RT Deutsch-Expertenbefragung zur russischen Wirtschaft: "Rohstoffabhängigkeit ist noch viel zu hoch"

RT Deutsch-Expertenbefragung zur russischen Wirtschaft: "Rohstoffabhängigkeit ist noch viel zu hoch"
Kudrin erklärte, die weitere Senkung der Inflationsrate müsse zu einem vorrangigen Ziel der russischen Wirtschaftspolitik werden.
Die russische Volkswirtschaft könnte sich in den kommenden zwei Jahrzehnten verdoppeln, wenn die russische Regierung am Reformkurs festhält, so der aktuelle Wirtschaftsberater des russischen Präsidenten, Alexej Kudrin. RT Deutsch befragte Wirtschaftsexperten zu deren Einschätzung der Aussagen Kudrins.

von Ali Özkök

Wenn die russische Wirtschaft weiter in ihrem derzeitigen Tempo expandiert, wird sie das derzeitige Bruttoinlandsprodukt bis 2035 um 150 Prozent erhöhen können. Möglich wären jedoch auch 200 Prozent, sagte der Finanzexperte Alexei Kudrin beim internationalen Gaidar-Wirtschaftsforum in Moskau.

Im Gespräch mit RT Deutsch bestätigte unterdessen der Chefökonom der Eurasischen Entwicklungsbank, Yaroslav Lissovolik, das russische Potenzial für ein deutliches Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren. Er erklärte:

Ich glaube, dass das Ziel, das Bruttoinlandsprodukt der russischen Wirtschaft bis 2035 zu verdoppeln, durchaus machbar und realistisch ist. Moskau kann jetzt früh mit Reformen beginnen. Diese müssen in den Bereichen der Produktivität geschehen, während die Interventionspolitik des Staates in die Ökonomie reduziert werden muss. Das Investitionsklima muss ausgebaut werden. Wenn wir über Wachstum reden, dann müssen wir uns eingestehen, dass der treibende Motor langfristig Investitionen sein werden und nicht der Konsum, wie wir es in den letzten Jahren sehen konnten. Investitionen werden eine zentrale Rolle spielen, was auch die Arbeitsproduktivität des Landes beeinflussen könnte. Wenn also die Investitionen stimmen, könnte die Stärkung der Produktivität zu einem zweiten Standbein Russlands werden. In Sachen Arbeitsproduktivität kann Russland noch viel aufholen. Langfristig kann Russland große Schritte machen, aber es muss Wirtschaftsreformen entschieden durchsetzen.

Ein Selbstläufer werde dies jedoch nicht. "Es wird schwierig, diese Wachstumsrate zu erreichen. Vor der gleichen Aufgabe standen wir bereits vor fünf bis sieben Jahren, aber bisher wurde sie nicht erfüllt", sagte der frühere Finanzminister. Gegenwärtig arbeitet Kudrin in seiner Position als Wirtschaftsberater zusammen mit unabhängigen Ökonomen einen neuen Wirtschaftsplan für den Kreml aus.

Seiner Meinung nach muss die Inflation auf mittlere Sicht wieder auf 2 bis 2,5 Prozent fallen. "Wenn wir von Geldpolitik sprechen, müssen wir die Inflation während des Dreijahresziels der Zentralbank auf unter vier Prozent halten. Mittelfristig sollten wir sie auf 2 bis 2,5 Prozent senken. Das reduziert die Kosten für finanzielle Ressourcen im Land, so dass die Grundlage für langfristiges Geld geschaffen werden kann", führte Kudrin aus.

Lissovolik äußert sich vorsichtiger:

"Mit Blick auf das Reduzieren der Inflation sehe ich die Ziele von Herrn Kudrin kritisch. Es ist besser, sich realistische Ziele zu setzen, als über das Ziel hinauszuschießen. Tatsächlich vermochte es Moskau zuletzt, seine Inflation erfolgreich zu reduzieren. Auf dieser Basis sieht sich Russland sicher motiviert."

Die technologische Lücke, die angesichts internationaler Sanktionen nicht geschlossen werden konnte, bleibe die größte Herausforderung für die russische Wirtschaft in den nächsten zehn bis 15 Jahren. "Das könnte die grundsätzliche Verringerung unserer technischen Kapazität und einen Rückgang des Lebensstandards unserer Bürger bedeuten, weil wir Märkte verlieren werden", fügte der Ökonom hinzu. Angesichts dieses bestehenden Engpasses kommentierte Kudrin:

In den vergangenen fünf bis sieben Jahren stagnierten oder sanken die staatliche Ausgaben für Bildung und Gesundheitswesen. Wir werden zwar keine komplett neue Wirtschaft aufbauen. Wir setzen aber vorerst auf ein Budgetmanöver.

Im Gespräch mit RT Deutsch vermisst auch der Chefredakteur des Finanznachrichtenportals Ostexperte, Thorsten Gutmann, den Reformwillen in Moskau. Dagegen stimmen ihn die russischen Anstrengungen zur Importsubstitution positiv. Er sagte:

Die Rohstoffabhängigkeit Russlands ist nach wie vor zu hoch. Eine weitere Hürde ist die hohe Staatsquote, die mit mangelndem Reformwillen einhergeht. Auch bekannte Probleme wie Korruption und erschwerter Zugang zu Krediten sind nicht überwunden. In nahezu allen Bereichen der Volkswirtschaft besteht Modernisierungsbedarf. Schlüsselsektoren sind zum Beispiel Energieeffizienz, Atomindustrie, Medizintechnik und IT. Als positiv zu bewerten sind Russlands Anstrengungen zur Importsubstitution. Die Agrarwirtschaft ist derzeit die wachstumsstärkste Branche. Hoffnungen machen auch die positiven Signale aus Washington, die auf eine Entspannung der westlich-russischen Wirtschaftsbeziehungen hindeuten.

RT hakte bei Kudrin nach, ob dieser glaubt, dass die internationalen Sanktionen gegen Russland während der Präsidentschaft von Donald Trump in den USA wieder aufgehoben werden könnten. Der Ökonom vermutet, dass Washington das nicht tun werde, solange die Europäische Union ihre Sanktionen aufrechthält.

Das mittlerweile zum achten Mal tagende Gaidar-Wirtschaftsforum fand vom 12. bis zum 14. Januar in der russischen Hauptstadt statt. Zu den Referenten gehörten international renommierte Ökonomen und Politiker. Unter anderem waren der stellvertretende Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), David Lipton, der Vizepräsident der Weltbank für die Regionen Europa und Zentralasien, Cyril Müller, und die stellvertretende Chefökonomin der Weltbank-Gruppe, Ana Revenga, mit von der Partie. Auf russischer Seite nahmen der Premierminister Dimitri Medwedew sowie die Chefs des Finanz- und des Wirtschaftsressorts teil.

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