Pyrrhussieg für die OPEC: Jubel bei Trump und US-amerikanischen Fracking-Unternehmen

Pyrrhussieg für die OPEC: Jubel bei Trump und US-amerikanischen Fracking-Unternehmen
Blumen für die Fracking-Fans. Pumpe der Devon Energy Production Company bei Guthrie, Oklahoma. Archivbild von September 2015.
Die US-Energiewirtschaft jubelt. Sie sieht in der jüngsten Einigung der OPEC, die Fördermengen zu drosseln, den Anfang vom Ende des Ölkartells. Die großen Gewinner sind Donald Trump und die Fracking-Unternehmen.

Die jüngste Einigung der OPEC-Mitgliedsstaaten auf Fördergrenzen in Bezug auf den Ölausstoß stellt auf den ersten Blick vor allem einen Erfolg für die Öl exportierenden Länder dar.

Das Fass Öl der Sorte Brent notiert wenige Tage nach Abschluss der Vereinbarung auf den internationalen Ölmärkten bei 50,71 US-Dollar, der WTI-Index liegt mit 53,46 US-Dollar ebenfalls wieder jenseits der 50-Dollar-Marke. Im Jahresvergleich hat der Ölpreis auf den Weltmärkten damit um 28 Prozent zugelegt. Die Gefahr eines neuerlichen Absturzes scheint mit dem OPEC-Deal von Wien bis auf Weiteres gebannt zu sein.

Symbolbild

Saudi-Arabien, Kuwait und der Irak werden ihre Ölfördermengen dem Deal zufolge um Volumina zwischen 131.000 und 500.000 Fass pro Tag (bpd) reduzieren, die Russische Föderation hat sich ersten Berichten zufolge bereit erklärt, ihren Ausstoß um 200.000 bpd zu drosseln.

Der Iran, der seine Ölexporte nach dem Ende der UN-Sanktionen wiederaufbaut, soll im Laufe des nächsten Jahres von 3,8 auf 3,9 Millionen Fass pro Tag ausbauen, die Nicht-OPEC-Staaten werden dazu aufgefordert, ihre Produktion um 400.000 bpd herunterzufahren. Mit Alleingängen aus diesem Umfeld wird im Allgemeinen nicht gerechnet, da es keinem dieser Staaten zuzutrauen wäre, mit einem antizyklischen Vorgehen gegen das Kartell auf globaler Ebene den Markt aufrollen zu können.

Für eine Reihe von Staatshaushalten ist die Einigung auf OPEC-Ebene mit Erleichterungen verbunden. Die Spielräume werden allmählich wieder größer, die Lagerbestände können abgebaut werden, die Ära der Dumpingpreise scheint fürs Erste vorbei zu sein, auch wenn der Ölpreis immer noch erheblich unter dem Wert von vor zwei Jahren liegt.

Dennoch sind die traditionellen Erdölexporteure nicht die einzigen und möglicherweise auch nicht die größten Profiteure aus dem Deal, der das globale Preisniveau an den Rohstoffmärkten wieder nach oben drücken sollte.

Das US-Wirtschaftsmagazin "Forbes" sieht in der Entscheidung des Ölkartells sogar einen "Pyrrhussieg". Redakteur Christopher Helman rechnet nicht einmal mit einer punktgenauen Umsetzung der Vereinbarung. Er schreibt:

Die OPEC-Entscheidung ermöglicht der Organisation einen Pyrrhussieg, der sie den Klauen der Niederlage entreißt. Sie mussten ein klein wenig Einigkeit zeigen, um zumindest die Ölpreise hochschrauben und die rekordverdächtigen Lagerbestände abbauen zu können. Die Nachrichten sprechen von Ölpreisen, die um etwa neun Prozent auf 50 Dollar das Fass hochgegangen sind.

Nachhaltig ist diese Entwicklung aber nur, wenn Investoren sehen, dass die Regierungen den Deal ratifizieren, ihn danach auch umsetzen und sich an ihn halten. Trotz der Zusicherung, dass es dritten Parteien erlaubt werde, den Ölfluss zu überwachen, wird man einander in großem Umfang ausspionieren und übers Ohr hauen.

Vor allem für Saudi-Arabien könnte die Vereinbarung eine entscheidende Niederlage besiegeln. Die Golfmonarchie hatte, nachdem die Ölpreise im Jahr 2014 bereits drastisch gefallen waren, weiterhin den Markt überschwemmt, als gäbe es kein Morgen. Riad hat sich lange jedwedem Appell vonseiten anderer Öl- und Gasexporteure widersetzt, dem Preissturz durch eine Vereinbarung auf Kartellebene entgegenzuwirken. 

Einige Analysten gehen davon aus, das Vorgehen Riads sei die Konsequenz eines abgekarteten Spiels zwischen den Saudis und ihren Partnern innerhalb der "westlichen Wertegemeinschaft", die das Ziel verfolgen, die Russische Föderation als Großexporteur von Erdöl und Erdgas unter Druck zu setzen.

In den USA erlebte bereits die Fracking-Industrie seit Jahren einen ungeahnten Boom. Je mehr die Amerikaner jedoch auf diesem Wege in der Lage waren, selbst und auf eigenem Territorium Erdöl und Erdgas zu fördern und sich am Ende gar noch anschickten, selbst zur globalen Energie-Exportnation zu werden, umso mehr verlor das Öl als politisches Druckmittel für Riad an Wert.

Solange der Ölpreis auf den Weltmärkten deutlich unter 50 US-Dollar gelegen hatte, waren in den USA Unternehmen, die sich auf Energiegewinnung mittels Fracking spezialisiert hatten, jedoch nicht mehr auf rentable Weise zu führen. Sie stellten reihenweise ihren Betrieb ein oder legten ihre Förderfelder still – was für Riad im Gegenzug eine Stabilisierung des eigenen Weltmarktanteils bedeutete. Im Mai 2016 waren von 1.700 über die gesamten USA verbreiteten Fracking-Arealen, die es auf dem Höhepunkt des Booms gegeben hatte, nur noch 370 übriggeblieben.

Nun beginnt sich der Wind jedoch zu drehen und die steigenden Ölpreise lassen erkennen, wer die tatsächlichen Sieger der OPEC-Vereinbarung sind. Einer davon ist zweifellos der designierte US-Präsident Donald Trump, der die energiepolitische Unabhängigkeit seines Landes zu einem der vordringlichsten Themen seines Wahlkampfs gemacht hatte. 

Er versprach, die bereits unter Obama und Bush weitgehend eingedampften Umweltauflagen weiter zu senken. Darin sieht die US-Politik einen Weg, die Abhängigkeit von ausländischen Energieträgern zu beseitigen. Vor allem sollen Staaten wie Saudi-Arabien, die im Verdacht stehen, mithilfe ihres Reichtums aus dem Ölgeschäft auch Terrororganisationen zu fördern, die Möglichkeit genommen werden, die USA von sich abhängig zu halten.

Der Chef der Internationalen Energie Agentur, Fatih Birol, auf einem Treffen in Rom; Dezember 2015.

Insbesondere bei den Fracking-Unternehmen dürften angesichts der OPEC-Einigung in Wien nun die Sektkorken geknallt haben. Die Börsen nahmen vorweg, was sich auch in den Vorstandsetagen von Unternehmen wie Continental Resources, Apache Corp., Parsley Energy oder Anadarko Petroleum schnell herumspricht: Die Zeit, den Bohrhammer anzuwerfen, scheint wieder angebrochen zu sein.

Während die OPEC bekannt gab, den Ausstoß an Erdöl um 1,2 Millionen Fass pro Tag zurückzufahren, schnellten die Aktienkurse der Fracking-Unternehmen in den USA noch am Tag der Einigung um zwischen elf und 23 Prozent in die Höhe. Wie "Forbes" mitteilt, ist alleine der CEO von Continental Resources, Harold Hamm, an nur einem Tag um drei Milliarden reicher geworden, ohne überhaupt selbst eine unternehmerische Entscheidung getroffen zu haben.

Christopher Helman frohlockt:

Amerikanische Bohrunternehmen sind hingerissen von der Aussicht, dass die OPEC auf großzügige Weise ihren eigenen Marktanteil aufgibt. Die OPEC hat kapituliert. Der Große Amerikanische Ölboom hat überlebt.

Die heimische US-amerikanische Ölproduktion war Anfang 2015 von einem historischen  Höchststand mit 9,6 Millionen bpd auf 8,7 Millionen gefallen. Auf diesem Level hatte sie sich jedoch stabilisiert und hatte bei einem Ölpreisniveau von 45 US-Dollar bereits wieder zu wachsen begonnen.

Weg von Erdöl: Saudi-Arabien will Erdgasproduktion um das Doppelte steigern

Auch bei Erdgas befinden sich die USA auf dem aufsteigenden Ast. Bereits jetzt kündigt die Bundesenergiebehörde an, so berichtet das Wall Street Journal, dass die USA bis zum Jahr 2020 der weltweit drittgrößte Exporteur von Flüssigerdgas (LNG) hinter Australien und Katar sein werden. Wie die Zeitung schreibt, waren die USA in diesem Jahr erstmals seit 60 Jahren Erdgas-Nettoexporteur, zumindest während einer kurzen Phase im September des Jahres und jüngst im November.

Während die Amerikaner in dem Spätherbstmonat mehr als sieben Milliarden Kubikfuß (198,2 Millionen Kubikmeter) Erdgas importiert haben, führten sie selbst 7,4 Milliarden Kubikfuß (209 Millionen Kubikmeter) aus. Etwa ein Jahr zuvor hatte die Regierung in Washington die meisten noch bestehenden Restriktionen für den Export von Rohöl aufgehoben und es Ölkonzernen erstmals seit fast einem halben Jahrhundert möglich gemacht, Rohöl weltweit uneingeschränkt mittels Tankern zu verschiffen.

Demonstranten und Polizisten während einer Kundgebung in Standing Rock, North Dakota, USA, 15. November 2016.

Die USA als globaler Energieexporteur: Diese Entwicklung wird auch die Energielandkarte auf globaler Ebene nachhaltig beeinflussen. Zumal Donald Trump als Präsident zielgerichtet darauf hinarbeitet, dass zumindest zwischen Alaska und der Ostküste ein möglichst ungehinderter freier Wettbewerb zwischen allen Energieträgern stattfinden kann.

Seit den 1970er Jahren standen die USA nie wieder so nahe an der energiepolitischen Unabhängigkeit wie heute. Der globale energiepolitische Ansatz Trumps ist von den Erfahrungen der 70er geprägt. Er sieht die OPEC als den großen Gegenspieler der USA, der den Amerikanern bereits damals mithilfe der Manipulation von Preisen die Chance genommen habe, sich selbst zu versorgen und darüber hinaus noch ein Exportpartner für alle Länder zu werden, die mit den USA eine Energiepartnerschaft eingehen wollen.

Der bereits oben erwähnte Harold Hamm, der als enger Freund des designierten US-Präsidenten gilt, hat schon wenige Tage nach den Wahlen gegenüber Medien geäußert, dass einige Überseepartner, insbesondere Saudi-Arabien, in letzter Zeit von den USA zu wohlwollend behandelt worden wären, obwohl sie nicht das Ausmaß an Vertrauenswürdigkeit gezeigt hätten, das man von Partnern dieser Art erwarten könnte.

Die neue offensive Rolle der Amerikaner auf dem globalen Energiemarkt ist jedoch noch fragil. Eine Kältewelle, wie sie die Vereinigten Staaten in den letzten Jahren mehrfach heimgesucht hatte, könnte bereits eine so hohe Inlandsnachfrage nach sich ziehen, dass der Status als Nettoexporteur rasch wieder verlorengehen kann.

USA: Offshore-Bohrung in der Arktis bis 2022 verboten

Der Ausbau der Frackingtechnologie wird auf der Basis eines stabilen Ölpreisniveaus wieder rentabel. Zusammen mit der Dynamik, zusätzliche Offshore-Drilling- oder LNG-Exportterminals zu erschließen, wie das jüngst von Cheniere Energy in Houston, Texas, erschlossene LNG-Exportterminal am Sabine Pass für mehr als 20 Milliarden US-Dollar, soll das jedoch dauerhaft eine Festigung der US-Positionen auf den Energiemärkten ermöglichen – auch zum Preis eines nachhaltigen Bedeutungsverlustes der Golfmonarchien.

Bereits jetzt befinden sich die USA in einer Situation, in der ihre Gasexporte seit 2010 um mehr als 50 Prozent gestiegen sind. Bis 2020, so schätzt die Citigroup, wird ein Fünftel des Inlandsverbrauchs "from Coast to Coast" ins Ausland verschifft werden. Ein wichtiger Abnehmer sollen die Staaten der Europäischen Union werden, die sich bisher größtenteils aus der Russischen Föderation mit Erdöl und Erdgas versorgen.

Die Hauptabnehmer sind derzeit die unmittelbaren Nachbarn Kanada und Mexiko. Mehrere ambitionierte Pipeline-Projekte sollen den Transport von Öl und LNG auch auf dem Landweg schneller und günstiger machen. Als mögliche Abnehmer fassen die führenden US-Unternehmen jedoch auch Singapur, Südkorea, Indien oder Japan ins Auge.

Dies wird am Ende auch dazu führen, dass die Gazprom als führender Partner des EU-Raums in der Erdgasversorgung zwar theoretisch infolge des besseren Marktzugangs für nordamerikanisches LNG infolge des CETA-Abkommens mehr an Konkurrenz zu erwarten hätte. Die ausgeprägte Planwirtschaft im europäischen Energiebereich wird jedoch ein freies Spiel der Kräfte auch weiterhin nicht erwarten lassen.

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