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Mord oder Notwehr? Drei Schwestern erstechen eigenen Vater – Gesellschaft fordert Freispruch

Mord oder Notwehr? Drei Schwestern erstechen eigenen Vater – Gesellschaft fordert Freispruch
Eine der Schwestern, Krestina Chatschaturjan, am 27. September 2018
Die drei Schwestern Marija, Angelina und Krestina waren alle jünger als 20 Jahre, als sie ihren Vater mit mindestens 36 Messerstichen erstachen. Während einige den Mord als geplant ansehen, betrachten ihn andere als reine Selbstverteidigung und fordern Freispruch.

Die Nachricht über den Mord an einem 57-jährigen Mann aus Moskau erschütterte letzten Sommer ganz Russland. Das Land hätte von seinem Tod womöglich nichts mitbekommen, wenn der Sachverhalt nicht so dramatisch wäre: Drei Schwestern, damals 17, 18 und 19 Jahre alt, haben gestanden, ihren Vater am 27. Juli 2018 mit mindestens 36 Messerstichen erstochen zu haben. Die Gesellschaft und Medien fragen aber weniger nach dem wie, sondern eher nach dem warum: Was hatte die Mädchen geleitet, als sie ihren eigenen Vater umbrachten?

Marija, Angelina und Krestina erklärten ihre Tat damit, dass sie ihren gewalttätigen Vater nicht mehr haben aushalten können. Der 57-jährige Michail Chatschaturjan soll seine Töchter regelmäßig tyrannisiert und misshandelt haben. Er lebte mit ihnen in einer Wohnung in Moskau. Laut zahlreichen Medienberichten sei Michail ein strenger, aggressiver Vater gewesen: Seine Töchter durften das Haus nicht verlassen und sich nicht mit Freunden treffen. Der Armenier stellte Videokameras auf, um die Mädchen zu kontrollieren und verprügelte seine Töchter für alles, was er als Fehlverhalten empfand. Pfefferspray und eine Waffe sollen die einzigen Erziehungsinstrumente gewesen sein, mit dener er den Mädchen wiederholt gedroht hatte. Er soll sie wie Dienerinnen behandelt haben, die gehorchen und all seine Wünsche erfüllen mussten – darunter auch sexuelle. Eine der Töchter soll versucht haben, sich das Leben zu nehmen, nachdem Michail sie sexuell misshandelt hatte.

Als Aurelia, die Mutter der Mädchen, noch mit ihnen zusammen gelebt hatte, hatte sie ihre Töchter beschützt und die Aggressivität des Vaters auf sich genommen. Nach zahlreichen Konflikten zwang Michail die Frau und ihren ersten Sohn, auszuziehen, und verbot ihr, mit ihren Töchtern in Kontakt zu bleiben. Zur ältesten soll der dreifache Vater gesagt haben, dass sie "die Rolle ihrer Mutter einnehmen" werde, sobald sie erwachsen ist. Darüber, was die Mädchen während dieser Zeit durchmachen mussten, sollen sie ihrer Mutter nie etwas erzählt haben.

Die Gesellschaft fragt sich auch, wie die Mutter ihre drei Töchter in der Obhut eines solchen Mannes lassen konnte. Viele betrachten aber auch Aurelia als Opfer: Sie hatte seit ihrem siebzehnten Lebensjahr mit Michail zusammengelebt. Von Anfang an hat der Mann sie geschlagen, erniedrigt und ihr mit dem Tod gedroht, sollte sie nicht gehorchen. In einer Talkshow erzählte Aurelia, sie hätte Angst gehabt, zur Polizei zu gehen und bat ihre drei Töchter um Entschuldigung.

Einige Nachbarn behaupten, der Mann sei Drogenhändler gewesen. Ob der 57-Jährige selbst drogensüchtig war, ist unklar. Berichten zufolge soll er nach seinem Einsatz in Afghanistan das postkommotionelle Syndrom gehabt und seitdem Antidepressiva genommen haben. Eine reguläre Beschäftigung soll er nicht gehabt und sein Geld schwarz verdient haben. Nachdem er einmal eine Frau angeschossen hatte, blieb ihre Anzeige bei der Polizei ohne Folgen. Warum die Behörden bei all den Beschwerden einfach wegsahen, ist für die Nachbarn klar: Der Mann habe die Beamten bestochen. Der 57-Jährige soll außerdem gläubig gewesen sein. Er soll mehrmals nach Israel gereist und sogar einen Pfarrer zu sich in die Wohnung eingeladen haben, um bestimmte "Rituale" durchzuführen. Auf vielen seiner Fotos sind Ikonen zu sehen.

Ein psychiatrisches Gutachten kam zu dem Schluss, dass Krestina und Angelina unter dem posttraumatischen Syndrom leiden und Marija während des Mordes an ihrem Vater unzurechnungsfähig war. Ärzte fanden bei den Mädchen auch Verletzungen aufgrund sexueller Misshandlungen.

Verwandte und Freunde des Verstorbenen glauben nicht an die Unschuld der Mädchen. Seine Angehörigen hoffen, dass sie bestraft werden. Wie ein enger Freund des Mannes erzählte, könne er nicht glauben, dass Michail seine Töchter schlecht behandelt oder gar sexuell missbraucht haben könnte, da ihm unter anderem auch die Gesundheit dafür gefehlt habe. Seinen Angaben zufolge soll Michail zuckerkrank gewesen sein und konnte nur langsam Treppen steigen. Er soll "ein heiliger Mensch" gewesen sein, der seine Töchter über alles geliebt habe. Wie Michails Freund erklärte, hätte der Familienvater seine Töchter immer verwöhnt, ihnen modische Kleidung und Handys gekauft. Aufzeichnungen, auf denen das Geschrei des Vaters zu hören ist, erklärte sein Freund damit, dass die Mädchen ihn selbst provoziert hätten.

Die jungen Mädchen wurden gleich nach dem Mord an ihrem Vater festgenommen. Zwei Monate später wurden sie aus der U-Haft entlassen, werden jedoch weiterhin des Mordes beschuldigt. Nach russischem Strafrecht ist die Verabredung zum Mord ein schwerwiegender Tatbestand. Den Mädchen drohen bis zu 20 Jahre Haft. Sie dürfen derzeit weder mit Journalisten noch miteinander sprechen und kein Telefon benutzen.

Zahlreiche Aktivisten unterstützen die Mädchen und fordern ihre Freilassung – darunter auch mit Einzelprotesten, die in Moskau am 19. Juni abgehalten wurden. Viele hielten Plakate in der Hand – mit Forderungen, dass die Mädchen keine Haftstrafe verdienen, sondern Unterstützung brauchen.

Viele Teilnehmer der Aktion erzählten auch von ihren eigenen Erfahrungen – davon, dass selbst erwachsene Frauen es nicht immer schaffen, sich einem Despoten zu widersetzen, da sie sich wie in einer Falle fühlen. Viele Aktivisten sprachen das Thema häusliche Gewalt an. Sie bemängelten, dass Opfer häuslicher Gewalt in Russland praktisch keine Wahl haben: Entweder lassen sie sich zu Hause misshandeln oder verteidigen sich und landen somit hinter Gittern.

Letzte Woche hat auch Serj Tankian, Sänger der bekannten Musikband System of a Down und gebürtiger Armenier, die Freilassung der Mädchen gefordert.

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