Die aktuelle BP Statistical Review. Was passierte 2015 auf den weltweiten Energiemärkten?

Die aktuelle BP Statistical Review. Was passierte 2015 auf den weltweiten Energiemärkten?
Lange Jahre redeten Energiepolitiker über „Peak Oil“. Aktuell holen die Erdölunternehmen jedoch mehr Erdöl aus dem Boden als jemals zuvor. Die USA, Saudi-Arabien und der Irak haben 2015 den Markt geflutet. Der weltweite Verbrauch steigt noch einmal deutlich an, womit die Energiewende bis auf weiteres verschoben ist. Das zeigen die aktuellen Daten der BP Statistical Review of Energy, die am vergangenen Mittwoch präsentiert wurden.

von Malte Daniljuk

In kaum einem Themenbereich halten sich falsche Prognosen so hartnäckig wie in der Erdölökonomie. Diese Regel bestätigt sich auch für das Jahr 2015. Seitdem vor zwei Jahren der Preis für Rohöl abstürzte, hält sich beispielsweise die Legende, dass die nordamerikanische Fracking-Produktion „tot“ sei. Angeblich hätte Saudi-Arabien sogar die US-Wirtschaft mit Dumping-Preisen schädigen wollen. Am vergangenen Mittwoch veröffentlichte BP das „wichtigste Zahlenwerk der Energiewirtschaft“, die BP Statistical Review of Energy

Die dort präsentierten Fakten lassen wieder einmal alle Energie-Analysten schlecht aussehen. Das Land, in dem am meisten Erdöl gefördert wurde, heißt auch für das Jahr 2015 wieder: USA. Das gleiche gilt für Erdgas. Die inländische Ölförderung legte gegenüber dem Rekordjahr 2014 noch einmal um enorme 8,5 Prozent zu.

Das machte an jedem einzelnen Tag des Jahres zusätzlich eine Million Fässer Rohöl aus. Mit durchschnittlich 12,7 Millionen Barrel am Tag verteidigen die USA damit souverän ihren erst 2014 errungenen Status als größter Erdölförderer der Welt.

Niemals lagen die Importe von Energie nach Nordamerika niedriger. Täglich sparten die USA fast eine halbe Million Fässer an Einfuhren. Mit 4,8 Millionen Barrel am Tag liegen die Ölimporte nun auf dem Niveau von 1985, also vor dem Beginn der Globalisierung. Was die Zuwächse in der Ölförderung betrifft, folgen auf die USA zwei ihrer engsten Verbündeten.

Saudi-Arabien und der Irak legten im Jahr 2015 ebenfalls neue Rekorde vor. Der Irak, der im Jahr 2003 von den USA besetzt wurde, bricht zwar politisch auseinander, aber die Erdölförderung steigt seitdem unaufhörlich. In 2015 hatte das Land mit zusätzlich 750.00 Barrel am Tag die größte Steigerung nach den USA zu verzeichnen. Saudi-Arabien kommt immerhin auf eine halbe Million Fässer zusätzlich. 

Damit ist die politische Frage, wer gegenwärtig den Weltmarkt für Rohöl flutet, empirisch eindeutig beantwortet. In der Vergangenheit traten die USA hauptsächlich indirekt am Markt auf, wobei sich der rückläufige Einkauf in den letzten Jahren bereits stark auf dem Weltmarkt bemerkbar machte.

Inzwischen importiert das Land nennenswerte Mengen nur noch von seinem engsten Verbündeten, Saudi-Arabien. Verglichen mit dem Vorjahr hielten die USA zwar ihr historisch niedriges Niveau an Rohölimporten. Allerdings begann das Land, das bisher als Anbieter auf dem Weltmarkt gar keine Rolle spielte, nun in größerem Umfang Rohöl zu exportieren. Lagen die Rohölexporte aus den USA im Vorjahr noch bei 17,8 Millionen Tonnen, steigerten sie sich im vergangenen Jahr deutlich auf 24,5 Millionen.  

Bei insgesamt 2,8 Millionen Fässern Erdöl, die täglich zusätzlich auf dem Weltmarkt landeten, kann insofern davon ausgegangen werden, dass diese drei Länder den gesamten Förderzuwachs beinahe alleine gestemmt haben. Der weltweite Verbrauch stieg allerdings nur um knapp 1,9 Millionen Fässer am Tag.

Die Differenz von fast einer Millionen Barrel täglich macht den gewaltigen Überschuss an den Ölmärkten aus, der im gesamten vergangenen Jahr die Preise niedrig hielt. Da die Wertberechnung für sämtliche Brennstoffe auf magische Weise dem Rohölpreis folgt, sanken auch die Ausgaben für Erdgas und Kohle erheblich. 

Insofern ist es unschwer vorherzusehen, dass die Umwelt der Hauptleidtragende der aktuellen Konjunktur in der Energiewirtschaft ist. Insbesondere die Schwellenländer, die in der Vergangenheit aufgrund der extrem hohen Preise zurückhaltend einkauften, steigerten ihren Öl- und Gasverbrauch enorm. Darunter finden sich osteuropäische Länder wie Bulgarien und Ungarn, aber auch die Türkei, die Philippinen, Pakistan und Vietnam. Dies führt dazu, dass der Ölverbrauch 2015 in den Nicht-OECD-Ländern mit 2,6 Prozent deutlich überdurchschnittlich anstieg. 

LNG-Tankschiff in einem asiatischen Hafen

Zwar klingt ein Anstieg um nur 1,1 Prozent in den OECD-Staaten verglichen damit harmlos. Allerdings liegt der Pro-Kopf-Verbrauch in den Industriestaaten erheblich höher als etwa auf den Philippinen. Nach wie vor weisen die USA den mit Abstand höchsten Verbrauch an Rohöl auf. In den USA werden fast 20 Prozent des weltweit geförderten Rohöls verbraucht.

Diese Tendenz wird sich aufgrund der niedrigen Preise sicher fortsetzen. So nahm, laut BP, im vergangenen Jahr der Verbrauch in den USA um 1,6 Prozent zu. Hält man sich dann vor Augen, dass der Ölverbrauch im vergangenen Jahrzehnt in den OECD-Staaten durchschnittlich um 1,1 Prozent zurückging, deuten diese Zahlen etwa an, welche umweltpolitische Katastrophe die niedrigen Preise mit sich bringen.  

Geostrategisch interessant ist, dass die größten förderbaren Ressourcen zwar immer noch im Mittleren Osten liegen. Die höchsten Zuwächse bei neu entdeckten Vorkommen hatte jedoch Südamerika zu verzeichnen. In den vergangenen zehn Jahren wurde die Prognose über die förderbaren Erdölvorkommen um insgesamt 24 Prozent angehoben. Dieser enorme Zuwachs geht vor allem auf den technischen Fortschritt bei den Fördertechnologien zurück. Die neuerdings als „förderbar“ geltenden Reserven liegen vor allem in Tiefseevorkommen vor Brasilien und in Teersanden in Venezuela.

Dort liegt eine gigantische Menge von 222 Milliarden Barrel in Form von schweren Ölsanden im Orinoco-Delta. Nach Schätzungen von BP ermöglichen die jetzt bekannten Vorkommen das gegenwärtige Niveau der Ölverbrennung noch für einen Zeitraum von 50 Jahren, wobei Südamerika das mit Abstand höchste „Reserves-to-production ratio“ aufweist, nämlich 120 Jahre.