Wortspiel oder Verleumdung? Diplomatische Mini-Krise um Putin-Hund-Vergleich

Wortspiel oder Verleumdung? Diplomatische Mini-Krise um Putin-Hund-Vergleich
Russische Botschaft in Berlin.
Die Bezeichnung Wladimir Putins als "Hund" im Magazin "Focus" sorgte am Dienstag für Entrüstung bei der russischen Botschaft. Das Blatt erklärte das Ärgernis mit einer falschen Interpretation. Inzwischen erreichte die Story die russische Machtzentrale.

Noch einmal: Was hat Focus so Verwerfliches geschrieben, das die russischen Diplomaten so verärgert hat?

Sie hat zwar Angst vor Putins Hund, aber keine Angst vor dem Hund Putin", schrieb Focus in einem Artikel seiner Print-Ausgabe über die Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die entsprechende Zeile war aus dem restlichen Text durch Schrift und Farbe hervorgehoben.

Für den Sprecher der russischen Botschaft, Denis Mikerin, wurde hier deutlich eine rote Linie überschritten.

Daraufhin schrieb der Pressesprecher der Russischen Botschaft in Berlin, Denis Mikerin, auf seinem Facebook-Account: "Rote Linien gibt es doch." Er erwartete vom Chefredakteur des Magazins, Robert Schneider, eine Entschuldigung für die misslungene "linguistische Übung" seiner Journalisten.

Focus reagierte, aber nicht entschuldigend. Sowohl gegenüber Denis Mikerin als auch in den Stellungnahmen gegenüber der Presse wählte der Chefredakteur die gleiche Argumentation. Bei der Bezeichnung "Hund" handele es sich lediglich um ein ironisches Wortspiel:   

Die der Formulierung war es nicht unsere Absicht, eine Beleidigung oder Herabwürdigung auszusprechen. Vielmehr ging es in erster Linie um ein ironisch gemeintes Wortspiel. Die Bezeichnung 'Hund' ist gleichbedeutend mit harter Hund oder harter Kerl zu sehen. Leider lässt sich die Ironie unserer Zeile offenbar nicht adäquat ins Russische übertragen.

Der russische Präsident Wladimir Putin und Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einer Pressekonferenz im Jahr 2006.

Also besitzen die Russen kein Humor? Den russischen Diplomaten konnte Focus jedenfalls nicht überzeugen. In seiner erneuten Stellungnahme schrieb Denis Mikerin, es war in dem Zitat nicht von einem "harten Hund" die Rede, sondern nur von einem "Hund". Auch der Duden lege bei der Bezeichnung "Hund" in diesem Zusammenhang nur eine Interpretation nahe:

Das, was Sie als 'ironisches Wortspiel' bezeichnen, wird auch in Deutschland und von Deutschen als klare Beleidigung betrachtet. In den aktuellen turbulenten Zeiten, auch für die bilateralen deutsch-russischen Beziehungen, ist es besonders wichtig, sich jedes ausgesprochene Wort sehr gut zu überlegen", schrieb Mikerin.

Kreml: Focus ist "keine beachtenswerte Quelle"

Zwar klang der Diplomat in seinem zweiten Eintrag etwas versöhnlicher, die Erklärungen der deutschen Journalisten vermochten die diplomatische Mini-Krise nicht mehr zu bändigen: Der Kreml ergriff das Wort. Der Presse-Sprecher des russischen Präsidenten schimpfte über Focus. Dieser sei in Bezug auf Russland immer "äußerst subjektiv" und "äußerst russophob", kommentierte Dmitri Peskow am Mittwoch vor Journalisten.

Deshalb zeigen wir für die Berichterstattung dieser Zeitschrift eigentlich kein großes Interesse und behandeln diese nicht als beachtenswerte Quelle", antwortete der Kreml-Sprecher auf die Frage, ob Putin den betreffenden Focus-Artikel gelesen habe.

Es gibt genug Gründe, anzunehmen, dass Dmitri Peskow in Bezug auf deutsche Medien nicht nur bezüglich des Focus eine solche Meinung hat. Die russische Diplomatie nutzte die Causa als Gelegenheit, zu demonstrieren, dass es bei den Medien irgendwo auch Grenzen geben muss und setzte damit an alle ausländische Medien ein Signal, die in ihrer hasserfüllten Berichterstattung zu Putin und Russland bereit sind, tägliche neue Anstandsgrenzen niederzureißen.

Nicht zuletzt infolge einer betont negativen Berichterstattung sind Menschen für Anti-Putin-Proteste zu jedem Anlass mobilisierbar. Bild: Femen-Protest vor der Botschaft wegen Olympischer Spiele in Sotschi, 7. Februar 2014. Zudem gab es Proteste wegen der Ukraine, Syrien, "Homophobie" usw.

Das Unbehagen über diese trieb Senator Alexei Puschkow seinerseits auf die Spitze: Er schrieb auf seinem Twitter-Account, Focus sei "uferlos" und ähnele immer mehr dem "Völkischen Beobachter".

Ausdruck manischer Besessenheit?

Viele in Russland sehen jedoch in dem zweifelhaften linguistischen Spiel von Focus eine merkwürdige Form, auszudrücken, dass der Westen im russischen Präsidenten vor allem einen starken Politiker sieht.

In seiner teilweise manisch anmutenden Besessenheit von ihm habe der Westen Putin selbst beinahe zu einem "Allmächtigen" erhoben, der sogar in der Lage sei, westliche Staatenlenker abzusetzen oder zu bestimmen, sagte der hauptamtliche Wissenschaftliche Mitarbeiter des Instituts für USA- und Kanada-Studien, Wladimir Wasiljew, im Radio Sputnik. Dieses Image wirke sich wohl auch auf deutsche Journalisten aus, die unterschwellig offenbar tatsächlich der Meinung sind, Putin könne auf Wahl des deutschen Kanzlers einwirken.

Jedenfalls ist es offensichtlich, dass Putin in Deutschland als starker Präsident wahrgenommen wird, jemand, den man vielleicht sogar fürchte – diese Empfindungen verkörpern sich unter anderem in solchen journalistischen Passagen", sagte Wasiljew.

Es ist sehr gut möglich, dass nach dieser diplomatischen deutsch-russischen Mini-Krise deutsche Journalisten ihre Gefühle in einer weniger zweideutiger Weise zum Ausdruck bringen werden.