir denken, dass diese nicht effektiv sein werden, wenn sie nicht umfassend und sehr durchdacht umgesetzt werden – und das ist sehr schwierig.

Wir ermutigen die Leute, die solche Entscheidungen treffen, darüber nachzudenken, dass sie die sehr breiten Kollateralschäden bei denjenigen mitbedenken, die sie tatsächlich mit ihren Sanktionen treffen.

Bevor Tillerson selbst im Russlandgeschäft des Konzerns die Zügel in die Hand nahm, hatte sein Vorgänger, der damalige CEO Lee Raymond, im Jahr 2003 versucht, die Kontrolle über den damals führenden Ölversorger Yukos zu übernehmen. Diesen leitete der später wegen Steuerdelikten und gewerbsmäßigen Betrugs verurteilte Oligarch und nunmehrige Oppositionspolitiker Michail Chodorkowski. Präsident Putin vereitelte den Deal, weil er verhindern wollte, dass ein russisches Schlüsselunternehmen in ausländische Hände fällt.

Bedingt durch die Wirtschaftssanktionen gegen Russland waren im vergangenen Jahr besonders chinesische Investoren im russischen Energiesektor aktiv. Diese "umfangreichen Investitionen in den russischen Öl- und Gassektor unter Ausschluss amerikanischer Unternehmen sollte die Entscheidungsträger sowohl in Moskau als auch in Washington dazu veranlassen, die gegenwärtige Situation zu analysieren", erklärte Jussufow im Interview mit dem Wall Street Journal.