US-Analyst bei Forbes: "Russische Wirtschaft ist fast über den Berg"

US-Analyst bei Forbes: "Russische Wirtschaft ist fast über den Berg"
Arbeiter am Bau des ZapSibNeftekhim, dem größten petrochemischen Industriekomplex in Tobolsk.
Die westliche Sanktionspolitik sollte die russische Wirtschaft in die Knie zwingen. Stattdessen hat sie überfällige Reformen angestoßen, die Russland langfristig zugutekommen. Analysten sehen das Land wieder als Zukunftsmarkt.

Der Marktanalyst und regelmäßige Kolumnist des bekannten US-amerikanischen Wirtschaftsmagazins "Forbes", Kenneth Rapoza, stellt der jüngsten russischen Wirtschaftsentwicklung ein recht passables Zeugnis aus. Vor dem Hintergrund der Krise, in die das Land in den letzten Jahren infolge von Faktoren wie niedrigem Ölpreis, hohen Kapitalkosten oder Sanktionen gerutscht ist, zeigt sich die Wirtschaft als erstaunlich resilient.

Rapoza erkennt mehrere Eckdaten, die den Schluss zulassen, dass die russische Wirtschaft "fast über den Berg" sei.

Auch Karl Sevelda, der CEO der österreichischen Raiffeisen Bank International, die seit 1990 in der Russischen Föderation tätig ist, rechnet damit, dass die Talsohle durchschritten ist, und erklärt:

Wir bleiben in diesem Markt.

Die Schwäche des Rubels habe sich, so der "Forbes"-Analyst, als Segen für zahlreiche Sektoren erwiesen, insbesondere für die Agrarindustrie. Auch die Erwartung der Zentralbank, wonach die Inflation im nächsten Jahr unter die Sechs-Prozent-Marke fallen dürfte, deutet Rapoza zufolge auf einen Zugewinn an Spielraum bezüglich der Leitzinspolitik hin. Dies sei umso bemerkenswerter, als die westlichen Industrieländer entweder kurz vor einer Erhöhung der Zinsen stehen oder den Offenbarungseid in Form der "Quantitativen Lockerung" der Geldmenge abgegeben hätten.

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Diese Entwicklung bleibt offenbar auch Investoren nicht verborgen. Am Rande der jüngsten Investorenkonferenz "Russia Calling" der in Moskau ansässigen Gesellschaft VTB Capital zeichnete sich ab, dass internationale Geldanleger russische Titel weiterhin als "Buy"-Kandidaten sehen.

Dabei ist der ideale Zeitpunkt für einen Einstieg in den russischen Markt möglicherweise sogar schon verstrichen.

Es ist nicht mehr so günstig, wie es mal war", macht Rapoza deutlich, "aber die Anleihen geben ein großartiges Bild ab und die Börsen werden eine Belebung erfahren, wenn die Zentralbank Recht behält und die Inflation nächstes Jahr sinkt. Der ETF Market Vectors Russia (RSX), der die russische Marktentwicklung anhand des DAXglobal Russia+ Index abbildet, hat ein Plus von 27,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr hingelegt und damit sogar den MSCI Emerging Markets Index abgehängt, der 13,6 Prozent zugelegt hat. Nach oben ist immer noch Raum."

Auch Tadashi Tsukaguchi, ein ehemaliger Derivatehändler für Black Rock und heutiger Manager eines Sicherungsfonds bei der Spezialisierten Forschungs- und Investmentgruppe (SPRING) in Tokio, sieht für die russische Marktentwicklung ein deutliches Aufwärtspotenzial:

Wenn wir davon ausgehen, dass die Zentralbanken Japans, Großbritanniens und der EU hinsichtlich der Quantitativen Lockerung (QE) das Handtuch werfen, und wenn wir glauben, dass die Fed im Dezember den Leitzins erhöhen wird, dürfte sich hinsichtlich der globalen Sicherheiten das Schicksal wenden. Das bedeutet, dass die Märkte der westlichen Industrieländer sich auf eine Abwärtsbewegung einstellen müssen und die Emerging Markets, darunter die zuletzt besonders stark gebeutelten wie Russland, im Aufsteigen begriffen sind.

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Forbes zitiert noch weitere Analysten aus anderen Investmenthäusern. Der Grundtenor ist stets der gleiche: Gut geführte Unternehmen mit mittelgroßer Kapitalausstattung genießen das höchste Vertrauen, der Ölpreis sollte zumindest auf 50 US-Dollar verharren – dann sei Russland ein vielversprechender Markt. Die Wirtschaft habe sich gut auf die Sanktionen eingestellt und sich in manchen Bereichen wie der Agrarindustrie erfolgreich diversifiziert. Die Titel in diesem Bereich seien immer noch unterbewertet und sehr günstig. Der niedrige Rubelkurs hatte zuletzt vor allem die Exporte des Agrobusiness deutlich beflügelt.

Der Präsident der VTB-Bank, Andrej Kostin, erklärte jüngst gegenüber Bloomberg, es sei gerade "eine schlechte Zeit, um eine gut funktionierende Wirtschaft zu haben". Die Fundamentaldaten der Russischen Föderation würden besser, aber externe Kräfte würden gezielt gegen das Land arbeiten. Das Wirtschaftswachstum sei jedoch drauf und dran, in den positiven Bereich zurückzukehren und trotz der Sanktionen seien es vor allem Amerikaner, die in letzter Zeit mehr als die Hälfte der jüngst aufgelegten Anleihen und Beteiligungsoptionen an russischen Unternehmen nachgefragt hätten.

Der Präsident der Russischen Föderation, Wladimir Putin, hatte sich auf dem Forum "Russia Calling", das am 12. Oktober in Moskau stattgefunden hatte, ebenfalls zu Wort gemeldet und unter anderem Fragen der versammelten Fondsmanager beantwortet.

Dabei räumte Putin ein, dass die Sanktionen die russische Wirtschaft durchaus getroffen hätten. Insbesondere der Technologietransfer im Bereich der Öl- und Gasindustrie habe stark darunter gelitten. So konnte ExxonMobil beispielsweise ein geplantes Joint Venture mit dem staatlichen Energiekonzern Rosneft über 720 Millionen Dollar nicht verwirklichen.

Auch die deutsche Forderung nach neuen Sanktionen infolge der russischen Syrienpolitik sei "unglücklich". Die jüngste Absage eines Besuchs in Frankreich sei im beiderseitigen Einvernehmen erfolgt. Putin erklärte, er pflege ungeachtet dessen eine "gute Arbeitsbeziehung" zu Frankreichs Präsident Hollande. Bezüglich der bevorstehenden US-Wahlen erneuerte Putin ungeachtet der gehäuften und aggressiven antirussischen Rhetorik im Wahlkampf, dass Moskau mit jedem US-Präsident zusammenarbeiten werde.

Die Chefin der Zentralbank der Russischen Föderation, Elvira Nabiullina, sprach davon, dass die Zinsen zwar noch hoch seien, jedoch allmählich wieder im Sinken begriffen. Am 16. September senkte die Zentralbank den Leitzins um 50 Basispunkte auf 10 Prozent. Die Inflationsrate sei mit 6,4 Prozent die niedrigste seit zwei Jahren. Nabiullina strebe nach eigener Aussage einen Wert von vier Prozent an:

Das ist das Langzeitziel und darauf wird unsere Geldpolitik auch beruhen, nicht auf dem, was Woche für Woche mit dem Verbraucherpreisindex geschieht.

Zahlreiche potenzielle Investoren machen ihr Engagement in der Russischen Föderation von der Inflationsentwicklung abhängig. Dabei äußerten einige von ihnen Skepsis bezüglich der stetig veränderten Zusammensetzung des Warenkorbs. Deshalb spielen die Fundamentaldaten für die Investmentbanker eine wesentlich wichtigere Rolle.

Am 28. Oktober will Russlands Finanzministerium seinen Budgetentwurf für das nächste Jahr vorlegen, der in allen Bereichen Ausgabenkürzungen beinhalten soll, sogar im Verteidigungshaushalt. Abseits von neuen Steuerregelungen für den Öl- und Gassektor seien Finanzminister Anton Siluanow zufolge keine neuen Steuern im Gespräch.

Das Budget sei in diesem Jahr auf ein Ölpreisniveau von 50 US-Dollar zugeschnitten gewesen. In den Jahren 2017 bis 2019 will man weitere Maßnahmen ergreifen, um Wirtschaft sowie Ausgabenpolitik an ein potenziell noch niedrigeres Ölpreisniveau anzupassen. Das Budgetdefizit soll 2017 auf drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts sinken und in den Jahren darauf noch weiter reduziert werden.

Die Wirtschaft der Russischen Föderation soll sich perspektivisch weiter von der primären Ausrichtung auf die fossilen Energieträger wegbewegen und vor allem durch Konsum und Nettoexporte gestützt werden. Dies ist der Konsens unter allen Verantwortlichen in Politik und öffentlichem Bankwesen. "Forbes" moniert in diesem Zusammenhang, dass diese Ankündigung erstmals bereits 1991 gemacht worden sei. Wie es aussieht, scheint das ungünstige Umfeld den Druck hinsichtlich einer Umsetzung dieses Vorhabens jedoch nun entscheidend verstärkt zu haben.