Im russischen Westen: Ostsee-Strände, Bernstein und ein nagelneues Fußballstadion

Im russischen Westen: Ostsee-Strände, Bernstein und ein nagelneues Fußballstadion
In diesem Jahr wird Kaliningrad Anlaufpunkt für Fußball-Begeisterte aus aller Welt. Im neugebauten Fußballstadion der Stadt spielen im Juni und Juli England gegen Belgien, Spanien gegen Marokko, Serbien gegen die Schweiz und Kroatien gegen Nigeria. RT Deutsch hat sich umgeschaut.

von Ulrich Heyden

Zur Einstimmung auf das große Ereignis werden am 22. März Schalke 04 und die örtliche Mannschaft „Baltika“ aufeinandertreffen. Das erste Spiel im neuen Stadion wird von Gazprom gesponsert.

Das neue Fußballstadion von Kaliningrad hat 35.000 Sitzplätzen und wurde in nur drei Jahren gebaut. Der Bau kostete 260 Millionen Euro. Das Stadion liegt fast direkt im Stadtzentrum auf einer sandigen Insel, die von den beiden Armen des Pregolja-Flusses umschlossen wird.

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Da das Stadion nah an den Flussarmen liegt, mussten aufwendige Drainage-Arbeiten zur Trockenlegung des Gebietes durchgeführt werden. Einer der Bauleiter, Raschid Gabdrachmanow, der auch schon in Sotschi für die Olympischen Winterspiele mitgebaut hat, erklärt, dass man das ganze Gebiet zur Drainage in verschiedene Basseins aufgeteilt hat. Das Grundwasser fließe auf natürlichem Wege ab. Nur wenn es langanhaltenden Regen gibt, „dann schalten wir die Pumpen ein“.

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Zahl der Touristen steigt

Das Gebiet Kaliningrad – das ehemalige Nord-Ostpreußen – hat heute 980.000 Einwohner. Für Interessierte gibt es viel zu sehen. 2016 kamen 1,3 Millionen Touristen, davon 150.000 Ausländer. Die Zahl der Touristen ist steigend. 2016 stieg sie um 30 Prozent, in den ersten neuen Monaten von 2017 um sieben Prozent. an Die Zahl der ausländischen Touristen ist allerdings von 15 auf zehn Prozent zurückgegangen.

Im Bereich Tourismus wird viel investiert. In Swetlogorsk, dem früheren Rauschen, an der Ostsee wird mit finanzieller Unterstützung aus Moskau eine neue Uferpromenade gebaut. Die Bemühungen für eine saubere Umwelt an den 150 Kilometer langen Stränden von Kaliningrad wurden schon gewürdigt. 2016 bekam der Strand am Ostsee-Ort Jantarni die „blaue Flagge“, mit dem die internationale Foundation for Environmental Education Leistungen beim nachhaltigen Tourismus auszeichnet.

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Zur deutschen Vergangenheit des Gebietes haben die Menschen in Kalinigrad ein entspannt-positives Verhältnis. Überall trifft man auf Souvenirs mit dem Schriftzug „Königsberg“. Den alten Namen schreibt man nicht nur, weil es die deutschen Nostalgie-Touristen mögen, sondern auch weil es den Russen, die jetzt schon in der dritten Generation in Kaliningrad leben, gefällt. Deutsche Architektur – zwar nicht immer im besten Zustand – kann man im ganzen Gebiet von Kaliningrad bewundern.

Das berühmteste Gebäude mit deutscher Geschichte ist der über 600 Jahre alte Dom von Kaliningrad. An seiner Außenwand befindet sich das Grab des deutschen Philosophen Immanuel Kant. Der in den letzten 25 Jahren wiederaufgebaute Dom – er wurde im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört – dient jetzt als Konzertsaal. Andachten werden nur noch in zwei kleinen Kapellen gehalten. Die Kapellen, eine russisch-orthodoxe und eine lutherische, befinden sich am Eingang des Doms.

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„Der Dom von Kaliningrad sollte ein Symbol für die deutsch-russische Freundschaft werden“, sagt Waldemar Biss. Er leitet die lutherische Kapelle im Dom. Biss erinnert sich an das Jahr 2005. „Damals kam das erste Mal nach dem Krieg ein deutscher Kanzler, Gerhard Schröder, in den Dom. Er kam gemeinsam mit Putin.“

Ergebnis dieses Besuches war, dass Russland zwei moderne Orgeln von der Firma Alexander Schuke in Potsdam für den Dom bestellte. Russische Firmen übernahmen den Bau des Gerüstes und der Fassade für die Musikinstrumente. „Die neuen Orgeln, das war eine echte deutsch-russische Gemeinschaftsarbeit“, sagt Biss.

Die beiden Orgeln sind technisch auf höchstem Niveau. Sie sind durch ein Glasfaserkabel miteinander verbunden und können so gleichzeitig bespielt werden. „Sowas findet man in Deutschland nur in großen Kirchen, wie etwa in München“, sagt Jewgeni Awramenko. Einmal in der Woche hält der junge Organist für Interessierte Vorträge über die beiden Orgeln und zeigt auch deren kompliziertes Innenleben.

Es ist beeindruckend, wenn man hört, wie leichthändig Awramenko das Tschaikowski-Stück „Die Zuckerfee“ aus dem Nussknacker-Ballett auf der Orgel spielt. Unter den Händen des jungen Mannes klingt die Musik tänzerisch-leicht und nicht schwer, wie man es von Kirchenmusik gewohnt ist.

Deutschland habe in den 1990er Jahren angeboten, den zerstörten Dom komplett wieder aufzubauen, erzählt Kapellen-Leiter Biss. Die Bedingung sei gewesen, dass das Gebäude wieder zur Kirche werden muss. Doch darauf habe sich die russische Seite nicht eingelassen.

Man einigte sich auf eine Zusammenarbeit. Die Zeit-Stiftung übernahm die Finanzierung eines neuen Kirchendaches. Auch die Nostalgie-Touristen, von denen jetzt fast keine mehr kommen, hätten damals sehr viel für den Wiederaufbau des Doms gespendet. „Eine Spendenkasse ging immer durch die Touristen-Busse“, so Biss. Warum nur noch wenig Nostalgie-Touristen aus Deutschland kommen, frage ich. Das hänge wohl mit der derzeitigen politischen Situation zusammen, antwortet er.

90 Prozent aller Bernsteinvorräte weltweit lagern in Jantarni

Ich bin mit einer Journalisten-Gruppe unterwegs. Die Verwaltung des Gebietes Kaliningrad zeigt uns touristisch und wirtschaftlich interessante Objekte wie die hochmoderne neue Fischfabrik „Korat“. Sie liegt nördlich von Kalinigrad im Ort Pionerski, dem früheren Neukuhren. 100 Arbeiterinnen und Arbeiter verarbeiten hier im Schichtsystem mit modernen Maschinen Fisch aus Russland, aber auch aus dem Ausland. 6.000 Tonnen Fisch werden im Jahr zerkleinert und in Konserven abgefüllt, sagt uns Igor Korolow, ein leitender Mitarbeiter. Geplant ist die Verarbeitung von 1.000 Tonnen Fisch im Monat. Die Fabrik exportiert 15 Prozent ins Ausland, vor allem nach Aserbaidschan, Armenien und Georgien. Bestellungen gäbe es auch aus Israel und Ägypten.

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Gezeigt wird uns auch die Fabrik General Satellite. Sie liegt östlich von Kaliningrad in Gusew, dem ehemaligen Gumbinnen. In einer neuen Fabrik mit 2.000 Mitarbeitern werden Mikrochips und Empfänger für Satellitenfernsehen produziert. Die Fabrik konnte bei ihrer Gründung zunächst noch Steuervorteile der Sonderwirtschaftszone Kaliningrad nutzen. Diese Steuervorteile mussten nach dem Eintritt Russland in die Welthandelsorganisation jedoch teilweise wieder gestrichen werden.

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Wir fahren wieder an die Ostseeküste zum Dorf Jantarni, dem früheren Palmnicken, wo es einen Bernsteintagebau gibt. Am Rande des Ortes haben sich Bagger tief in die Erde gegraben. Hier an der Ostsee liegen nach Angaben des staatlichen Bernsteinkombinats 90 Prozent der weltweiten Bernsteinvorkommen unter der Erde. Im Dezember verkündete das Kombinat, man habe 2017 mit 453 Tonnen gefördertem Bernstein das beste Ergebnis seit 41 Jahren erzielt.

Die Kraterlandschaft, wo Bernstein abgebaut wird, dürfen Besucher nicht betreten. Aber von einem Aussichtspunkt kann man die Bagger beobachten. Damit Touristen trotzdem ein Gefühl bekommen, wie es ist, nach Bernstein zu suchen, dürfen sie am Aussichtspunkt in einer Sandkiste ein bisschen buddeln. Dabei wird eigentlich jeder fündig.

Christiane Reymann und Wolfgang Gehrcke präsentierten in Moskau ihr gemeinsam verfasstes Buch.

Todesstrafe unter dem Deutschen Orden

Auf dem Aussichtspunkt steht auch ein Galgen. Er erinnert an eine Zeit als Bernsteindiebe einfach aufgehängt wurden. Am Fuße des Galgens liest man auf einer hölzernen Tafel: „Hier wird jeder aufgehängt, der Bernstein bei dem Deutschen Orden stiehlt. Hermann von Salza.“

Der Bernstein, der bei Jantarni gefördert wird, liegt in 60 bis 70 Meter Tiefe in einer hellblauen Erde und ist 50 Millionen Jahre alt. Arbeiter waschen die geförderte hellblaue Erde aus. Mit Käschern angeln sie dann die zum Teil großen Bernsteinbrocken aus der trüben Brühe.

Im Bernsteinmuseum von Jantarni erklärt Swetlana Schuwalowa, die Tourismusbeauftragte des Bernsteinkombinats, wie nach dem Krieg alles wieder begann. Sie zeigt auf ein paar schlichte Bernsteinbroschen, die in den 1950er und 1960er Jahren in großen Auflagen hergestellt wurden. „Man könnte sagen, das Design ist primitiv. In Wirklichkeit spielten diese Stücke eine ganz besondere Rolle. Ja, sie waren einfach. Aber die Menschen, die diese Kunstwerke geschaffen haben, verfügten über keinerlei Erfahrungen. Sie kamen in dieses Gebiet, aus dem vorher die Bevölkerung nach Deutschland übergesiedelt worden war. Sie mussten sich an die Natur und das Klima gewöhnen und mit den Folgen des schrecklichen Krieges fertig werden und gleichzeitig einen traditionellen Wirtschaftszweig entwickeln.“

Russischer Bernstein – sehr begehrt in China

Das Bernsteinkombinat hat auch ein Tochterunternehmen, das das Ostseegold zu Schmuck weiterverarbeitet. Der Großteil des Schmucks wird auf dem Inland-Markt verkauft. Ein kleinerer Teil geht ins Ausland, nach China, Japan und Europa.

Die Zusammenarbeit mit China wird jetzt enger. Ein chinesisches Unternehmen will auf dem Gelände des Bernsteinkombinats einen Betrieb zur Weiterverarbeitung aufbauen. 150 Menschen sollen dort arbeiten.

Bei einer Videokonferenz gesteht der neue Gouverneur von Kaliningrad, Anton Alichanow, ein, dass das Ostseegold vom Bernsteinkombinat in den vergangenen Jahren oftmals auf illegalem Wege nach China zur Weiterverarbeitung gelangt sei. Diesen illegalen Handel versuche man jetzt über elektronisch-gestützten Handel an der Börse, Auktionen sowie direkten Verträgen mit Firmen aus China auszutrocknen. 

Auf die Frage von RT Deutsch, wie der illegale Bernsteinabbau bekämpft wird, antwortet Alichanow, dass der Duma ein Gesetzesprojekt vorliegt, wonach die Strafen von umgerechnet 100  auf 3.000 Euro heraufgesetzt werden sollen. Außerdem gehe man intensiver gegen illegale Bernsteingrabungen vor. Während es 2013 bei nur 300 Fällen zu Strafmaßnahmen kam, wurde 2016 schon gegen 2.500 Personen Strafen verhängt.

Die soziale Lage im Gebiet Kaliningrad sei mit Monatslöhnen von 450 Euro im Monat nicht schlechter als in anderen russischen Regionen, sagt der Gouverneur. Dass soziale Not, die Menschen zwinge, nach Bernstein zu graben, stimme nicht.

Der Gouverneur gibt sich hoffnungsvoll: Wenn sich das politische Klima zwischen der EU und Russland wieder entspanne, könne Kaliningrad wegen seiner geographischen Lage „zur Lokomotive werden“. Noch gäbe es genug landwirtschaftliche Fläche, die preisgünstig von ausländischen Landwirtschaftsunternehmen für drei bis 49 Jahre gepachtet werden könne. Deutsche Firmen, so verrät der erst 31-Jährige, planten die Pacht von 5.000 Hektar für den Getreideanbau.

Die Landwirtschaft im Gebiet Kaliningrad sei der Bereich, der nach der Rubelabwertung 2014 stark zugelegt habe und mit Finanzhilfen der russischen Regierung weiter ausgebaut werden soll. Welche Höhe die Investitionen aus der EU zurzeit haben, kann uns der Gouverneur jedoch nicht sagen. Die Daten seien bei der russischen Zentralbank unter Verschluss.

Im Zauberwald

Unser Weg führt uns weiter auf die Kurische Nehrung, eine 98 Kilometer lange Landzunge, die zwischen zwei Wasserflächen – der Ostsee und dem Kurischen Haff – liegt. Der nördliche Teil der Kurischen Nehrung gehört zu Litauen, der südliche zu Russland.

Anastasia Skrebzowa, eine Mitarbeiterin des Nationalparks Kurische Nehrung erklärt, was für eine wichtige Rolle der Schutz der Dünen vor dem starken Wind der Ostsee spielt. „Nachdem im Mittelalter der Deutsche Ritterorden begonnen hatte, für den Bau von Häusern und Schiffen den Wald abzuholzen, konnte der Wind ungehindert von der Ostsee in Richtung Kurisches Haff blasen. 14 Dörfer auf der Kurischen Nehrung wurde vom Sand begraben.“

Zivilisten am Kontrollpunkt Stanica Luganskaja an der Demarkationslinie in der selbstproklamierten Republik Lugansk

Der Wind, die Sonne und das Meeresklima haben eine einzigartige Landschaft geschaffen, die im Jahre 2000 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Auf den bis zu 60 Meter hohen Dünen fühlt man sich frei und unbeschwert. Auf dem Rückweg besuchen wir den „Zauberwald“, wo die Stämme der Kiefern nicht gerade nach oben gewachsen sind, sondern zwischendurch noch einen Kringel machen, so als hätten sie Angst, in der Höhe auf den Ostseewind zu treffen. 

Zum Schluss unserer Rundreise besuchen wir eine Vogelwarte, die versteckt in einem Wäldchen liegt. Für Ornithologen ist die Kurische Nehrung ein Paradies. Denn im Herbst, wenn die Zugvögel aus den baltischen Ländern und Russland sich auf den Weg nach Westeuropa und Afrika machen, passieren bis zu zwei Millionen Vögel täglich die Kurische Nehrung. Auf der Landzunge legen sie eine Rast ein und suchen nach Futter.

Die Vogelwarte hat ein großes Netz, in dem Vögel gefangen werden, um sie zu untersuchen und zu beringen. Das tut man, um die Wanderrouten der Tiere zu erkunden. Außerdem versucht man herauszufinden, woher die Vögel ihre phänomenalen Navigationsfähigkeiten haben.

Der Ornithologe Arseni erklärt, dass die Vögel sehr genau navigieren. Ein Vogel fliege 15.000 Kilometer und steuere dann einen Platz von einer Größe von 300 Quadratmetern an. „Rechnen Sie sich aus, um wieviel ein Vogel sein Ziel verfehlt, wenn er seine Route nur um ein Grad ändert. Die Vögel haben einen sehr genauen Mechanismus. Wie der genau funktioniert, ist noch ein Rätsel. Auf unserer Vogelwarte arbeiten wir insbesondere an dieser Frage. Wir haben Daten, nach denen die Vögel das Magnetfeld der Erde zur Orientierung benutzen. Aber die Sache ist die, dass das Magnetfeld der Erde nicht stabil ist.“

Wer einmal auf der Kurischen Nehrung war, den zieht es immer wieder dorthin. Der Duft der Kiefern, das sanfte Rauschen des Windes und das Gefühl, auf einer Insel zu sein, ist schön und märchenhaft.

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