„Milchgipfel“ ohne Ergebnisse: Deutsche Bauern leiden weiter unter Sanktionsfolgen

Protestplakat in Brandenburg, Landkreis Havelland.
Protestplakat in Brandenburg, Landkreis Havelland.
Seit mittlerweile zwei Jahren behauptet die EU, ihre Sanktionen gegen Russland wären nötig, um ein Zeichen für „europäische Werte“ zu setzen. Doch der Unmut insbesondere bei deutschen Milchbauern nimmt angesichts sanktionsbedingt fallender Milchpreise massiv zu. Gleichzeitig drängen insbesondere asiatische Länder in die "Milchexportlücke" und investieren Milliarden in den russischen Agrarmarkt.

Zu Beginn der Woche sah sich Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt veranlasst, Bauernvertreter, Molkereien und Großabnehmer wie Supermarktketten zu einem „Milchgipfel“ zu laden, auf dem Maßnahmen beschlossen werden sollten, um dem weiteren Absturz von Erzeugerpreisen entgegenzuwirken. Da deutsche Bauern auf Grund der Sanktionen ihre Produkte nicht mehr nach Russland liefern können, fiel der Preis seit deren erstmaliger Verhängung von etwa 40 auf mittlerweile unter 28 Cent, in besonders drastischen Fällen sogar auf 20 Cent und darunter. Für viele Landwirte wird dadurch der Hof zur bloßen Liebhaberei.

Mit Ausnahme einer Sofortunterstützung in Höhe von 100 Millionen Euro, die für die Betroffenen allerdings eher einen Tropfen auf dem heißen Stein darstellen, ist aus dem ersten Temin des „Milchgipfels“ jedoch lediglich eine Einigung auf einen weiteren „Branchendialog“ übrig geblieben.

Wie die NGO „Foodwatch“ herausfand, scheint die Politik auch kaum über tatsächliche Möglichkeiten zu verfügen, den Preisverfall aufzuhalten. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass auch hochpreisige Milch keine höheren Erlöse für die Bauern nach sich zieht als Billigprodukte, weil die Konsumenten, die teure Milch kaufen, in erster Linie Werbung und Marketing finanzieren. Für die Verbesserung der Ertragssituation bei den Bauern hilft der Kauf teurer Markenmilch nicht.

Auch Appelle und Milchgipfel vermögen den tatsächlichen Grund für die Milchpreismisere nicht zu beseitigen, und dieser liegt im Überangebot auf den heimischen Märkten infolge der Sanktionspolitik. Die flehentlichen Appelle von Fachleuten und Praktikern wie dem Bauernverbandspräsidenten für Mecklenburg-Vorpommern, Rainer Tietböhl, doch endlich die ruinösen Sanktionen zu beenden, stoßen jedoch bisher in Berlin und Brüssel auf taube Ohren.

Selbst im Fall zeitnaher Aufhebungen der Sanktionen dürfte eine Rückkehr deutscher Milchbauern auf den russischen Markt schwerfallen. Nicht nur die russischen Landwirte selbst, die gestärkt aus der Krise hervorgingen und in diesem Jahr bereits ein Gewinnplus von 3,7 Prozent erwirtschaften konnten, sondern vor allem auch Anbieter aus Asien, etwa aus China, Thailand oder Vietnam, haben die Situation genützt, um sich strategisch zu positionieren.

Im Mai etwa unterzeichnete der thailändische Premierminister Prayut Chan-o-cha bei einem Staatsbesuch in Moskau einen Vertrag zum Aufbau einer gigantischen Milchproduktionsanlage im 200 Kilometer südlich von Moskau gelegenen Rjasan im Wert von etwa einer Milliarde US-Dollar. Neben der thailändischen Charoen-Pokphand-Gruppe sind auch der chinesische Konzern Banner Infant Dairy Products, der russische Staatsfonds RDIF und arabische Investoren an dem Projekt beteiligt. Vietnam positionierte sich ebenfalls im russischen Milchsektor mit einer Großinvestition im Großraum Moskau.

Einzig der deutsche Konzern DMK (Humana, Milram, Oldenburger) erlangte von den russischen Kartellbehörden jüngst eine Genehmigung zum Kauf mehrerer russischer Käsehersteller in Woronesch.