Kampf um Telegram: Sperrversuche könnten russische Firmen eine Milliarde US-Dollar kosten

Kampf um Telegram: Sperrversuche könnten russische Firmen eine Milliarde US-Dollar kosten
Kampf um Telegram: Sperrversuche könnten russische Firmen eine Milliarde US-Dollar kosten
Der Zugang zum Instant-Messengerdienst Telegram soll in der Russischen Föderation per Gerichtsurteil gesperrt werden. Bisher haben die Sperrversuche der russischen Aufsichtsbehörde kaum Ergebnisse gezeitigt – Telegram wehrt sich weiter gegen die Angriffe.

Der russische Föderale Dienst für die Aufsicht im Bereich der Kommunikation, Informationstechnologie und Massenkommunikation (Roskomnadsor) versucht seit dem 16. April, den russischen Messengerdienst Telegram komplett zu sperren, um ein Gerichtsurteil vom 13. April durchzusetzen. Dafür soll die Aufsichtsbehörde 18 Millionen IP-Adressen auf die Liste der verbotenen Webseiten gesetzt haben. Darunter sind unter anderem auch Adressen von Cloud-Computing-Anbietern, weil sich Telegram dort zwecks Umgehung der Sperre bedienen könnte.

Zahlreiche Telegram-Nutzer reagieren spöttisch und bekennen sich zu dem von Telegram-Gründer Pawel Durow angeführten "digitalen Widerstand". Durow erklärte seinerseits, dass sich der Messengerdienst gegen die Sperre wehren und dafür die erforderlichen Maßnahmen ergreifen werde. Für Gespött sorgte vor allem, dass die Webseite der Aufsichtsbehörde selbst zum Ziel eines DDoS-Attacke wurde und abstürzte.

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Das Sperrurteil wurde gefällt, weil sich der Messengerdienst angeblich geweigert habe, die Chiffrierschlüssel gemäß der geltenden Datenschutzbestimmungen an den FSB zu übergeben. Demgegenüber weisen die Vertreter des Messengerdienstes darauf hin, dass die Übergabe dieser Schlüssel technisch unmöglich sei, weil es sich um die sogenannte End-zu-End-Verschlüsselung handele. Roskomnadsor und der FSB behaupten, die Weigerung Telegrams, die Chiffrierschlüssel auszuhändigen, spiele Terroristen in die Hände, die Telegram-Kanäle für eigene Zwecke nutzen könnten.

Der Krieg gegen Telegram hat niemanden verschont: Auch die Cloud-Computing-Anbieter Amazon und Google, an die sich Telegram gewandt hatte, um die Sperre zu umgehen, waren betroffen. Insgesamt sollen über 18 Millionen IP-Adressen gesperrt worden sein, was angeblich zu massiven Störungen in der Arbeit auch anderer Dienste geführt haben soll. Roskomnadsor bestreitet dies.

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Mehrere Nutzer beschwerten sich über diese Störungen. Das russische IT-Unternehmen Flexbby, das seinen Sitz im russischen Silicon Valley, dem Innovationszentrum Skolkowo, hat, schätzte die Verluste durch Sperrversuche für 400 russische Firmen auf eine Milliarde US-Dollar. Diese Firmen bedienen sich der Services der Cloud-Computing-Anbieter Google und Amazon. Infolge der Sperrversuche soll es zu Störungen in der Funktionsweise der Online-Datensicherung, von Apps und Online-Banking gekommen sein. Nach einem pessimistischen Szenario schätzt die russische Firma die Verluste von Google und Amazon bis zum Ende des Jahres auf 940 Millionen US-Dollar.

Die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor erklärte, sie sei für die Einschätzung der Verluste nicht zuständig. Ein Ausweg wäre eine Einsatzzentrale aus Beamten und Geschäftsleuten, die sich mit diesem Problem beschäftigen könnte. Dabei hat Kreml-Sprecher Dmitri Peskow die Methoden solcher Einschätzungen hinterfragt und erklärt, das Urteil des Gerichts technisch umzusetzen, sei schwierig. Außerdem warnte er vor Dramatisierung und Spötteleien.

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Der ehemalige russische Finanzminister Alexei Kudrin, der derzeit ein Mitglied des Wirtschaftsrats beim Russischen Präsidenten ist, hat die Telegram-Sperre als Bedrohung für die Digitalisierung der russischen Wirtschaft bezeichnet. Die Entscheidung zur Sperre sei unüberlegt gewesen.

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