Zukunft der Energieversorgung: „Europa ist selbst schuld, wenn es die Entwicklung verschläft“

Zukunft der Energieversorgung: „Europa ist selbst schuld, wenn es die Entwicklung verschläft“
Europas Versorgung mit Energie befindet sich im Umbruch. Im Interview mit RT geht der Experte für Energiepolitik, Malte Daniljuk, auf die globale Entwicklungen in der Außenpolitik und auf den Energiemärkten ein. Den Preissturz bei Erdöl und die Ukrainekrise sieht er als Ausgangspunkte für strategische Veränderungen in der Energiepolitik.

Herr Daniljuk, trotz hochtrabender Pläne und großer Ambitionen beim Klimaschutz und für den Ausstieg aus fossilen Energien stiegen im letzten Jahr die CO2-Emissionen in Europa, während sie in den USA sogar rückläufig waren…. Ist das ein unausweichliches Ergebnis umfassender Planwirtschaft, oder steckt da mehr dahinter?

Grundsätzlich verfolgt die Europäische Union energiepolitische Ziele, die sich vollkommen widersprechen. Einerseits haben die EU-Staaten in Paris ambitionierte Klimaziele unterzeichnet, andererseits befördert die Kommission eine Energieunion, die im Wesentlichen darauf ausgelegt ist, fossile Energieträger weiterlaufen zu lassen. Dabei geht hauptsächlich um Erdgas, das die Kommission rhetorisch als „Brückentechnologie“ in eine schadstoffarme Zukunft verkauft. Tatsächlich geht es natürlich darum, dass die großen Energiemonopolisten ihre Infrastrukturen weiterlaufen lassen können. Schließlich, und das ist ein dritter Aspekt, bestehen nationale oder regionale Interessen, wie etwa in Frankreich, das den größten Teil seiner Stromversorgung aus Atomkraft bezieht, und daran möglichst nichts ändern will.

Das heißt, es bestehen eine ganze Reihe von strukturellen Hindernissen, wenn es um einen Umbau der europäischen Energieversorgung hin zu modernen regenerativen Versorgungsstrukturen geht. Die europäische Energiepolitik scheitert aber eben nicht daran, dass es zu viel „Planwirtschaft“ gibt. Im Gegenteil: Die Länder, die eine eher zentralistische Policy-Planung im Energiebereich betreiben, etwa die USA oder China, schaffen es viel schneller, große industriepolitische Umbrüche zu managen. Ich meine, man muss sich nur vor Augen halten, dass der Anteil von erneuerbaren Energien nirgends schneller wächst als in China. Die USA, wo Energiepolitik als Frage der Nationalen Sicherheit behandelt wird, haben es innerhalb von zehn Jahren geschafft, eine völlig neue Erdöl- und Erdgasindustrie aus dem Boden zu stampfen. Sie waren 2015 der weltgrößte Förderstaat sowohl bei Erdöl als auch bei Erdgas. 

Arbeiter inspiziert Solar-Panel in Dunhuang, China, im September 2013. China investiert seit Jahren in Wind- und Sonnenenergie.
Arbeiter inspiziert Solar-Panel in Dunhuang, China, im September 2013. China investiert seit Jahren in Wind- und Sonnenenergie.

In Europa stagnieren die Zuwächse bei regenerativen Energien. Woran liegt das?

Verglichen mit den USA oder China herrscht in Europa weiter Kleinstaaterei. Zudem rächt sich jetzt, dass in den 1990ern die ehemals staatlichen Energieversorger privatisiert wurden. Wir haben es jetzt mit zahlreichen regionalen Monopolen zu tun, auf die die jeweiligen Regierungen aber keinen direkten Zugriff mehr haben. Man muss sich nur klarmachen, dass mit Vattenfall ein ehemaliges Staatsunternehmen aus Schweden in Deutschland weiter Holz und Kohle verstromt. Technisch gesehen ist das mittelalterlich, aber weder die deutsche noch die schwedische Regierung können diesen Irrsinn einfach beenden. 

Die EU hat also nach wie vor keine gemeinsame Energiepolitik, und das, obwohl die EU der größte Importeur von Brennstoffen ist und einige EU-Staaten zunächst sehr große Fortschritte bei regenerativen Energien gemacht haben. Im Übrigen ging der Verbrauch von Energie in Europa seit dem Jahr 2007 sehr stark zurück, anders als etwa in den USA oder in China. Das liegt aber neben Fortschritten bei der Energieeffizienz auch an der Wirtschaftskrise, daran dass der Primärenergieverbrauch gesunken ist. Insofern bin ich übrigens auch skeptisch bei den von Ihnen genannten Zahlen. Ich nehme an, der genannte Effekt geht eher auf Veränderungen beim Emissionshandel zurück, als dass die EU-Staaten tatsächlich einen signifikant höheren CO2-Ausstoß gehabt hätten.

In absoluten Zahlen, und was den Pro-Kopf-Verbrauch betrifft, liegen die USA jedenfalls weit über den europäischen Werten. Die USA, aber auch Kanada und auch Australien, fahren weiter eine hemmungslose Öl- und Gaspolitik, nach dem Motto: „Hauptsache, es brennt“. Und das, obwohl Barack Obama im Wahlkampf 2008 genau das Gegenteil angekündigt hatte. Ihm scheint zwar Klimapolitik weiterhin ein wichtiges Anliegen zu sein, aber de facto war die Fracking-Politik eine seiner wichtigsten Methoden, um die Wirtschaftskrise zu bewältigen. Die US-Regierung hat die inländische Energieförderung massiv begünstigt, so dass die Energiepreise gesunken sind, und mit ihnen auch die Nettoproduktionskosten. Inzwischen können in den USA aktive Unternehmen sogar beginnen, Erdöl und Erdgas zu exportieren. 

Saudi-Arabien hat in den letzten Jahren einen Preiskrieg gegen die US-amerikanischen Fracking-Unternehmen geführt. Das Ziel war es vermutlich, diese neuen Unternehmen aus dem Markt zu drängen. Soll die EU etwa durch eine Erhöhung der Abnahmemenge eine Art Rettungsprogramm für die US-Industrie aufbauen?

Die Annahme, dass Saudi-Arabien eine Politik gegen US-Unternehmen betreibt, ist in den vergangenen zwei Jahren gerne verbreitet worden. Man muss sich aber klar machen, dass die Verbindung zwischen beiden Staaten, also der Deal „Öl gegen Sicherheit für die arabische Halbinsel“, auf das Jahr 1945 zurückgeht. Seitdem haben beide Länder bei allen zentralen sicherheitspolitischen Herausforderungen zusammengearbeitet. Sei es bei dem Aufbau der Mudschahedin in Afghanistan ab 1979 oder beim Ölpreissturz ab 1986, der die damalige Sowjetunion pro Jahr 20 Milliarden Dollar an Exporteinnahmen gekostet hat. Wenn es um Sicherheits- oder um Energiepolitik geht, passt kein Blatt zwischen diese Partner. Dazu haben sie aus der Vergangenheit zu viele gemeinsame Leichen im Keller, no way…

Also juckt der Fracking-Boom die Saudis gar nicht?

Die Strategie, den Ölpreis zum Einsturz zu bringen, ist eine abgesprochene und gemeinsame Politik zwischen Saudi-Arabien und den USA. Die Leidtragenden, das ist inzwischen nicht mehr zu übersehen, sind andere Förderstaaten, ich nenne jetzt nur mal Aserbaidschan, Brasilien, Russland oder Venezuela, und ihre staatlichen Erdölgesellschaften. Wir haben gerade erlebt, wie Saudi-Arabien, wenig überraschend, auf dem letzten Opec-Treffen gemeinsame Absprachen für einen höheren Ölpreis verhindert hat. Die Preise werden erst wieder auf das alte Niveau vom ersten Halbjahr 2014 steigen, wenn in Algerien, Brasilien, Russland oder Venezuela ein Regime-Change stattgefunden hat und die dortigen Ölgesellschaften von den internationalen Multis privatisiert wurden. 

Proteste gegen die Fracking-Politik von Barack Obama, hier mit Schauspielerin Daryl Hannah vor dem Weißen Haus in Washington, August 2013.
Proteste gegen die Fracking-Politik von Barack Obama, hier mit Schauspielerin Daryl Hannah vor dem Weißen Haus in Washington, August 2013.

Was die EU betrifft, hat Ihre Vermutung aber eine sehr reale Grundlage: Seitdem die Öl-und Gasförderung in den USA gestiegen ist, also spätestens seit dem Jahr 2011, gab es die Frage, wohin die dort aktiven Unternehmen eigentlich Energieüberschüsse exportieren können. Die Antwort zielte von Anfang an auf den größten Energieabsatzmarkt der Welt, auf Europa. Bereits in den ersten energiepolitischen Diskussionen in dieser Zeit ging es darum, etwa Flüssiggas aus den USA und Kanada in die EU zu exportieren. Darauf hat sich die gesamte Fracking-Industrie ausgerichtet, und natürlich auch die Dienstleister, also Reedereien und Raffinerien. Inzwischen hat Barack Obama die „Energiesicherheit Europas“ sogar in der Nationalen Sicherheitsstrategie verankert, das heißt, alle Institutionen und Parteien müssen dieses Ziel unterstützen, auch über seine Legislaturperiode hinaus. Die Fracking-Exporte in die EU sind also erstens lange geplant und zweitens absolute außenpolitische Priorität. 

Also doch ein Rettungsprogramm in eigener Sache? 

Vielleicht ist „Rettungsprogramm“ nicht das richtige Wort, weil es sehr reaktiv klingt. Eine wirkungsvolle energiepolitische Strategie muss vom Bohrloch bis zum Endabnehmer reichen. Es war also spätestens im Jahr 2012 klar, dass die amerikanische Außen- und Energiepolitik versuchen muss, andere Anbieter, namentlich Russland, vom europäischen Energiemarkt zu verdrängen. Das hat etwa Leonardo Maugeri, ein ehemaliger Manager des italienischen Energieunternehmens ENI, schon früh festgestellt. Obama hat dafür einen eigenen Spezialbeauftragten im Außenministerium eingesetzt, David Goldwyn, der diese Strategie schon 2012 recht offen in der New York Times vorgestellt hat.

Das ist ein Aspekt, der auch bei den Ursachen für die Ukraine-Krise sicher nicht vergessen werden darf. Barack Obama hat später das Fallbeispiel Ukraine einmal eine „Blaupause für die Verbindung von Außen- und Energiepolitik“ genannt. Obama gilt als Exponent einer „realistischen Außenpolitik“. In dieser Tradition sind Ressourcen und Technologien wichtige Instrumente der Außenpolitik, d.h. zu seiner Fracking-Politik gab es von Anfang an auch außenpolitische Überlegungen.

Ein Schiff für die LNG-Versorgung: Die "Independence" ging im lituaischen Hafen Klaipeda im Oktober 2014 vor Anker. Seitdem landet dort LNG aus Norwegen an. Die Pläne für den Bau begannen im Jahr 2012. Das Ziel: Russlands Monopol bei der Versorgung der baltischen Republiken beenden.
Ein Schiff für die LNG-Versorgung: Die "Independence" ging im lituaischen Hafen Klaipeda im Oktober 2014 vor Anker. Seitdem landet dort LNG aus Norwegen an. Die Pläne für den Bau begannen im Jahr 2012. Das Ziel: Russlands Monopol bei der Versorgung der baltischen Republiken beenden.

Mit der Ukraine-Krise haben Teile der EU-Bürokratie sofort die „Versorgungssicherheit“ bei Energiefragen thematisiert. Die Argumentation lautet ungefähr: Weil Russland unkalkulierbar und gefährlich ist, müssen die EU-Staaten sich nach sicheren Anbietern umschauen. Donald Tusk und die Staatschefs aus Polen und den baltischen Republiken haben diese Argumentation schon ab 2012 gefahren. Aber nachdem die Bewohner der Krim sich entschieden hatten, unter die Verwaltung der Russischen Föderation zurückzukehren, lag in Brüssel sofort das Konzept für eine „Energieunion“ auf dem Tisch, die genau darauf abzielte, Pipelineimporte von russischen Anbietern durch Flüssiggas aus Übersee zu ersetzen, also Fracking-Importe aus den USA, Kanada und auch Australien zu ermöglichen. Der Witz daran ist natürlich, dass die einzigen, die jemals die Versorgungssicherheit von EU-Staaten gefährdet haben, verschiedene ukrainische Regierungen waren, die illegal Gas aus der Bratstvo-Pipeline entnommen haben, oder sich einfach weigerten, die Gebühren zu zahlen.

Das Schreckgespenst einer vermeintlichen „Abhängigkeit von Russland“ hilft dabei, der EU Fracking-Gas zu verkaufen. Frankreich diskutiert aktuell über ein mögliches Importverbot für Fracking-Produkte. Weiß da eine Hand nicht, was die andere tut, oder ist das ein gezielter französischer Affront in Richtung Washington?

Ja, dieser Aspekt spielt sicher eine Rolle. Aber natürlich stehen dahinter auch nationale Interessen, in Frankreich ganz sicher die Atompolitik. Das betrifft aber auch Österreich, die Schweiz und Deutschland, deren Unternehmen gemeinsam im Nordstream2-Projekt stecken, dass durch die Sanktionen und die Brüsseler Energieunion zwischenzeitlich gefährdet war. Natürlich haben Wintershall und Eon ein Interesse daran, dass dieses Projekt weiterläuft, zumal es außenpolitisch, aber auch, was Umwelt- und Klimaziele betrifft, sehr viel sinnvoller ist, als Flüssiggas aus den nordamerikanischen Fracking-Regionen zu importieren. Insofern war ich eher positiv überrascht, dass zumindest Teile der Bundesregierung, also der Wirtschafts- und der Außenminister, das Projekt wiederbelebt haben.

Auf der anderen Seite stehen die baltischen Staaten, Polen, aber auch Norwegen oder Kroatien, die die Brüsseler Energieunion im eigenen Interesse unterstützen. Dabei geht es nicht darum, dass das energiepolitisch sinnvoll wäre, sondern darum, neue Infrastrukturen zu schaffen, an denen neue Akteure ihre Tantiemen abgreifen können. Ich meine, es gibt ja kaum einen Funktionär in Brüssel, der offensichtlicher in Vorwürfe wegen Korruption verstrickt ist, als der Kommissar für Energie und Umwelt, Miguel Arias Cañete.

Insofern würde ich davon ausgehen, dass bestimmte Länder auf diese neue Flüssiggasstrategie einsteigen. Die baltischen Republiken und Polen haben schon entsprechende Terminals gebaut. Kroatien wird sicher folgen. Andere Länder, wie Deutschland, werden weiter über die Pipeline-Verbindungen aus Russland Erdgas beziehen. Insofern diversifiziert sich das Angebot, vor allem bei Gas, und wir können sicher noch eine Weile mit niedrigen Preisen rechnen. Die Frage ist natürlich, bis wann sich das für Anbieter aus Übersee noch lohnt. 

Im November wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. Welche Konsequenzen sind vom Ausgang der Wahl für die USA und für die Energiepolitik der EU zu erwarten? Mit mehr Markt, weniger politischer Gängelung oder mehr an eigenständigen Entscheidungen ist wohl eher nicht zu rechnen?

Nein, welche Auswirkungen ein Wechsel im Weißen Haus auf die Energiepolitik hat, konnten wir schon nach 2009 sehen. Barack Obama und Joe Biden hatten nicht weniger als den vollkommenen energiepolitischen Umbruch angekündigt. Sie wollten grüne Energien fördern und die Preise senken. Kaum waren sie im Amt, haben sie die Energiepolitik weitergefahren, die unter George Bush angelegt wurde. Fracking ist das dreckigste und umweltschädlichste Verfahren, das die Welt je gesehen hat. Alleine die Klimabelastung liegt durch die unkontrollierten Austritte von Gas, hauptsächlich Methan, noch deutlich über der Klimabelastung von Kohle.

Um zu verstehen, wie diese Kontinuität funktioniert, muss man sehen, dass Energiepolitik in den USA eine Angelegenheit der Nationalen Sicherheit ist. Was in der National Security Strategy festgelegt ist, kann der Amtsnachfolger nicht einfach abschaffen. Er, oder sie, kann vielleicht Dinge hinzufügen, aber das politische System ist darauf angelegt, Projekte über mehrere Legislaturperioden verfolgen zu können. Zudem wachen im konkreten Fall einige wirklich wichtige Machtgruppen darüber, dass diese Abmachungen eingehalten werden. Exxon und Chevron, bzw. ihre Vorgänger aus der Standard Oil, haben in den USA schon Politik gemacht, als die Großväter der heutigen Politiker noch gar nicht geboren waren.

Arbeiter setzen eine Gasplattform für die Fracking-Förderung in Colorado im Dezember 2014. Am "Black Sunday" im Jahr 1982 beendete Exxon hier erste Förderungen mit der extrem umweltschädlichen Methode im Colony Shale Oil Project. Damals war Fracking noch nicht "wirtschaftlich".
Arbeiter setzen eine Gasplattform für die Fracking-Förderung in Colorado im Dezember 2014. Am "Black Sunday" im Jahr 1982 beendete Exxon hier erste Förderungen mit der extrem umweltschädlichen Methode im Colony Shale Oil Project. Damals war Fracking noch nicht "wirtschaftlich".

Also, auch wenn Bernie Sanders Präsident werden sollte, wird er kaum eine Möglichkeit haben, etwas Grundsätzliches an der Energiepolitik zu ändern. Bei den anderen Kandidaten dürfte nicht einmal der Wille dazu vorhanden sein. Die US-Debatte behandelt das „Fracking-Wunder“ als den größten wirtschaftspolitischen Erfolg seit Jahrzehnten. Von ihrer strategischen Bedeutung ist sie vielleicht mit der IT-, der Rüstungsindustrie oder der Finanzindustrie zu vergleichen. Never change a running system.

Das politische Vertrauen zwischen der EU und Russland hat auch in Energiefragen gelitten. Welchen Stellenwert wird der europäische Markt noch für die Russische Föderation haben, jetzt, wo es eine intensivere Zusammenarbeit etwa mit China oder Indien gibt?

Ich denke, das ist eine der großen Zukunftsfragen der Energiepolitik. In den letzten Jahren haben die russischen Energieunternehmen bereits engere Beziehungen zu China aufgebaut. Unternehmen aus beiden Ländern arbeiten an der Ausweitung der Pipeline-Verbindungen, aber CNPC und chinesische Banken beteiligen sich auch an den Zukunftsprojekten, etwa am Yamal LNG-Projekt. Russland ist inzwischen Chinas größter Erdöllieferant. Die westlichen Sanktionen zielen darauf ab, russische Unternehmen von Kapital und Technologie abzuschneiden.

China hat auf der anderen Seite das Problem, dass es mit seinen Auslandsdirektinvestitionen gigantische Verluste hinnehmen musste. Das betraf die Energieinvestitionen in Libyen und im Südsudan. Aber auch in Syrien oder bei den Sanktionen gegen den Iran zahlte China den höchsten Preis. In der US-Außenpolitik besteht schon seit einigen Jahren ausdrücklich die Richtlinie, jede Internationalisierung chinesischer Unternehmen zu bekämpfen. Ich nehme an, dass die Parteiführung um Xi Jinping auch vor diesem Hintergrund seit Ende 2013 außenpolitisch eher auf ein inkrementelles Wachstumsmodell setzt. Die Initiative „One Belt, One Road“, also das neue Seidenstraßenprojekt, zielt genau darauf ab, einen geografisch zusammenhängenden Korridor auf dem eurasischen Kontinent zu entwickeln. Das stellt, weit über Energiefragen hinaus, natürlich auch eine wichtige Zukunftsoption für die EU-Staaten dar, eine Alternative zur stärkeren transatlantischen Integration, etwa durch TTIP.

China präsentiert sein Projekt der "neuen Seidenstraße" für das 21. Jahrhundert unter dem Titel "One Belt, One Road" auf dem Asian Financial Forum in Hong Kong, China Januar, 2016.
China präsentiert sein Projekt der "neuen Seidenstraße" für das 21. Jahrhundert unter dem Titel "One Belt, One Road" auf dem Asian Financial Forum in Hong Kong, China Januar, 2016.

Insofern bin ich auch kein Prophet, wenn ich voraussage, dass die US-Außenpolitik ihre Bastionen in Nordost-Asien niemals räumen wird. Ein Rückzug der USA aus Afghanistan und Pakistan, also aus den Gebieten zwischen Europa, Russland und China, wird nicht stattfinden. Zum anderen sind die russischen Unternehmen natürlich weiter existentiell auf den europäischen Markt angewiesen, einfach weil der Verbrauch in den OECD-Staaten weiterhin sehr hoch ist und bereits Investitionen  in Pipelines und andere Infrastrukturen erfolgten. Der Absatzmarkt Europa bleibt, neben dem Weltmarktpreis, weiterhin extrem wichtig für die russische Wirtschaft.

Auch in der Türkei misstraut man den Europäern, nicht zuletzt seit den Unstimmigkeiten rund um die Visafreiheit im Rahmen des Flüchtlingsdeals. Das Land galt selbst nach der Verschlechterung der russisch-türkischen Beziehungen noch als große Hoffnung bei der möglichen Versorgung der EU, vor allem mit Blick auf die zentralasiatischen Ressourcen. Sind in dieser Region weitere Verwerfungen im Energiebereich zu erwarten?

Diese Verwerfungen sind ja bereits deutlich eingetreten. Nachdem Brüssel das South-Stream-Projekt erfolgreich torpediert hatte, bot die russische Regierung der Türkei an, mit Turkish Stream zu einem Versorgungshub für Erdgas in Südeuropa zu werden. Nun ist die Türkei ein NATO-Staat und verfolgt im Nachbarland Syrien ausdrücklich andere Interessen als die Russische Föderation. Aber ehrlich gesagt, wäre Turkish Stream für die Türkei ein sehr viel wirkungsvolleres, langfristiges und zivileres außenpolitisches Projekt geworden, als den EU-Staaten mit Flüchtlingswellen zu drohen. Die Regierung Erdoğan hat, das ist zumindest meine Einschätzung, ein wirklich wertvolles Projekt für die wirtschaftspolitische Integration zwischen Russland und Europa leichtfertig ausgeschlagen.

Natürlich bleibt abzuwarten, wie die Entwicklung in den zentralasiatischen Ländern, in Kasachstan aber auch Aserbaidschan weitergeht. Die US-Außenpolitik arbeitet seit Jahrzehnten daran, dort eine möglichst große Unabhängigkeit von Russland zu schaffen und damit, natürlich, auch die Erdöl- und Erdgasressourcen unter Kontrolle zu bekommen. Die jetzt begonnene Trans Adriatic Pipeline, das TAP-Projekt, wird genau diese Funktion erfüllen, nämlich Erdgas aus dem Kaspischen Meer nach Südeuropa zu transportieren.

Italiens Premierminister Enrico Letta präsentiert Pläne für die Trans Adriatic Pipeline auf dem EU-Treffen in Brüssel, Juni 2013.
Italiens Premierminister Enrico Letta präsentiert Pläne für die Trans Adriatic Pipeline auf dem EU-Treffen in Brüssel, Juni 2013.

Und schließlich dürften in der Türkei einige darauf spekulieren, dass man in unbestimmter Zukunft die Landverbindung zwischen Europa und den Golfstaaten kontrolliert. Viele gehen davon aus, dass dies die konkrete Motivation für die Golfstaaten und die Türkei ist, mit Milliardensummen den Bürgerkrieg in Syrien zu schüren. Wenn wir zugrunde legen, dass Katar und auch Saudi-Arabien seit Jahren eine direkte Pipeline-Verbindung in die EU schaffen wollen, dann könnte man den Syrien-Krieg teilweise als eine solche „Verwerfung im Energiebereich“ verstehen, wobei das ganz sicher nicht die einzige Motivation für den Versuch ist, die Regierung Assad zu stürzen.

Welche Trends werden aus Ihrer Sicht im Laufe der nächsten 20 Jahre die Energiepolitik in Europa bestimmen?

Ich gehe davon aus, dass wir gerade eine Neuordnung der weltweiten Energiepolitik erleben. Ein wichtiges Instrument für diese Neuordnung sind die niedrigen Energiepreise. Sie werden die Beziehungen zwischen Förderstaaten und ihren Energieunternehmen auf der einen Seite, und den großen Verbraucherländern und ihren International Oil Companies völlig neu gestalten. Wir sind Zeugen einer grundsätzlichen Machtverschiebung zwischen Ländern wie Russland, Brasilien und Venezuela, um nur die politisch auffälligsten zu nennen, und den großen Nettoimporteuren in den Europa, den USA und Asien. Die großen Nettoimporteure kontrollieren gleichzeitig das Kapital und die Technik, auf welche die Förderstaaten angewiesen sind. 

Ich denke, die Golfstaaten halten diesen finanziellen Abnutzungskrieg gegen Russland und andere Förderstaaten noch etwa fünf Jahre durch. Zudem haben sie bei den internationalen Finanzinstitutionen wie dem IWF und der Weltbank eine unbegrenzte Kreditlinie. Insofern würde ich vermuten, dass wir noch mindestens bis zum Jahr 2020 in einer Phase der relativ niedrigen Preise für Öl und Gas leben werden, mit allen negativen Folgen, die das für die Umwelt und für bestimmte Förderstaaten hat. 

Niemand bezweifelt, dass die Preise für dieses begrenzte Gut, die fossilen Energieträger, dann wieder steigen werden, und zwar höher als jemals zuvor. Insofern ist die Volksrepublik China auf dem richtigen Weg, mit ganzer Kraft regenerative Energien zu entwickeln. Und wenn die EU-Staaten ihren Entwicklungsvorsprung in diesem Bereich aufgeben, sei es aus Dummheit oder wegen der Korruption in der Kommission und wegen der Interessen der großen Versorgungsunternehmen, dann sind sie wirklich selbst daran schuld, wenn sie irgendwann bei den internationalen Multis die Preise zahlen müssen, die dann aufgerufen werden.

Malte Daniljuk arbeitete als Fellow für Energiepolitik und Geostrategie der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Im April veröffentlichte er die Studie "Globale Umordnung" zum Einfluss der Energiepolitik auf die politische Neuordnung im Umfeld der Europäischen Union. In der Juni-Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik erscheint von ihm: "Energiesupermacht USA. Wie Barack Obama mit Fracking und Freihandel Außenpolitik betreibt". Seit Dezember 2015 ist er Redakteur bei RT Deutsch. Das Interview führte RT Deutsch-Redakteur Ali Özkök.