RT-Exklusiv-Interview mit Emirates-Piloten: "In Dubai werden Piloten systematisch überlastet"

RT-Exklusiv-Interview mit Emirates-Piloten: "In Dubai werden Piloten systematisch überlastet"
Am 19. März stürzte bei Rostow am Don ein Jet der Fluggesellschaft „Flydubai“ ab. Alle 62 Menschen an Bord kamen ums Leben. Ex-Mitarbeiter der Fluglinie erklärten daraufhin gegenüber RT, die Katastrophe sei womöglich auf die Arbeitsbedingungen zurückzuführen. „Emirates“-Piloten sagen nun, „Flydubai“ sei nicht die einzige Fluggesellschaft aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die ihren Mitarbeitern buchstäblich das Mark aus den Knochen sauge und die Fluggäste so einer Lebensgefahr aussetze.

Nach dem Absturz der „Flydubai“-Boeing am 19. März im südrussischen Rostow am Don teilten einige Mitarbeiter der Billigfluglinie gegenüber dem Sender RT mit, dass für den Co-Piloten der verunglückten Maschine dies bereits der zehnte Flugeinsatz in den vergangenen elf Tagen gewesen sei. Ihr Kollege habe nicht einmal ausschlafen können. RT liegt der Arbeitsplan dieses Piloten vor, dem zu entnehmen ist, dass er eigentlich elf Tage in Folge hätte arbeiten sollen. An seinem 10. Arbeitstag kam er aber ums Leben.           

Die Mitarbeiter von „Flydubai“ erzählten gegenüber RT, dass die Billigfluglinie die täglichen Biorhythmen der Piloten bei der Arbeitsverteilung nicht berücksichtige und sie zwischen den Einsätzen einfach nicht ausruhen lasse. Kurz nach den Enthüllungen der „Flydubai“-Mitarbeiter nahm ihr Kollege aus „Emirates“, der anonym bleiben wollte, mit RT Kontakt auf und sagte, dass die Fluglinien aus den Vereinigten Arabischen Emiraten ihre Mitarbeiter systematisch überlasteten, um mehr Gewinn zu erzielen.  

„Bei ʻEmiratesʼ entfällt auf sieben Piloten eine Auslastung, die in europäischen Fluglinien unter zehn oder elf Menschen verteilt wird. Also müssen diese sieben Piloten viel mehr arbeiten, wobei sie weniger Zeit zum Schlafen und Ausruhen haben. Wenn man ständig müde ist, wird man krank. Und niemand will, dass der Jet von einem kranken Piloten geflogen wird. Bei ʻEmiratesʼ ist das jedoch leider der Fall. Wenn ein Mitarbeiter sich krank meldet, wird er mit einer Geldbuße bestraft und bekommt dazu noch eine Verwarnung. Somit verhindert die Fluggesellschaft aktiv, dass sich ihre Piloten krank scheiben lassen.“

So der Pilot mit dem Decknamen „Z“. Er fügte hinzu, dass Airlines aus Dubai illegal den Flugplan änderten und auch eine falsche Ankunftszeit notierten, damit ein- und derselbe Pilot mehr Flüge für dasselbe Gehalt absolvieren kann.

„Bei ʻEmiratesʼ sollen die Piloten den Dienst vor dem offiziellen Beginn antreten, was illegal ist. Die Fluggesellschaft notiert dann in den Dokumenten bewusst eine andere Dienstzeit. Für jeden Flug braucht man also ungefähr eine Stunde mehr Zeit, als offiziell erlaubt ist. Auf den ersten Blick scheint diese Frist geringfügig zu sein. Wenn man aber bedenkt, in welchem Rhythmus die Piloten arbeiten, und wenn man die sehr langen Schichten berücksichtigt, dann kann ich euch versichern, dass eine Stunde zu viel ist. Mit solchen Flugeinsätzen verstößt ʻEmiratesʼ gegen das Gesetz, und die Arbeitsbelastung übersteigt das Zulässige.“

RT liegt die sogenannte „Bibel“ der Piloten vor: Das ist die wichtigste Vorschrift für die „Emirates“-Mitarbeiter. Im Punkt 7.6.1 (siehe das Foto unten) steht, dass der Pilot den Dienst eine Stunde vor dem Abflug antreten soll.  

Die „Emirates“-Vorschrift, die der Pilot Z. dem Sender RT zur Verfügung gestellt hat.
Die „Emirates“-Vorschrift, die der Pilot Z. dem Sender RT zur Verfügung gestellt hat.

Dem Zeitplan zur Flugvorbereitung ist aber zu entnehmen, dass die Einsatzbesprechung der Piloten 85 Minuten vor dem Start zu Ende geht. Es ist nachvollziehbar, dass die Piloten alle Kontrollen durchführen und sich besprechen sollten. Auf diese Weise müssten die Crews jedoch eine Stunde mehr arbeiten, die zudem nicht entlohnt werde. Rund 70 Prozent der Flüge würden mit Verstößen durchgeführt, weil die Crews ihr Zeitlimit bereits überschritten hätten, sagt der Pilot Z.      

Der Zeitplan der Vorfluganleitungen, den der Pilot Z. dem Sender zur Verfügung gestellt hat.
Der Zeitplan der Vorfluganleitungen, den der Pilot Z. dem Sender zur Verfügung gestellt hat.

Der Widerspruch zwischen der Vorschrift und dem Zeitplan zur Flugvorbereitung ist derart offensichtlich, dass ein „Emirates“-Vorgesetzter den Mitarbeitern eine Forderung geschickt haben soll, mit der Veröffentlichung von Dokumenten aufzuhören. Denn es ist nicht das erste Mal, dass solche Dokumente ins Blickfeld von Medien geraten. So hatte die US-Tageszeitung  „The Wall Street Journal“ 2015 ihre Leserschaft auf die Arbeitsbedingungen der „Emirates“-Piloten aufmerksam gemacht. Die Behörden vor Ort haben dagegen bisher nichts unternommen.          

Der Brief der Firmenleitung, den der Pilot Z. dem Sender zur Verfügung gestellt hat. Der Text lautet: „Können wir bitte mit dem Veröffentlichen des Zeitplans der Vorfluganleitungen bis auf Weiteres aufhören?“
Der Brief der Firmenleitung, den der Pilot Z. dem Sender zur Verfügung gestellt hat. Der Text lautet: „Können wir bitte mit dem Veröffentlichen des Zeitplans der Vorfluganleitungen bis auf Weiteres aufhören?“

Nachdem die Arbeitsbedingungen der Piloten von „Flydubai“ bekannt geworden waren, kontaktierte ein weiterer „Emirates“-Pilot, der ebenfalls anonym bleiben möchte, RT und bestätigte die Zeugnisse seiner Kollegen. Der Pilot Y. bestätigte, dass die schlechten Arbeitsbedingungen, die Müdigkeit und Probleme mit dem Zeitplan die Piloten schicht krank machen würden. Nachdem er sich in den Chefetagen darüber beschwert hätte, habe man ihn entlassen.     

„Ich denke oft darüber nach, was in Russland passiert ist. Das ist eine furchtbare Katastrophe… Ich habe fast 25 Jahre lang am Steuer gesessen. Mehr als zehn davon bei ʻEmiratesʼ. Ich habe als Co-Pilot in Airbus-Flugzeugen angefangen. Dann hat man mich zum Kapitän in A330-, A340- und A380-Jets befördert. Innerhalb dieser Zeit habe ich einen solch starken Verfall der Arbeitsbedingungen miterlebt, dass ich letztendlich Angst bekommen habe. Alle in den Vereinigten Arabischen Emiraten tätigen Piloten haben Angst, öffentlich über dieses Thema zu sprechen, weil die Justiz nicht auf ihrer Seite ist. Alles, was man tut (einschließlich dieser Zeitpläne), stellt eine ernsthafte Gefahr für die Flugsicherheit dar“, so der Pilot Y.

„ʻEmiratesʼ und ʻFlydubaiʼ sind verschiedene Unternehmen, aber sie haben einen Vorstand. Versteht ihr? Ich kann zwar lediglich über die Tätigkeit von ʻEmiratesʼ erzählen, aber die Probleme sind ähnlich. Als ich dort anfing zu arbeiten, haben wir die internationalen Standards – je 40 bis 60 Stunden – erfüllt. Nun hat man diese Zahl auf über 100 Stunden erhöht und die arbeitsfreien Tage auf ein Minimum – derzeit sind es etwa acht – reduziert. Das ähnelt den Arbeitszeiten eines Bürobeamten. Die Piloten müssen aber in unterschiedlichen Zeitzonen und rund um die Uhr fliegen, sodass die Müdigkeit ein großes Problem ist. Deswegen habe ich beschlossen, meinen Beruf an den Nagel zu hängen“, erklärt der Pilot Y.

„Die Fluggesellschaften behaupten, dass alles gesetzmäßig sei. Die Vereinigten Arabischen Emirate ordnen sich aber nicht allen internationalen Regeln unter. Denn der ʻEmiratesʼ-Vorstand ist gleichzeitig der Leiter der Flugaufsichtsbehörde (UAE GCAA). Obwohl die internationalen Regeln mehr arbeitsfreie Tage für die Piloten vorsehen, sind sie dadurch in der Lage, diese Norm nicht zu befolgen.“

Wie der ehemalige „Emirates“-Kapitän Y. sagt, solle ein Pilot, der sich über die Müdigkeit beschweren möchte, einen speziellen Fragebogen ausfüllen, wo er genau notieren solle, wie viele Flugstunden er hinter sich gebracht habe, wie und wann er schlafe, usw. Dieses Gesuch dürfe man nur ein oder zwei Mal einreichen. Schon beim nächsten Mal bekomme der Pilot eine Verwarnung.        

„Wenn der Pilot sehr müde ist, beeinträchtigt das deutlich sein Vermögen, das Flugzeug korrekt zu lenken. Diese Art Müdigkeit ähnelt dem Alkoholrausch: Die Konzentration sinkt, und man bekommt Attacken vom Sekundenschlaf. Darüber hinaus kann man nicht mehr normal einschlafen und sich entspannen, sogar wenn man einen arbeitsfreien Tag hat“, resümiert der ehemalige „Emirates“-Pilot Y.      

RT konnte auch mit einem dritten „Emirates“-Flieger mit dem Decknamen X. sprechen, der dem Sender Informationen über seine Überstunden zur Verfügung stellte. Ende vergangenen Jahres will er innerhalb von 28 Tagen mehr als 100 Überstunden gehabt haben. Dabei wollte er keine genauen Zeitangaben machen, damit die Fluggesellschaft ihn nicht identifizieren könnte.      

Piloten, die erschöpft und gestresst seien, pflegten den Arbeitgeber nicht darüber zu informieren, indem sie außerplanmäßig arbeitsfreie Tage nähmen. Der Grund sei einfach: Im Fall der Müdigkeit müsse die Fluglinie eine Sonderuntersuchung starten, die unter anderem eine ärztliche Begutachtung umfasse. Der Pilot werde in diesem Fall auf Depression sowie auf Alkohol- und Drogensucht geprüft. Daher sei die Müdigkeit nicht gerade eine Sache, über die sich die Piloten beschweren möchten. Darüber hinaus seien die Behörden, die die Klagen der Piloten erörtern sollen, indirekt dem Vorstand von „Emirates“ untergeordnet, sagte der Pilot X. „Es geht hier um einen Interessenkonflikt.“

„Emirates“ sei mit einem Mangel an Personal konfrontiert. „Wir verlieren eine große Zahl an Piloten“, betont der RT-Gesprächspartner. Dass die Fluggesellschaft ihre Flotte aufstocken wolle, kompliziere nur die Lage: Die verbliebenen Piloten müssten immer mehr arbeiten. 

Im Zusammenhang mit diesen Enthüllungen bat RT eine Reihe von Organisationen um einen Kommentar. Eine Anfrage wurde an die Generalbehörde für die zivile Luftfahrt der Vereinigten Arabischen Emirate (GCAA) gerichtet. Die Antwort, die RT postwendend bekam, lautet:      

„Wir sind Ihnen für die uns zur Verfügung gestellten Informationen und für Ihren Professionalismus dankbar. Wir möchten Sie bitten, Ihren Gesprächspartnern auszurichten, dass sie sich aller Spekulationen über die Ursachen des Absturzes, den wir zusammen mit dem Zwischenstaatlichen Luftfahrtkomitee (MAK), das die Russische Föderation vertritt, untersuchen, vorübergehend enthalten sollten. […] Die AAIS (Abteilung für die Untersuchung von Flugvorkommnissen — Anm.d.Red.) versichert Ihnen, dass man alle uns zur Verfügung gestellten Informationen auf ihre Relevanz gründlich überprüfen wird. Wir hoffen auf Ihr Verständnis in Bezug auf Informationen, deren Bekanntgabe den Ablauf der Untersuchungen eventuell beeinflussen könnten.“

Weitere Anfragen wurden an die Civil Aviation Communications Centre (Kanada), die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA), die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO), die Independent Pilots Association und an einige weitere Organisationen gerichtet.