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Russland: Warum stürzte in Magnitogorsk ein zehnstöckiges Wohnhaus teilweise ein?

Russland: Warum stürzte in Magnitogorsk ein zehnstöckiges Wohnhaus teilweise ein?
Karl-Marx-Straße 164 im russischen Magnitogorsk: Am Silvestermorgen stürzte das Wohnhaus in sich zusammen.
Bei dem Einsturz eines Plattenbaus an Silvester im russischen Magnitogorsk sind mindestens dreißig Menschen gestorben. Das Unglück wirft viele Fragen auf: Wie konnte es zur Gasexplosion kommen? Gerüchte über einen Terroranschlag machen die Runde.

von Ulrich Heyden, Moskau

Die Katastrophe in der Karl-Marx-Straße 164 in Magnitogorsk ereignete sich am 31. Dezember um sechs Uhr morgens, als die meisten Menschen noch schliefen. Offenbar durch eine Gas-Explosion stürzte ein Teil eines zehngeschossigen Wohnhauses von der ersten bis zur obersten Etage ein.

Magnitogorsk liegt im Südural, im Gebiet Tscheljabinsk, zweieinhalb Flugstunden von Moskau entfernt. Die Stadt hat 416.000 Einwohner.

Am Unglücksort sind bis zu 1.300 Retter und Helfer im Einsatz. Bis zum 3. Januar wurden insgesamt 37 Tote geborgen. Seit dem 2. Januar werden die Trümmer nicht mehr mit schwerer Technik, sondern per Hand geräumt, da man fürchtet, dass die noch unzerstörten Teile des Wohnhauses ebenfalls einstürzen.

48 Wohnungen wurden durch die Katastrophe zerstört. In dem zerstörten Teil des Plattenbaus lebten 120 Menschen. 111 Menschen waren in den Wohnungen registriert und damit der Polizei bekannt. Neun Personen lebten in dem zerstörten Teil des Hauses als Mieter und waren der Polizei damit nicht bekannt. Zur Mittagszeit am 31. Dezember galten 68 Personen als vermisst. Das Ermittlungskomitee leitete ein Verfahren wegen "Unvorsichtigkeit mit Todesfolge" ein.

Der russische Geheimdienst ging von einer Gas-Explosion aus. Gas wird in russischen Plattenbauten in der Küche zum Kochen benutzt. Das heiße Wasser dagegen wird über Rohre aus Fernwärmekraftwerken herbeigeführt.

Putin dankt Rettern für ihren Mut

Am 31. Dezember besuchte der russische Präsident Wladimir Putin den Unglücksort. Er nahm an einer Beratung mit den Leitern der Rettungsmaßnahmen teil und wies an, das gesamte Wohnhaus räumen, sollte es auch nur den "leisesten Zweifel" an der Stabilität des Rest-Gebäudes geben. Das Notstandsministerium hat den unzerstörten Teil des Wohnhauses jedoch inzwischen als bewohnbar erklärt.

Am 1. Januar dankte der russische Präsident per Telefon zwei Mitarbeitern des Katastrophenschutzes, den Offizieren Andrej Walman und Pjotr Grizenko, für ihren Mut bei der Rettung eines zehn Monate alten Kindes. Das Kleinkind Wanja Fokin war am 1. Januar mit schweren Verletzungen aus den Trümmern geborgen und zur Behandlung nach Moskau geflogen worden. Seinen Zustand bezeichnen die Ärzte als schwer, aber stabil.

Der Gouverneur des Gebietes Tscheljabinsk – zu dem auch die Stadt Magnitogorsk gehört – besuchte am 1. Januar einen 13-jährigen Jungen, der das Unglück überlebt hatte, im Krankenhaus und schenkte ihm im Auftrag von Wladimir Putin ein Notebook. Der Junge wirkte sehr gefasst.

"Wir weckten die Nachbarn"

Nach Augenzeugenberichten stürzte ein Teil des Wohnhauses wenige Minuten nach der Explosion ein. Diese Zeitspanne rettete vielen Bewohnern das Leben. Sie konnten sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Eine Anwohnerin berichteteder Nachrichtenagentur RIA Novosti: "Um sechs Uhr morgens wachten wir von einer Explosion auf. Es gab ein Aufleuchten. Danach liefen wir natürlich auf den Balkon, wir guckten, was los war. Nach einiger Zeit hörten wir Schreie. 'Holt die Erste Hilfe, die Feuerwehr!'" Nach den Worten der Anwohnerin war den Menschen klar, was passiert war. Alle seien aus dem Haus gerannt. Dann erst sahen die Bewohner das ganze Ausmaß der Zerstörung: Ein Teil des Hauses war von der ersten bis zur letzten Etage eingestürzt.

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Eine weitere Anwohnerin berichtete, dass das ganze Treppenhaus voller Glas war. "Wir haben an die Türen gehauen, um die Nachbarn aufzuwecken. Als wir auf die Straße gingen, sahen wir aus der ersten und zweiten Etage Flammen. Außerdem brannten die Balkons in den oberen Etagen." Die Feuerwehr sei schnell gekommen und habe die Menschen aus den oberen Etagen gerettet. Dann sei ein Teil des Hauses eingestürzt.

Wie der Chefredakteur des örtlichen Portals verstov.info berichtete, kam es in einer der oberen Etagen zu der Explosion.

Unglücke werfen Fragen auf

Gasexplosionen und andere schwere Unglücke in Wohnhäusern oder Einkaufszentren mit einer großen Zahl von Opfern sind in Russland leider keine Seltenheit. Am 7. November 2017 stürzte in der Stadt Ischewsk wegen einer Gasexplosion ein mehrstöckiger Plattenbau teilweise ein. Sieben Menschen starben. Spuren von Sprengstoff wurden damals nicht gefunden.

Am 25. März 2018 kam es in einem Einkaufs- und Vergnügungszentrum in der Bergbau-Stadt Kemerowo in Sibirien zu einem Brand. 60 Menschen, darunter 41 Kinder, starben. Russische Medien berichteten damals, viele in dem Gebäude tätigen Firmen hätten die Brandschutzvorrichtungen mit Hilfe von Schmiergeld umgangen. Am 27. März versammelten sich Einwohner der Stadt zu einer spontanen Protestkundgebung. Sie forderten den Rücktritt des Gouverneurs Aman Tulejew. Dieser räumte am 1. April seinen Posten.

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Proteste in Magnitogorsk sind nicht zu erwarten. Denn gegen wen sollten sie sich richten? Bisher steht kein Schuldiger fest. In Kemerowo war schon während der Rettungsarbeiten offensichtlich geworden, dass der Feuerschutz nicht funktionierte, die Behörden, welche den Feuerschutz überwachen, also bestochen worden waren. Einen derartigen Verdacht gibt es in Magnitogorsk bisher nicht.

Wie kommt es zu Gasexplosionen in Wohnungen?

Hatte sich in einer Wohnung wohlmöglich aufgrund einer defekten Gasleitung viel Gas gesammelt, das sich durch einen Funken eines Feuerzeuges entzündete? Bei Außentemperaturen von Minus 17 Grad ist der Wunsch, die Wohnung zu lüften, nicht groß. Von daher kann Gas – etwas aus einer defekten Leitung oder wenn jemand vergessen hat, den Herd abzustellen – schnell eine kritische Menge erreichen.

In sehr vielen russischen Wohnhäusern wird nicht mit Strom, sondern mit Gas gekocht. Das Gas wird eingeschaltet, indem man einen der Knöpfe am Herd dreht. Nicht bei allen Herden und Kochstellen wird das Gas per elektrischem Zündfunken in Brand gesetzt. Das Gas auf vielen Kochstellen muss mit Streichhölzern angezündet werden. Doch alle Russen wissen um die Gefahr von Gasexplosionen, weshalb man immer ein Auge auf den Herd wirft. In dem Haus, indem der Autor dieser Zeilen lebt, werden die Gasherde von der Gasversorgungsunternehmen einmal im Jahr kontrolliert.

Die Gefahr einer Explosion ist groß. Bei einem Gasgehalt von fünf bis 15 Prozent kann es zu Explosionen kommen. Wie der Internet-User masterok erklärte, wird die Gefahr für die Stabilität eines Wohnhauses besonders groß, wenn die Wohnungen nicht Holzfenster sondern moderne Doppelglas-Fenster mit Plastik-Rahmen haben. Während die Holzfenster bei einer Explosion leicht herausfliegen, halten die modernen Fenster dem Explosionsdruck eher stand, so dass das Gebäude insgesamt stärker beschädigt wird.

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In 90 Prozent der Fälle entstehen Gasexplosionen durch defekte Gasleitungen und Ventile, heißt es in einer Untersuchung des russischen Katastrophenschutzministeriums. Nur ein Prozent der Explosionen gehen auf terroristische Anschläge zurück, heißt es in der Untersuchung. Namentlich genannt werden die Wohnhausexplosionen 1999 in Moskau und Wolgodonsk, die nach Mitteilung des russischen Geheimdienstes von kaukasischen Terroristen mit dem Sprengstoff Hexogen und anderen Mitteln verübt wurden.

Gerüchte über einen Terrorakt

Gegen die Vermutung, in der Karl-Marx-Straße Nr. 164 sei ein Wohnhaus durch eine Gasexplosion teilweise zerstört worden, gab es zunächst keine Einwände. Doch am Abend des 1. Januar änderte sich die Lage. Im russisch-sprachigen Internet kam das Gerücht auf, wonach das Wohnhaus in der Karl-Marx-Straße Nr. 164 durch einen Terrorakt zum Einsturz gebracht wurde. Das örtliche Internetportal 74.ru berichtete, es gäbe Hinweise aus Sicherheitskreisen, dass eine verdächtige Person in der zweiten Etage des eingestürzten Hauses eine Wohnung gemietet und zusammen mit Helfern die Explosion in dem Wohnhaus verursacht hat.

Eigentlich sei der Terroranschlag in einem Einkaufszentrum geplant gewesen, berichtet ein zweites örtliches Portal, znak.com, ohne jedoch seine Informanten zu nennen. Am 2. Januar seien aus "technischen Gründen" die Einkaufszentren "Gostiny dwor" und "Kontinent" geschlossen worden.

Die erwähnten Internetportale sehen ihre These vom Terror-Anschlag gestärkt durch ein zweites Ereignis. Am 1. Januar brannte in Magnitogorsk ein Mini-Bus des Typs "Gazel" vollständig aus. Der Minibus geriet ausgerechnet in der Karl-Marx-Straße Nr. 96 in Brand, also nicht weit von dem Ort, wo das Wohnhaus teilweise eingestürzt war. Das Video des brennenden Minibusses wurde auch von RT verbreitet.

In dem Minibus saßen drei Personen, der Fahrer und zwei Passagiere, die durch den Brand des Fahrzeugs getötet worden seien, hieß es in Internet-Meldungen. Ein Augenzeuge berichtete, der Minibus sei explodiert und dann vollständig ausgebrannt. Eine Stellungnahme der Behörden zu dem Vorfall gibt es bisher nicht.

Das Internetportal 74.ru vermutet, die Gasanlage, die den Motor des Minibusses mit Treibstoff versorgt hat, sei explodiert. Außerdem vermutet das Portal, Sicherheitskräfte hätten auf den Bus geschossen.

In dem Video sind Schüsse zu hören, weshalb die örtlichen Internetportale behaupten, in dem Minibus hätten Terroristen gesessen. Um sich ihrer Festnahme zu entziehen, hätten die Terroristen zurückgeschossen. Andere Beobachter meinten, es seien keine Schüsse zu hören gewesen, sondern das Explodieren von Feuerwerkskörpern, die sich angeblich in dem Bus befanden.

Man kann nicht über Magnitogorsk berichten, ohne zu erwähnen, dass diese 1929 gegründete Stadt eine besondere Bedeutung für Russland hat. Die Stadt war eines der Projekte der sowjetischen Industrialisierung. In der Stadt befindet sich eines der größten Stahlwerke Russlands. Magnitogorsk gehört zu den weltweit fünf größten Zentren für Stahlproduktion. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten leiden besonders auch die sogenannten Mono-Städte, d. h. Städte, in der eine Fabrik fast die gesamte Bevölkerung ernährt.

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