Rohrkrepierer II: Wie Russlands Wirtschaft die Ölpreiskrise übersteht

Der russische Energieminister Alexander Novak, Mohammad bin Saleh al-Sada aus Katar, Saudi-Arabiiens Ölminister Ali al-Naimi und Eulogio del Pino aus Venezuela versuchen den Ölpreis aufzufangen, Doha, Katar Februar 2016.
Der russische Energieminister Alexander Novak, Mohammad bin Saleh al-Sada aus Katar, Saudi-Arabiiens Ölminister Ali al-Naimi und Eulogio del Pino aus Venezuela versuchen den Ölpreis aufzufangen, Doha, Katar Februar 2016.
Beim Versuch, Russland durch einen Ölpreiskrieg zu destabilisieren, hat sich Saudi-Arabien ins eigene Knie geschossen. Rainer Rupp beschreibt den Verlauf der Fronten im Preiskrieg um die Ölförderung. Russland, so seine Einschätzung, verkraftet den niedrigen Ölpreis besser, als es viele im Westen erwartet haben.

Ein Gastbeitrag von Rainer Rupp

Obwohl der saudische Ölpreiskrieg sich eindeutig gegen Russland richtete, das für seine Unterstützung des rechtmäßigen syrischen Präsidenten Assad bestraft werden sollte, erklärten westliche Analysten, dass die Hauptstoßrichtung der Saudis gegen die US-amerikanische Fracking-Konkurrenz gerichtet sei. Damit, so die Legende, wolle Saudi-Arabien die an die US-Fracking-Industrie verlorenen Markanteile wiedergewinnen, hieß es allenthalben. Und bei einem Ölpreis unter 70 Dollar für das Fass arbeite die Hälfte der US-Förderpumpen bereits unrentabel. Tatsächlich sind inzwischen in den US-Fracking-Regionen Hunderte von Pumpen stillgelegt worden.

Auch haben im vergangenen Jahr mindestens 67 US-Ölgesellschaften Konkurs angemeldet. Weitere 150 Unternehmen könnten folgen, heißt es laut US-Internet-Finanzportal Zero Hedge in Kreisen der Finanzbranche. Wegen verlorener Darlehen stelle die Welle von Konkursen in der Fracking-Industrie bereits jetzt eine große Bedrohung für viele US-Banken dar. Vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden erneuten Rezession in den USA habe diese Entwicklung womöglich das Potential, eine weitere Kernschmelze im US-Finanzsystem auszulösen.

Dennoch fördern inzwischen die verbliebenen, mit neuester Technologie ausgerüsteten Fracking-Pumpen auch zu den weitaus niedrigeren Preisen von 35 bis 30 Dollar pro Fass weiter. Dabei arbeiten sie anscheinend nicht nur profitabel, sondern sie produzieren so viel Öl, dass sie den Ausfall der stillgelegten Pumpen überkompensieren. Zugleich folgen auch andere Länder – einschließlich Russland – dem saudischen Beispiel und haben ihre Produktion weiter erhöht.

Im Unterschied zu Saudi-Arabien, das seit 30 Jahren an der Kopplung seiner Währung an den US-Dollar festhält, und dafür enorme Mengen an Devisen für Stützungskäufe einsetzen muss, hat Russland die Hoffnungen der US-Notenbank und internationaler Hedgefonds, den Kurs von 35 Rubel pro Dollar gegen den westlichen Angriff zu verteidigen, nicht erfüllt. Dadurch wären nämlich die hart erarbeiteten Devisenreserven Russlands schnell aufgebraucht worden.

Nach dem US-geführten Gewaltputsch gegen die rechtmäßige Regierung in der Ukraine, den Moskau nicht akzeptieren wollte, hatte der Westen eine Reihe von Wirtschaftssanktionen gegen Russland verhängt. Zugleich hat die US-Notenbank Fed mit Hilfe währungspolitischer Manipulation (insbesondere mit der Ankündigung, eine Politikwende Richtung Zinserhöhung einzuleiten) erreicht, dass die Währungen vieler Länder gefallen sind. Der Rubel, der wegen der Sanktionen und der Fed-Manipulationen besonders unter Druck stand, fiel sogar zeitweise von 35 auf 85 pro Dollar. Inzwischen hat er sich auf dem Stand von derzeit 70 Rubel pro Dollar erholt.

Für den russischen Staatshaushalt hat sich jedoch der Absturz des Rubelkurses positiv ausgewirkt. Denn obwohl der Preis von einem Fass Öl im Spätherbst 2015 von 100 auf 50 Dollar gefallen war, lagen die Einnahmen pro Fass in einheimischer Währung unverändert bei 3500 Rubel. Dadurch blieb der Effekt des zum Rubel steigenden Dollarkurses auf das russische Staatsbudget lange Zeit marginal – auch, weil der russische Staat seine Ausgaben fast ausschließlich in Rubel und nicht in Dollar tätigt.

Erst in den letzten Monaten ist der Rubel nicht weiter parallel zum Ölpreis gefallen. Dadurch haben sich auch in Russland jetzt merkliche, aber im Unterschied zu Saudi-Arabien beherrschbare Haushaltsdefizite aufgetan. Die entstandenen Lücken versucht die russische Regierung entweder durch Haushaltskürzungen oder durch den Rückgriff auf das dicke Polster von in „fetten Jahren“ angesparter Devisenreserven zu kompensieren, die einen Wert von etwa vierhundert Milliarden Dollar haben. Außerdem verkauft Russland seit etlichen Jahren einen zunehmenden Teil seiner Öl- und Gasexporte außerhalb des Dollarraums, sodass sich die Verluste durch die Dollarkursmanipulation in Grenzen halten.

Die negative Wirkung des Kurssturzes des Rubel und des Ölpreisverfalls haben sich 2015 hauptsächlich in einer Schrumpfung der russischen Wirtschaftsleistung und einem Rückgang des BIP um über 3 Prozent manifestiert. Zugleich stehen weniger Dollar für Importe zur Verfügung. Auch haben sich die Rubelpreise von Waren, die aus dem Dollar-Raum importiert werden, nahezu verdoppelt. Letzteres ist wiederum nicht nur schlecht, denn für die einheimische Wirtschaft hat das die Wirkung eines Schutzzolls und der gibt den kleinen und großen russischen Unternehmen eine reale Chance, wieder verstärkt heimische Erzeugnisse in ihrem eigenen Land zu verkaufen.

Letztlich wäre noch darauf hinzuweisen, dass auch die Währungen der beiden anderen Rohstoffe exportierenden BRICS-Länder Brasilien und Süd-Afrika ähnlich starke Einbußen gegenüber dem Dollar erfahren haben wie der Rubel. So ist die südafrikanische Währung seit Anfang 2014 von 10 auf aktuell 16 Rand pro Dollar gefallen und die brasilianische von 2,2 auf 3,7 Real pro Dollar. Allerdings hat es keine westlichen Sanktionen gegen diese beiden BRICS-Länder gegeben. Selbst der Euro ist im gleichen Zeitraum gegenüber dem Dollar von 1,45 auf aktuell 1,10 abgestürzt. Wenn folglich westliche Medien von den Dächern krähen, der Absturz von Russlands Währung sei ein großer Erfolg der westlichen Sanktionen, dann ist das sowohl irreführend als auch dumme Propaganda.

Zu Teil 1: "Rohrkrepierer: Wie der Krieg um die Ölpreise begann"

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