"Kann russischen Olympia-Sport vernichten": WADA-Informant Rodtschenkow zu seinen Motiven

"Kann russischen Olympia-Sport vernichten": WADA-Informant Rodtschenkow zu seinen Motiven
Der damalige Chef des russischen Anti-Doping-Zentrums, Grigori Rodtschenkow, in seinem Büro im Jahr 2009.
Der russische TV-Sender NTV strahlte jüngst Ausschnitte aus Video-Gesprächen mit dem WADA-Informanten Grigori Rodtschenkow aus. Rodtschenkow Äußerungen vor der Kamera widersprechen eklatant dem Bild eines "Kämpfers für den sauberen Sport".

Der Kampf gegen das Doping ist mir sch***egal", räumt der zurzeit berühmteste Whistleblower im Bereich des Sports, Grigori Rodtschenkow, freimütig ein und schimpft über Nicht-Profis, die sich anmaßen, über Doping zu sprechen.

Wie er seine Rolle sieht, beschreibt er in sehr plastischer Weise:

Ich bin ein Straßenhund, ich tauche bei den Sportlern bis auf die Ellenbogen in den Urin. Sie sitzen auf den Fensterbänken und bellen mich an – Wuff, Wuff", sagt er an einer anderen Stelle.

Dabei zeigt er sich auf seine ganz spezifische Weise seiner Fehlbarkeit bewusst:

Auf mir lasten alle Sünden außer Pädophilie, Homosexualität und Drogenhandel.

Mehr noch:

Die ausländische Presse schreibt zurecht, dass ich ein schlimmer Mensch und eine käufliche Seele bin", sagt der ehemalige Chef des Moskauer Antidoping-Labors zwischen Bier-Konsum und dem Verzehr der China-Nudeln.

Diese und andere Video-Schnipsel mit Rodtschenkow zeigte am 2. Dezember der russische Kanal NTV in seinem Programm "Zentrales Fernsehen". Mit wem und wann der selbst ernannte Enthüller jeweils sprach, ist unklar, der Moderator sagte lediglich, der Sender sei in den Besitz dieser Aufnahmen gekommen. Eines scheint jedoch festzustehen: Die mit der Kamera aufgezeichneten Gespräche fanden in Rodtschenkows Wohnung bei Los Angeles in den USA statt, wo dieser seit Dezember 2015 lebt.

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Trotz großzügiger Gönner Geldprobleme

Diese Wohnung wird ihm bezahlt, erzählt er weiter, obendrauf bekommt der Whistleblower auch ein Auto - das jüngste "Infinity"-Modell. Für seine Tagebücher habe er eine Million Dollar erhalten. Trotzdem, so der Kronzeuge, habe er Geldprobleme – "meine Finanzen sind ausgeschöpft". Rodtschenkow trauert seiner Zeit in Moskau nach, als er als Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors ein Gehalt von offiziell 600.000 Rubel (ca. 9.000 Euro) im Monat bezog.

An anderer Stelle erzählt der gesprächige Whistleblower, dass er seinen berühmten Cocktail "Djusches", den er angeblich den russischen Olympia-Sportlern während der Spiele in Sotschi 2014 verabreicht hatte, nach dem Rezept des "größten Spezialisten im Bereich Prohormone", Levellin Williams, hergestellt habe. Seine Tabletten hätten keinen Einfluss auf Steroide-Profil, obwohl man sich nach deren Konsum "wie auf Gas" fühle.

Dieser Cocktail steht zurzeit im Zentrum der Vorwürfe gegen den russischen Olympia-Sport. Rodtschenkow zufolge nähmen Sportler täglich dieses Gebräu aus Metenolon, Trenbolon, Oskandolon und anderen Anabolika, gemischt mit Whisky für Männer oder mit Wermut für Frauen. Alkohol sollte den Prozess der Absorption verbessern, was den Zeitraum einer möglichen Entdeckung verringern sollte.

Schenkt man seinen Schilderungen Glauben, wäre er selbst unmittelbar in Manipulationen verwickelt. Laut Rodtschenkow hatten diese aber Witali Mutko und Juri Nagornykh - der damalige russische Sport-Minister und dessen Vize - angeordnet. An anderer Stelle brüstete sich der WADA-Informant damit, dass er in der Lage wäre, den gesamten russischen Olympia-Sport zu vernichten:

Ich mache es so, dass man bei dir unter 20.000 nur eine positive Probe finden wird, aber ich kann es auch so machen, dass ich mit nur 100 Proben  den gesamten russischen olympischen Sport für die nächsten fünf Jahre vernichte.

Das Bild, das das russische Fernsehen am Samstag lieferte, rundete Rodtschenkows ausführliche Erzählung ab, wie dieser selbst im Jahr 2013 Harakiri begehen wollte. Damals habe er das Herz und die Lungen nur um jeweils einen Zentimeter verfehlt, was ihm das Leben rettete. Außerdem gibt Rodtschenkow gegenüber seinem unbekannten Gesprächspartner zu, in einer psychiatrischen Anstalt gewesen zu sein, zwecks "allgemeiner Entwicklung".

Wie glaubwürdig ist ein psychisch nachgewiesen beeinträchtigter Kronzeuge?

Selbst wenn diese Gesprächsausschnitte aus ihrem Kontext gerissen sein könnten, werfen sie Fragen nach der geistigen Verfassung des WADA-Informaten auf und - folgerichtig - nach dessen Glaubwürdigkeit. In Russland ermitteln die Behörden gegen ihn. Das russische Ermittlungskommitee geht davon aus, dass Rodtschenkow nun seine eigene Schuld an tatsächlichen Doping-Machenschaften auf das von ihm behauptete, angebliche Staatsdoping abwälzen will.

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Russische Sport-Funktionäre wie Swetlana Schurowa, einstige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin und über ein ganzes Jahrzehnt hinweg eine der Weltbesten über die 500-Meter-Strecke, jetzt Abgeordnete im Föderationsrat, geben zu, dass es Doping-Probleme in Russland gab. Es sei den zuständigen Behörden von sich aus gelungen, die Fälle aufzuklären und man habe daraus Konsequenzen gezogen. Schurowa weist darauf hin, dass es in der Zeit der Olympischen Spiele mehrere Dutzend ausländischer Inspekteure gegeben habe, die die russischen Sportler strengstens kontrolliert hätten. Mittlerweile erfüllten die Russen alle WADA-Auflagen, was diese und die speziell dafür eingesetzten IOC-Kommissionen jedoch nicht daran hindere, immer mehr neue Vorwürfe gegen russische Sportler zu erheben.

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Rufe nach Boykott werden lauter

Die WADA, die keinen einzigen russischen Vertreter in ihren Reihen hat, hatte ihrerzeit die Absetzung von Grigori Rodtschenkow von dessen Posten als Chef des russischen Anti-Doping-Labors gefordert. Jetzt ist er ihr wichtigster Informant, der für seine abenteuerlichen Thesen keine anderen Beweise als Notizen in seinem Tagebuch liefert. Der Druck der WADA auf das IOC, gestützt von der westlichen Presse, kann dazu führen, dass die russische Mannschaft komplett von den kommenden Spielen in Pyeongchang im Februar 2018 ausgeschlossen wird.

Realistischer für viele russische Beobachter ist jedoch das Szenario, wonach das Internationale Olympische Komitee am 5. Dezember in seinem Beschluss doch einigen zugelassenen Sportlern aus Russland erlauben wird, unter neutraler Flagge aufzutreten oder unter Verzicht auf das Abspielen der Hymne bei Vergabe der Medaillen. Die Rufe, in diesem Fall die Olympischen Spiele zu boykottieren, werden in Russland jedoch immer lauter. Die Leidtragenden werden aber auf jeden Fall hunderte "saubere" Sportler sein, für die eine Olympia-Teilnahme der Höhepunkt ihrer Karriere wäre.