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Geheimdienste im Auftrag der Politik: Parallele zwischen "Fall Skripal" und Plutonium-Schwindel 1994

Geheimdienste im Auftrag der Politik: Parallele zwischen "Fall Skripal" und Plutonium-Schwindel 1994
Die Tafel für technologische Kontrolle im radiotechnischen Werk des sibirischen Chemischen Kombinats in Tomsk im April 1993. Westliche Staaten strebten in den 1990er-Jahren die Kontrolle über russische Nuklearanlagen an.
Was, wenn die Vergiftung von Salisbury ein Coup der britischen Geheimdienste war? Der BND ließ schon 1994 Plutonium ungeklärter Herkunft aus Russland "schmuggeln"; der Bluff flog auf. Der FSB-Unterhändler von damals wettet derweil auf den Rücktritt von Theresa May.

Als die Münchner Polizei am 10. August 1994 in einer Lufthansa-Maschine 363 Gramm Plutonium 239 bei drei Schmugglern beschlagnahmte, war das der Auftakt zu einem gigantischen Skandal. Das sichergestellte Plutonium stamme aus russischen Nuklearbeständen und sei genug, um"das Trinkwasser in ganz Deutschland" zu vergiften (Bild). Die unsichere Zukunft der riesigen atomaren Erde der Sowjetunion war bis Mitte der 1990er-Jahre eines der Hauptthemen, das den Westen beschäftigte. Die USA pochten auf uneingeschränkten Zugang zu den ehemals sowjetischen Nuklearbeständen. Der deutsche Plutonium-Skandal lieferte dazu Steilvorlage.

Auch Bundeskanzler Helmut Kohl profitierte von dem Skandal, indem er sich als besorgter Ordnungsmann an den damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin wendete und ihn bat, dafür zu sorgen, "dass kein spaltbares Material in der Welt herumvagabundiert". Kurz vor der Bundestagswahl – die mit seinem vierten Wahlsieg in Folge enden sollte -, entsendete Kohl seinen Staatsminister Bernd Schmidbauer nach Moskau.

Geheimdienste im Auftrag der Politik: Parallele zwischen "Fall Skripal" und Plutonium-Schwindel 1994
Der Geheimdienst-Koordinator in der Regierung Helmut Kohls Staatssekretär Berns Schmiedbauer im Dezember 1996.

Deutscher Ordnungssinn, das war die Botschaft, musste den Russen, die in ihrem chaotischen Land nichts mehr unter Kontrolle hatten, den Weg weisen", schrieb Der Spiegel April 1995 rückblickend in seinem Artikel "Panik Made in Pullach".

Der Hauptprofiteur der Plutonium-Enthüllung sollte sich jedoch auch ihr Hauptverursacher entpuppen – der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND). Die Behörde fühlte sich nach dem Ende des Kalten Krieges Ende der 1980er-Jahre verweist und wollte wieder Aufmerksamkeit. Und in der Tat – für kurze Zeit waren die deutschen Spione wieder Helden. So ließ der damalige Vizepräsident des BND in einem Interview wissen, die Verhaftung in München sei das "Ergebnis systematischer Planung und nachrichtendienstlicher Methodik" gewesen.

Nur wenige Monaten später stellte sich heraus, dass die Geschichte vom Anfang an ein gewaltiger Bluff war, inszeniert von ebenjener Behörde. Durch eigene V-Leute in Spanien fädelte der BND den vermeintlichen Plutonium-Deal ein – mit Bank-Garantien im neunstelligen Bereich. Der Thriller, wie Der Spiegel es beschrieb – "mit windigen, geldgierigen Agenten, von Ehrgeiz zerfressenen Geheimdienst-Bossen, mit großen und kleinen Gangstern und Gaunern" –, hat jedenfalls monatelang für reißerische Schlagzeilen gesorgt und Russland enorm unter Druck gesetzt.

Ein Bluff zum guten Zweck?

Der deutschen Version zufolge hätten die deutschen Geheimdienstler das Ganze zwar eingefädelt – aber in guter Absicht, angeblich, um weltweitem Nuklear-Schmuggel auf die Schliche zu kommen. Der Untersuchungsausschuss des Bundestages hat sich jahrelang mit dem Fall beschäftigt und die "mit großer Wahrscheinlichkeit" russische Herkunft im Abschlussbericht vom 28. Mai 1998 bestätigt. Für die Feststellung des genauen "Fingerabdrucks" sollten die Russen jedoch Zugang zu den Nuklearanlagen gewähren.

Hierzu wäre ein Abgleich mit den 'Fingerabdruck-Karteien', d.h. den Produktionsprotokollen und Spaltstoffüberwachungsdokumenten der jeweiligen Anlagen, erforderlich. Die entsprechenden Einrichtungen müssten fortlaufend vollständige Betriebs- und Überwachungsdokumentationen durchgeführt haben. Ferner müssten die zuständigen Behörden bereitwillig die Einsichtnahme in die Ergebnisse dieser Dokumentationen gestatten. Zumindest letztere Voraussetzung ist nicht erfüllt", steht im Bericht auf der Seite 191.

Während der Präsidentschaft Boris Jelzins war der vollständige Zugang westlicher Kontrolleure auch zu streng geheimen Nuklearanlagen durchaus vorstellbar: Sie hatten unter dem Vorwand der Abrüstungskontrolle ohnehin Zutritt zu fast allen Objekten der Rüstungsindustrie. Doch so weit ist nicht gekommen. Die Russen kamen im Plutonium-Fall mit eigenen Analysen zu anderen Ergebnissen.

Ermittler in Schutzanzügen suchen das Gelände in der Nähe der Parkbank ab, auf der Sergeij und Julia Skripal bewusstlos aufgefunden wurden.

Im Mai 1997 unterrichteten die Chefs der russischen Geheimdienste in Moskau den Staatssekretär Bernd Schmidbauer über diese. "Das im August 1998 eingeschmuggelte Plutonium stammt laut endgültigen Ermittlungsergebnissen des russischen Ministeriums für Atomenergie nicht aus Russland", so ihr Fazit. Schmidbauer war davon völlig "enttäuscht". Ein Jahr später musste er von seinem Posten zurücktreten.

Der Unterhändler von 1994: Dasselbe Schema wie in Salisbury

General Alexander Michailow, damals beim FSB, führte seinerzeit Gespräche mit Schmidbauer. Das heutige Mitglied des russischen Rates für Außen- und Verteidigungspolitik nahm letzte Woche an einem runden Tisch zum Fall Skripal teil, die Moskauer Tageszeitung Moskowski Komsomolez organisiert hat (RT Deutsch war durch den Moskauer freien Korrespondenten Ulrich Heyden vertreten). Er erinnerte an das damalige Verhalten der deutschen Geheimdienste und ihren politischen Auftrag im Dienste von Kanzler Kohl.

So habe man sehr wohl gewusst, dass es sich bei dem Plutonium-Skandal um eine von den deutschen Diensten eingefädelte Aktion handelte. Russland sollte an den Pranger gestellt werden.

Wir verstanden sehr gut, welche Ziele sie verfolgten. Aber mit Rücksicht auf die guten Beziehungen zwischen Boris Jelzin und Kohl haben wir auf den deutschen Geheimdienst keinen Druck ausgeübt", sagt Michailow.

Geheimdienste im Auftrag der Politik: Parallele zwischen "Fall Skripal" und Plutonium-Schwindel 1994
Der Leiter der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit des russischen Innengeheimdienstes FSB Alexander Michailow im Juli 1995.

Er wies auch auf die Unstimmigkeiten bei den Deutschen hin. Die deutschen Experten hätten damals sofort gesagt, dass das Plutonium aus Russland stamme, meint der ehemalige FSB-General. Dies sei schon merkwürdig gewesen, denn "Deutschland ist keine Atommacht und war nicht in der Lage, innerhalb eines Tages eine Analyse durchzuführen, um die Herkunft des Plutoniums festzustellen". Nach einer Isotopen-Analyse habe sich dann herausgestellt, "dass es überhaupt kein russisches Plutonium war".

Dass es zwischen Salisbury 2018 und München 1994 eine Parallele gibt, liegt für den ehemaligen Geheimdienstgeneral Michailow auf der Hand. "Was wir jetzt im Fall Skripal sehen, ist dasselbe Schema." Wie damals werde Russland "als der größte Feind der Menschheit dargestellt, weil wir angeblich Menschen auf der ganzen Welt vergiften". Michailow ist sich sicher, dass "der britischen Führung ein ähnliches Schicksal widerfahren wird wie dem damaligen deutschen Geheimdienst-Koordinator Schmidbauer". Man könne schon Wetten abschließen, "wie lange Theresa May auf ihrem Posten bleibt, drei Monate, sechs Monate?"

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