"Mein Gott, kann das sein?" - Wie die Romanows ihrem grausamen Tod begegneten

"Mein Gott, kann das sein?" - Wie die Romanows ihrem grausamen Tod begegneten
Als Nikolaus II. und Großherzog Michail Alexandrowitsch im März 1917 auf ihre Ämter und Würden verzichteten, gingen sie von einem Rückzug ins Privatleben aus. Ein Jahr später wurden sie jedoch von den neuen Machthabern ermordet.

Während seiner achttägigen Reise in einem fensterlosen Güterzug ins Exil in den Ural im März 1918 hatte Großherzog Michail viel Zeit gehabt, darüber nachzudenken, ob er wirklich alles getan habe, was er konnte, um dieses Ergebnis zu vermeiden. Er hatte der Provisorischen Regierung seine Dienste angeboten, sollte ihn das Volk zum Zaren wählen wollen, aber sich nicht mehr für irgendeine Funktion aufgedrängt.

In den vorangegangenen Monaten hat Michail während seines Hausarrests und noch danach bei den Briten um Asyl gebeten. Diese haben sein Gesuch wie auch das seines Bruders Nikolaus II. abgelehnt.

Seinen Besitz für eine Reise nach Finnland gepackt, wollte der Großherzog Russland verlassen, doch die neuen Machthaber haben ihm die Abreise in letzter Minute nicht gestattet. Er schrieb einen Brief an Wladimir Lenin, in dem er um die Erlaubnis bat, seinen Namen in Michail Brasow zu ändern, um zumindest in entadelter Form Russland verlassen zu können. Die Bitte wurde ignoriert. Dennoch hat er keinen Fluchtversuch unternommen.

Mit eingeschränktem Gefolge nach Perm

Das soll nicht heißen, dass sich Michail Alexandrowitsch bei seiner Ankunft in Perm zu anonymem Elend herabgestuft gefunden hätte, obwohl es vielleicht seine Unfähigkeit war, unterzutauchen, die am Ende sein Schicksal besiegelte.

Der Großfürst Michail Alexandrowitsch.

Obwohl der Großherzog zunächst im Gefängniskrankenhaus untergebracht war, bat er die bolschewistischen Führer um bessere Bedingungen und wurde bald in die Königszimmer, das beste Hotel der Provinzstadt, umgesiedelt - mit einem reduzierten Gefolge von nur noch seinem Diener, einem Sekretär und einem Fahrer. Der Rolls Royce war stets vor dem Haus geparkt, aber es gab weder Fahrtziele noch Straßen, auf denen das Auto fahren hätte können. Michail Alexandrowitsch standen genügend Ressourcen zur Verfügung, um zumindest eine Karikatur seines gewohnten, entspannten Lebensstils aufrechterhalten zu können.

Er ging mit seinem Sekretär Nicholas Johnson durch die Innenstadt spazieren, bevor er einer Oper von jenem Balkon aus zusah, der immer für ihn reserviert war. Der große, schlanke und geniale Adelige und sein verlassener, stämmiger Kumpan stellten ein Paar dar, das den Hof jahrelang amüsiert hatte. Auf der Rückseite ihres letzten gemeinsamen Fotos schrieb Michail, dass er geschworen habe, seinen Bart bis zu seiner Freilassung nicht abzurasieren.

Der Großfürst Michail Alexandrowitsch und sein Kumpan Nicholas Johnson.

Aber Michail Alexandrowitsch war nicht derjenige, der die Bedingungen stellte. Seine lokale Berühmtheit wurde alarmierend groß, zu groß für die neuen Machthaber. Mittellose Frauen pilgerten seine tägliche Route entlang, eine örtliche Kathedrale machte ihn und seine Gastfrau zu Ehrengästen eines überfüllten Gottesdienstes. Außerdem wurden fast täglich kleine Geschenke von Sympathisanten in sein Zimmer gebracht.

Bolschewiki sahen Gefahr durch steigende Popularität des Großherzogs

Die Schlinge war unterdessen bereits gespannt. Bald musste er sich, zu seinem Unverständnis, täglich bei der örtlichen Geheimpolizei melden, die von nun an seine Bewegungen beobachtete. Michail Alexandrowitschs Familiensitz im Westen Russlands wurde verstaatlicht, seine Schätze auf Kutschen weggebracht.

Der eigentliche Zeitpunkt der Ermordung des Großherzogs hatte einen engen Zusammenhang mit dem Aufstand der tschechoslowakischen Legion. Diese hatte im Ersten Weltkrieg aufseiten der Entente gekämpft und schloss sich später der Weißen Armee an, die gegen die Bolschewiken kämpfte. Die Legion war in Russland gefangen und bemüht, sich durch eine Reihe von Städten entlang der Transsibirischen Eisenbahn den Weg nach draußen freizukämpfen. Die Bolschewiki genossen innerhalb der Industriestadt, in der sich der Adelige befand, hingegen nur eine fragile Unterstützung. Obwohl er keine politischen Ambitionen hegte und die Vorschläge seiner Anhänger, er möge fliehen, verlachte und scherzte, dass seine Statur das Verstecken schwierig machen würde, befürchteten die Kommunisten vor Ort, dass der Adelige und ehemalige Kriegsheld zum Aushängeschild für einen Aufstand werden könnte.

Obwohl die Verantwortung für seinen Tod zwischen der bolschewistischen Führung, dem örtlichen Sowjet oder einer kleinen Gruppe von Berufsrevolutionären nie mit Sicherheit geklärt wurde, war der Mord an dem Großherzog nicht durch eine konkrete Bedrohung ausgelöst worden, sondern erfolgte eher infolge eines kaltblütigen, gleichwohl dilettantischen Komplotts.

Am späten Abend des 12. Juni 1918 kam eine Handvoll Verschwörer im Hotel von Michail Alexandrowitsch an, der dort durch ein Geschwür ans Bett gefesselt war. Man überreichte ihm einen gefälschten Evakuierungsbefehl, den der Adelige ablehnte, zu akzeptieren. Er verlangte, mit einem hohen Beamten zu sprechen und sorgte so für Aufregung.

Noch hatte Michail keine Ahnung davon, was im Begriff war, zu geschehen, und er bat Johnson, ihn bei der Reise zu begleiten. Die Verschwörer erlaubten dies, und er stieg in einen Wagen vor dem Haus ein.

Die standrechtliche Hinrichtung war grob. Die Entführer die brachten die beiden Männer zum Stadtrand, bogen von der Straße ab und fuhren in die Nähe einiger Bäume und hielten an.

Nach dem Befehl, auszusteigen, trat Johnson aus der Kutsche und wurde sofort mit einem Schuss in den Kopf getötet. Als nächstes zielten die Attentäter auf Michail Alexandrowitsch. Die erste Kugel hat dessen Schulter gestreift, danach klemmte die Waffe. Da der Großherzog nun erkannte, dass dies das Ende war, lief er auf seinen Sekretär zu und bat darum, sich von ihm verabschieden zu dürfen. Als die Tötung drohte, sich in eine Farce zu verwandeln, gaben die Täter mehrere Schüsse auf den Adeligen ab, der neben Johnson starb.

Die Verschwörer bedeckten die Körper mit Ästen und kehrten am nächsten Tag zurück, um die Leichname zu plündern und zu begraben.

Die örtlichen Bolschewiki veröffentlichten anschließend eine falsche Geschichte über die erfolgreiche Flucht des Großherzogs und richteten mehrere Dutzend unschuldiger Kaufleute vor Ort unter dem Vorwand hin, diese hätten ihm bei der Flucht geholfen. Die Überreste von Großherzog Michail Alexandrowitsch und Nicholas Johnson wurden nie gefunden.

Das Ipatiew-Haus in Jekaterinburg, in dem die Romanow-Familie ab dem 30. April 1918 festgehalten wurde.

"Wir bereiten uns auf den Einlass ins Himmelreich vor"

Die doppelte Palisade um das Ipatiew-Haus in Jekaterinburg, die 300 Männern, die das Haus bewachten, immer strengere Rationen, Ausgangssperren und Regelungen wie die Pflicht, zu klingeln, um auf die Toilette zu gehen, müssen unterdessen in Nikolaus II. und seiner Familie Ahnungen über ihr sich anbahnendes Schicksal ausgelöst haben.

"Wir bereiten uns auf den Einlass in das Himmelreich vor", schrieb die Matriarchin Alexandra Fjodorowna über sich selbst, ihren Mann, ihre vier Töchter und ihren Sohn, den Zarewitsch Alexej, der durch Kniebeschwerden so stark verkrüppelt war, dass er getragen werden musste.

Nikolaus II.

Doch allem Fatalismus zum Trotz zog sich die Familie in das einfache Leben zurück, beschäftigte sich mit Gartenarbeit und körperlicher Bewegung. Als auch das nicht mehr erlaubt war, lenkten sich die Romanows mit Kartenspielen und Gebet ab, während sie heimlich die Hoffnung auf Rettung wahrten.

Alexandras letzter Tagebucheintrag vom 16. Juli 1918 lässt noch nicht die Schrecken der darauffolgenden Nacht erahnen:

Grauer Morgen, später schöner Sonnenschein. Baby [Alexej] hat eine leichte Erkältung. Alle gingen morgens für eine halbe Stunde raus. Olga und ich kümmern uns um unsere Medikamente. Tatiana las geistliche Lektüre.

Nach einem Bezique-Spiel mit seiner Frau ging der abgesetzte Zar um 22.30 Uhr zu Bett und wurde um Mitternacht durch eine Nachricht seines späteren Henkers Jakow Jurowsky geweckt, der ihm die gleiche Lüge erzählte, die er einen Monat zuvor schon verwendet hatte. Nämlich, dass die Familie evakuiert werden musste.

Ohne Widerstand zog sich die ganze Familie an, die Frauen kleideten sich in ihre Unterwäsche, in die zehn Kilogramm Diamanten eingenäht worden waren, und gingen in den Hof, danach in einen Keller ohne Ausweg, bevor sie für ihr letztes Foto posieren mussten.

Schließlich kam Jurowsky und las ein einstimmiges Vollstreckungsurteil vor, auf das ein unverständlicher Nikolaus antwortete: "Mein Gott, kann das sein?". Anderen Berichten zufolge fragte der Zar einfach: "Was? Was?"

Die Frauen begannen sich zu bekreuzigen, aber bevor sie die Geste vollenden konnten, durchdrangen die Kugeln ihrer Mörder ihre Körper. Als sich der Rauch im Raum legte, wimmerten die von Kugeln durchsiebten Adeligen immer noch vor Schmerz, und die bolschewistischen Soldaten begannen, immer wieder mit Bajonetten auf deren Körper einzustechen. Auch dies reichte nicht aus, um den Job zu beenden. Schließlich erschoss Jurowsky den dreizehnjährigen Alexej persönlich mit zwei Schüssen in den Kopf.

Ipatiew House. Die Mauer, an der die Romanow-Familie hingerichtet wurde.

Vom ersten Schuss bis zum tatsächlichen Eintritt des Todes soll die Hinrichtung um die 20 Minuten gedauert haben.

Als die Tschechoslowakische Legion am 25. Juli 1918 in Jekaterinburg ankam, fand sie keine Anzeichen mehr für eine Anwesenheit der letzten russischen Zarenfamilie.