Rückschau auf das Weltwirtschaftsforum: "Davos ist das Problem, nicht die Lösung"

In Davos kamen die globalen Eliten vergangene Woche zum 46. Weltwirtschaftsforum zusammen
In Davos kamen die globalen Eliten vergangene Woche zum 46. Weltwirtschaftsforum zusammen
Pünktlich zum 46. Weltwirtschaftsforum in Davos veröffentlichte Oxfam eine neue Studie, die ein erschreckendes Bild von der Wohlstandsverteilung auf der Welt zeichnet. Kann von dem Treffen in den Schweizer Alpen eine Lösung der globalen Probleme erwartet werden? Ganz im Gegenteil, sagt RT-Gastautor Neil Clark. Davos und die dort versammelten Eliten sind nicht Teil der Lösung, sie sind vielmehr das Problem. Clark ruft zu einer Re-Demokratisierung von Poltik und Wirtschaft auf.

aus dem Englischen von RT-Gastautor Neil Clark

Die wirkliche Welt wird derzeit von Massenarbeitslosigkeit, einer immer größeren Ungleichheit zwischen den Reichen und den Armen und der größten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg bestimmt. Währenddessen haben sich vergangene Woche die Eliten aus Politik, Wirtschaft und Finanzsystem zum Weltwirtschaftsforum in Davos getroffen. Es sind genau jene Kräfte, die mitgeholfen haben dieses Chaos anzurichten, die jetzt teuren Champagner trinken, ihre Netzwerke pflegen und uns Nachhilfe erteilen, was wir tun sollen, um die Probleme zu lösen.

Rainer Mausfeld, Wahrnehmungs- und Kognitionsforscher

Das Weltwirtschaftsforum erhebt den Anspruch, einer "Verbesserung des Zustandes der Welt" verpflichtet zu sein. Doch tatsächlich war die Welt in einem besseren Zustand, bevor das alljährliche Treffen - damals noch als European Management Forum - im Jahre 1971 ins Leben gerufen wurde.

Für die Mehrheit der Menschen auf dem Planeten, jedoch nicht für die Super-Reichen, haben sich die Dinge verschlechtert, seit das erste Treffen in Davos stattgefunden hat. Dies ist kein Zufall, denn in Davos dreht sich alles um eine elitenfreundliche, neoliberale Wirtschaftsordnung, die schon so viel ökonomischen, kulturellen und sozialen Schaden angerichtet hat.

Auch der 85-Jährige Hedgefonds-Milliardär George Soros, mit einem Nettovermögen von 24,5 Milliarden Dollar laut Forbes auf dem 16. Platz unter den reichsten Männern der Welt, hielt wie in den Jahren zuvor wieder Hof in Davos.

Normalerweise nutzt Soros das Treffen in Davos, um Russland zu diskreditieren. Dieses Jahr war da keine Ausnahme. Er beschuldigte Wladimir Putin, die Flüchtlingskrise zu verschlimmern, indem er Syrien bombardiert und sagte, der russische Präsident wolle, dass die Europäische Union "kollabiert". Halb so wild, dass der Westen und seine regionalen Verbündeten in Syrien sogenannte "Rebellen" finanzieren und bewaffnen - lasst uns Putin die Schuld geben!

Die Tatsache, dass die russische Intervention in Syrien die Pläne eines Regime-Changes in Syrien seitens der westlichen Elite vereitelte, ist genau das, was Leute wie George Soros so wütend macht. Und Soros war nicht der einzige George, der in den Schweizer Alpen dummes Zeug geredet hat.

Der britische Schatzmeister George Osborne bejubelte die wirtschaftlichen Errungenschaften seines Landes und bezeichnete die Ökonomie Großbritanniens als "Licht, das aus der globalen Dunkelheit hervorbricht". Natürlich vergaß Osborne zu erwähnen, dass während seiner Amtszeit die Briten den bisher größten Rückgang ihrer Reallöhne seit über 50 Jahren verkraften mussten.

Der französische Premierminister Manuel Valls schaffte es in die Medien, indem er der BBC die verblüffende Neuigkeit mitteilte, dass die Flüchtlingskrise Europa destabilisiert. Natürlich erwähnte er nicht die Rolle Frankreichs bei der Destabilisierung Syriens und Libyens. Ebenso wenig, dass diese Destabilisierung (wie auch die des Irak infolge der US-geführten Invasion im Jahr 2003) der Hauptgrund für die Flüchtlingskrise ist.

Wo immer wir in Davos hinschauen, sehen wir Scheinheiligkeit und Doppelmoral. Da ist zum Beispiel auch der Millionär und Rockstar Bono, ein Anti-Armut-Aktivist, dessen Band U2 Teile ihres Geschäftes von Irland in die Niederlande verlegte, um Steuern zu sparen.

Wer gibt ein Interview über die aktuelle Flüchtlingskrise, eine Folge der westlichen Interventionspolitik im Nahen Osten? Der Serien-Interventionist Tony Blair!

Und wer ist dieser "objektive" Beobachter, der sagte, das "beste Ergebnis", das man in Syrien erwarten konnte, war eine Balkanisierung und Kantonisierung des Landes? Der israelische Premierminister Benjamin Netanyahu!

Ein anderes "Highlight" von Davos war die Schauspielerin Emma Watson, die über Gender-Gerechtigkeit sprach:

"Zu 50 Prozent leben auf diesem Planeten Frauen und sie sind unterrepräsentiert. Ihr Potential bleibt erstaunlicherweise ungenutzt."

Dies sagte Watson auf einem Forum mit einem Frauen-Anteil von nur 18 Prozent.

Und es ist nicht nur diese Unausgewogenheit bei den Geschlechtern, die in Davos auffällt. Auf dem Weltwirtschaftsforum sieht man vor allem Nord-Amerikaner und Europäer, was auch dieses Diagramm bestätigt.

Einer der sehr wenigen Afrikaner, der eine Einladung zu dem elitären Stelldichein in den Schweizer Alpen bekommen hat, war der Präsident Ruandas, Paul Kagame. Zweifellos hat Ruanda ein paar Fortschritte gemacht unter Kagame, aber diese haben ihren Preis. Der jüngste Amnesty-Bericht lässt verlauten:

"Meinungs- und Versammlungsfreiheit werden in Ruanda weiterhin übermäßig durch die Behörden eingeschränkt. Die Bürger Ruandas haben keine Möglichkeit offen kritische Ansichten auszudrücken, in Bezug auf Themen, auf die die Obrigkeit empfindlich reagiert. Das Umfeld für Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Oppositionspolitiker ist repressiv."

Ob George Soros mit Herrn Kagama über seinen leidenschaftlichen Glauben an die "offene Gesellschaft" gesprochen hat?

Man muss nicht Che Guevara oder Rosa Luxemburg sein, um sich zu wünschen, dass das Weltwirtschaftsforum und all seine Heuchelei bald der Vergangenheit angehört.

"Die Tatsache, dass Spitzenpolitiker und Wirtschaftsführer einige Tage lang jeden treffen können, der `wichtig` ist, ist exakt das, was an der Konferenz falsch ist - und auf der Welt im Allgemeinen", sagt Steve Hilton, der frühere strategische Leiter des britischen Premier David Cameron.

Hilton hat recht: Es ist grotesk, nach Davon zu schauen und auf Lösungen zu hoffen, wo doch die Exklusivität der Zusammenkunft ein integraler Bestandteil des Grundproblems ist.

Es macht Sinn sich anzuschauen, wie die Welt in den 1960er und 1970er Jahren aussah. Es war die Zeit der großen ökonomischen, sozialen und kulturellen Fortschritte für normale Menschen überall auf dem Globus. Niemals zuvor war die Welt derart demokratisch und niemals zuvor sah sie eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes.

Doch mit dem Staatsstreich im Jahre 1973 gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Chiles, den Sozialisten Salvador Allende, der durch den kapitalfreundlichen Diktator und Unterdrücker Augusto Pinochet ersetzt wurde, begann eine Ära, in der die globale wirtschaftliche Ordnung im Interesse einer kleinen, aber sehr gierigen Elite umgebaut wurde. Diese Elite war unzufrieden damit, dass ihr Anteil am Kuchen infolge der tatsächlich progressiven Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg geschrumpft war.

Ein Kennzeichen dieser neoliberalen Ära ist die Art und Weise, wie Staaten in Geiselhaft genommen wurden, um den Interessen der internationalen Finanzelite und den globalen Großkonzernen zu dienen. Öffentliches Eigentum wurde privatisiert, wobei große Gewinne für die Banken und Finanzinstitutionen ermöglicht wurden, die diese Verkäufe organisierten. Während die Superreichen großzügige Steuererleichterungen genießen - falls sie überhaupt noch Steuern zahlen - muss die Mehrheit unter dem Dogma der Austerität dahindarben.

Davos hat immer eine Schlüsselrolle in diesem Prozess gespielt. Das Weltwirtschaftsforum hat die Tendenz, stets Vorschläge zu unterbreiten, die den großen Wirtschaftsinteressen dienen, was auch keine Überraschung ist, da seine Teilnehmer aus genau diesem Umfeld kommen.

Als letzte Woche die gut betuchten Gäste in ihren Privatjets einflogen, hat die Hilfsorganisation Oxfam zeitgleich ihre jüngste Studie veröffentlicht. Der Bericht legte offen, dass die reichsten 62 Menschen des Planeten nun schon mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung zusammen. Eine schockierendere Anklage an die nunmehr schon über 40 Jahre dauernde Epoche des Neoliberalismus lässt sich nur schwer finden.

Wir können keinen ernst gemeinten Wandel durch irgendetwas erwarten, was in Davos vorgeschlagenen wurde, denn der ungerechte Status Quo ist im Interesse derer, die das Weltwirtschaftsforum ins Leben gerufen haben.

Um die Probleme der Gegenwart zu lösen, brauchen wir statt elitärer Zusammenkünfte, eine Re-Demokratisierung unserer Politik und Wirtschaft. Kurz gesagt: Wir müssen den Milliardären, die sich jedes Jahr in Davos treffen, die Macht streitig machen und sie zurückgeben in die Hände der normalen Menschen.

RT Deutsch bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

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